27. Dezember 2018, 17:00 Uhr

Sattlerei

Sattlerarbeit in Karben: Vom Oldtimer bis zum Jet Ski

Schon seit 1963 gibt es die Sattlerei Müller in Karben. Jochen Müller führt den Betrieb gemeinsam mit seinem Vater Werner und Bruder Jochen. Mit Hand, Herz und Kopf sind sie im Einsatz.
27. Dezember 2018, 17:00 Uhr
HCP
Ob Oldtimer oder Jet Ski: Stefan Müller liebt die Vielseitigkeit in seinem Beruf, dem Sattlerhandwerk. (Fotos: Protzel)

Schon beim ersten Streifzug durch Stefan Müllers Werkstatt wird klar: Dieser Ort ist ein Traum für Autoliebhaber. Ob Mercedes SL fast aller älteren Generationen, ein alter VW Bus oder Porsche mit Oldtimer-Status – die Müllers haben sie alle da, um sie wieder schick zu machen. Und das gestaltet sich manchmal gar nicht so einfach:

»Oftmals gibt es keine Originalteile mehr, mit denen man das Auto aufbereiten kann. Oder es wurden zwischenzeitlich schon falsche Teile eingebaut, und wir müssen erstmal herausfinden, wie es richtig und ursprünglich ausgesehen hat«, berichtet der 45-Jährige. Dazu müsste er sich eigentlich am besten erstmal im Museum schlau machen, erzählt er. Und das zahle natürlich der Kunde nicht. Aber zu Zeiten des Internets gäbe es ja glücklicherweise viele Wege der Recherche, sagt Stefan Müller und lacht.

 

Gute Auftragslage

Mit Mitte 20 übernahm er den Betrieb des Vaters. Dieser wiederum hatte ihn bereits vom Onkel übernommen. Die Zusammenarbeit mit der Familie gefällt dem jungen Vater sehr. Unstimmigkeiten gebe es selten, berichtet er. Und wenn, dann wirklich nur auf fachlicher Ebene. Eigentlich möchte der 65-jährige Müller Senior seine Arbeitszeit nun langsam etwas runter drosseln. Doch das ist schwierig, denn der Sattlerei fehlt es an Manpower. Acht Leute arbeiten in der Sattlerei zurzeit, zwölf Leute könnte der Betrieb locker gebrauchen, sagt Müller.

Doch so gut die Auftragslage erfreulicherweise ist, so schwierig ist es wiederum, geeignete Angestellte zu finden. Fachangestellte wie Auszubildende. »Die meisten verschwinden schon vor dem Frühstück«, erzählt Müller Junior resigniert. Eine mangelnde Bereitschaft, handwerklich zu arbeiten, macht er dafür verantwortlich. »Handwerkernachwuchs fehlt an allen Ecken und Enden. Das betrifft auch andere Handwerksberufe«, berichtet der Sattler mit Meistertitel.

Dabei sei die Arbeit des Sattlers so abwechslungsreich. »Wenn man handwerklich ein bisschen Interesse hat, ist eigentlich für jeden etwas dabei. Wir nähen und schweißen, sind auch mal draußen unterwegs zur Montage bei Kunden. Autobegeisterte kommen bei uns voll auf ihre Kosten. Zum Teil restaurieren wir Oldtimer, die Millionen wert sind.« Und eben das mache den Beruf des Sattlers aus: Arbeiten, bei denen man mit Kopf arbeiten müsse, wie beispielsweise aufwendigere Restaurationen, wechselten sich mit eher leichten, rein handwerklichen Arbeiten ab.

 

Auch ausgefallene Anfertigungswünsche

So vielfältig wie die Arbeit an sich, ist auch der Kundenkreis der Sattlerei. Dieser umfasst Privatleute, die mit ihren Oldtimern, Markisen, Jet Skis, Bannern oder sonstigen Anfertigungswünschen kommen, ebenso wie Dauerkunden. Dazu zählt bei den Müllers beispielsweise eine Firma für Panzerfahrzeuge, deren Innenverkleidungen sie fertigen. Aber auch Garantieleistungen für Autohäuser werden von der Sattlerei übernommen.

Um den Beruf des Sattlers auszuüben, muss nicht zwingend eine Lehre absolviert werden. Stefan Müller hält es aber für ratsam. »Wir bekommen schon oft Aufträge rein, bei denen wir die fehlerhaften Arbeiten von anderen Sattlern korrigieren müssen«, berichtet er. »Ich denke, eine Lehre in diesem Beruf schadet nicht.« Die standardmäßige Aufbereitung eines Autoverdecks dauert in etwa ein bis zwei Tage. Eine größere Autoaufbereitung – inklusive aller Polster – kann schon mal bis zu einem Monat dauern. Trotz der Selbstständigkeit und guten Auftragslage versucht Stefan Müller seine Arbeitszeit täglich auf acht Stunden zu begrenzen, denn – so gern er seinen Beruf auch ausübt: Als »frischer« Papa ist ihm die Balance zwischen Arbeit und Privatleben sehr wichtig.

Info

Vielseitiges Sattlerhandwerk

Der Beruf des Sattlers/der Sattlerin ist ein dreijähriger, anerkannter Ausbildungsberuf in Industrie und Handwerk. Es sind drei Fachrichtungen wählbar: Fahrzeugsattlerei, Reitsportsattlerei und Feintäschnerei. Sattler und Sattlerinnen der Fachrichtung Fahrzeugsattlerei beziehen und polstern Autositze, bringen Inneneinrichtungen für Fahrzeuge an, montieren Verdecke für Cabriolets sowie Planen für Lkws. Beschädigte und alte Ausstattungen reparieren und restaurieren sie. Reitsportsattler/innen stellen Sättel, Geschirre und andere Reitsportartikel her, passen sie an und reparieren sie. Die Feintäschnerei beschäftigt sich mit Taschen, Koffern und Kleinlederwaren. (hcp)

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