05. Mai 2018, 12:00 Uhr

Oberburg-Verkauf

Oberburg: Schlagabtausch in der Kirche

Die Oberburg in Burg-Gräfenrode samt Lieselturm und Pfarrgarten sollen verkauft werden. In einer Gemeindeversammlung stellte sich Kaufinteressent Philipp Freiherr von Leonhardi Fragen der Roggauer. Wegen des Vorhabens gibt es heftigen Gegenwind.
05. Mai 2018, 12:00 Uhr
Um den Verkauf der Oberburg gibt es Streit in Burg-Gräfenrode. (Foto: Kötter)

L ange und emotionale Redebeiträge, gegenseitiges Unterbrechen, immer wieder Raunen in den Kirchenbänken: Es war ein emotionaler Abend, an dem sich Philipp Freiherr von Leonhardi am Donnerstag wiedergefunden hat. »Ich weiß, dass der Verkauf der Oberburg in Burg-Gräfenrode ein hoch- emotionales Thema ist«, sagte er vor den Roggauern. »Doch ich finde es auch wichtig, mich hier den verschiedenen Interessen zu stellen.«

Es war das erste Mal, dass Leonhardi nach Bekanntwerden seines Kaufinteresses an der für den Stadtteil zentralen Oberburg (diese Zeitung berichtete) vor die Roggauer Gemeinde trat. Der Ärger, der sich in der Kirche deutlich machte, richtete sich jedoch nicht gegen seine Person. Auch offene Kritiker des Verkaufs – etwa Ortsvorsteher Karlfred Heidelbach – betonten, dass dies nichts mit der Personalie zu tun habe. Im Gegenteil: Das von Leonhardi nur in Grundzügen skizzierte Vorhaben, die insgesamt 6700 Quadratmeter große Burganlage weiter der Öffentlichkeit zugänglich zu machen, sorgte für durchaus positive Reaktionen. So sicherte er zu, dass die Stadt den geplanten Spielplatz bauen und der Lieselturm wie geplant als Trauzimmer genutzt werden könne. »Ich will meine Erfahrungen aus Groß-Karben, wo ich das Schloss gezielt für Vereine und kulturelle Begegnungen geöffnet habe, auf Roggau übertragen«, sagte Leonhardi. Dies solle auch »über seine Generation hinweg« vertraglich geregelt werden.

Weitere Kaufinteressenten

Doch der geplante Verkauf spaltet derzeit den Karbener Stadtteil. So erkannten am Donnerstagabend durchaus einige der rund 60 Anwesenden die Not der Kirche an, nachdem Kirchenvorstandsmitglied Ina Lauster-Ulrich vorgerechnet hatte, dass die Burg nicht mehr kostendeckend gehalten werden könne. Scharfe Kritik richtete sich jedoch gegen das Prozedere: Immerhin hatte sich der Kirchenvorstand bis kürzlich gegen einen Verkauf positioniert, zuletzt gar einen offiziellen Beschluss getroffen, den Pfarrgarten an die Stadt zu verkaufen – um mit dem Erlös die Burg zu erhalten. »Hinter verschlossenen Türen« sei man hiervon abgekommen, kritisierte ein Anwesender. »Warum wird nur ein Kaufinteressent vorgestellt?«, fragte eine andere Bürgerin. Tatsächlich meldete sich gleich zu Beginn der Gemeindeversammlung ein weiterer Kaufinteressent. Als Teil der aktuellen Mietergemeinschaft – zwei Wohnungen im Turm sind vermietet – wolle man Bietergemeinschaft werden. Auch ein Karbener Immobilienunternehmen, hieß es, wolle sich um den Kauf bewerben.

Dekan Guth versucht zu beruhigen

Dass die Kirche diese weiteren Kaufinteressenten nicht ernsthaft geprüft und die Gemeinde damit scheinbar vor vollendete Tatsachen gestellt habe, sorgte für den wohl größten Unmut. Dekan Volkhard Guth versuchte, hier zu beruhigen. »Am Ende wird es um das Konzept gehen«, betonte er wiederholt. Bislang habe der Kirchenvorstand lediglich den Verkauf beschlossen, nicht jedoch den Käufer. So sei auch der finale Kaufpreis noch zu ermitteln. Für den Verkauf sei am Ende auch die Zustimmung der Gesamtkirche nötig – und die lege andere Kriterien an als die maximale Rendite, betonte Guth.

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Ortsvorsteher Karlfred Heidelbach übt Kritik in der Versammlung. (Foto: Kötter)

Dazu passt auch die Vereinbarung, mit der sich Kirchenvorstand, Dekan und Bürger am Donnerstag getrennt haben: Trotz des vorliegenden Beschlusses sollen nun doch noch einmal alle Optionen geprüft werden. Dazu gehören Konzepte weiterer potenzieller Käufer neben Leonhardi bis hin zur öffentlichen Ausschreibung des Verkaufs etwa auf Immobilienseiten im Internet, aber auch zwei Optionen, die einen Verkauf vielleicht doch noch abwenden könnten: So habe es laut Pfarrer Eckart Dautenheimer ein »sehr weitgehendes« Konzept zweier Kirchenmitglieder gegeben, wie das Gebäude kostendeckend zu nutzen sei.

Andere Optionen werden geprüft

Kirchenvorstandsmitglied Hans Christian Bär – der sich offen als die Gegenstimme im Kirchenvorstand positionierte und dafür kräftigen Applaus erhielt – schlug vor, eine Vermögensumschichtung zu prüfen, etwa durch den Verkauf von kirchlichem Ackerland. »Es geht dabei nicht darum, Schulden zu machen«, betonte er. Alle Optionen sollen nun noch einmal geprüft werden. Dann will man sich nochmals zu einem wohl nicht minder emotionalen Abend in der Kirche treffen.

Info

Verkauf "ein Novum"

Die Evangelische Kirche Hessen-Nassau verfügt eigenen Angaben zufolge über rund 4100 kircheneigene Gebäude, 2180 davon sind Kirchen. Während die Zahl der Gebäude vergleichsweise stabil bleibt, sinkt die Mitgliederzahl allein aufgrund des demografischen Wandels um 1,4 Prozent pro Jahr. Der Verkauf von Gebäuden aus finanziellen Nöten ist daher kein Einzelfall. Der Fall der Roggauer Oberburg ist laut Dekan Guth jedoch ein Novum, da es sich erstmals um ein solch »historisches und identitätsstiftendes« Gebäude handele.

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