07. September 2018, 22:01 Uhr

Öko-Konto noch gut gefüllt Naturschützer sehen Ablasshandel

Wenn eine Straße, ein Wohn- oder ein Gewerbe- gebiet gebaut wird, verschwindet ein Stück Natur. Normalerweise müsste das ausgeglichen werden. Weil dies aber in einem Ballungsraum wie dem Rhein-Main-Gebiet nicht gelingt, gibt es Öko-Punkte. Aber welchen Wert haben Öko-Punkte, die auf einem Konto gebucht werden? In Karben gibt es jetzt darüber Klarheit.
07. September 2018, 22:01 Uhr

D er Bauboom ist in Karben zwar nicht so groß wie in Bad Vilbel. Aber auch in der Stadt der südlichen Wetterau wird kräftig gebaut. Die Wohngebiete Am Kalkofen, das Gewerbegebiet Am Spitzacker oder die Nordumgehung Groß-Karben sind nur einige Beispiele.

Demgegenüber stehen aber auch Maßnahmen zur Verbesserung der Natur. So hat die Stadt etwa Flächen des Stadtwaldes stillgelegt, das heißt, sie lässt dort keinen Holzeinschlag mehr zu, es wird kein Holz verkauft, was dementsprechend keine Einnahmen bringt. Die Stadt hat auch mithilfe der Landwirte Acker in Grünland verwandelt oder die Hochwasserretention Einsiedel in Burg-Gräfenrode geschaffen.

Für all diese Maßnahmen sieht das Bundesnaturschutzgesetz eine Bewertung nach Öko-Punkten vor. Wird etwas gebaut, bringt es grob gesagt Minuspunkte, wird die Natur aufgewertet, werden der Stadt Pluspunkte gutgeschrieben (siehe extra Artikel). Auf diese Weise ist seit dem Jahr 2005 ein eigenes Öko-Konto entstanden.

Pluspunkte für Hochwasserschutz

Das stellt einen Geldwert dar, denn pro Öko-Punkt können laut Naturschutzgesetz 35 Cent angerechnet werden. Im August vergangenen Jahres hatte die oppositionelle SPD moniert, dass bei den jährlichen Haushalten des Magistrats die Ausweisung des Öko-Kontos fehle. Sie beantragte, dass der Bürgermeister und Kämmerer das Öko-Konto der Stadt einmal in einer Sitzung des Ausschusses für Stadtplanung und Infrastruktur vorstellen sollte. Das ist jetzt geschehen.

»Allein die Stilllegung von Waldflächen bringt uns rund drei Millionen Öko-Punkte, von insgesamt sechs Millionen. Rahn erläuterte, dass die Stadt den Wald als Erholungswald ansehe und nicht als Wirtschaftswald. Das werde dazu führen, dass man weitere Flächen stilllegen werde. Erhebliche Pluspunkte auf dem Öko-Konto verzeichnete die Stadt durch die Hochwasserretention »Einsiedel« in Burg-Gräfenrode. Entlang der Nidda wurde ein Naturschutzgebiet ausgewiesen bis auf die Groß-Karbener Gemarkung.

Die Umwandlung von Ackerflächen in Grünland haben der Stadt gleichfalls erhebliche Punkte beschert, nämlich 850 000.

Rahn berichtete, die Stadt verfüge über insgesamt 27 Öko-Konto-Flächen im Stadtgebiet, die meisten davon in Groß-Karben und Burg-Gräfenrode. Insgesamt stehen auf dem Konto rund 6,6 Millionen Punkte. Die Ausschussmitglieder haben ebenfalls erfahren, dass der Stadt aber schon wieder rund drei Millionen Punkte abgezogen worden sind. Grund sind die neuen Baugebiete, wie etwa Am Kalkofen. »Wir haben einen Rest von rund 2,6 Millionen Punkten, rechnete das Stadtoberhaupt vor. Das mache eine Dreiviertelmillion Euro an Wert aus. »Damit könnten wir eigentlich 30 bis 40 Hektar weitere Baugebiete ausgleichen.«

Zum Schluss erwähnte er noch die Streuobstwiesen. Die Stadt verfüge im Stadtgebiet über rund 4000 Streuobstbäume, »die nicht über das Öko-Konto der Stadt laufen«. »Es wäre schön, wenn die Bürger dafür Patenschaften übernehmen würden«, appellierte er in der Sitzung.

Die Vorstellung des Öko-Kontos der Stadt hat zu keinerlei Diskussion im Ausschuss geführt. Das ist insofern verwunderlich, dass Öko-Konten durchaus kontrovers diskutiert werden könnten. Schließlich macht es die Versiegelung von Böden und den Landverbrauch deutlich leichter. Ulrike Loos vom Karbener BUND etwa sagt: »Natur- und Lebensraumzerstörung gegen geldwerten Ausgleich ist Ablasshandel.« Denn das sei nur eine fiktive, willkürliche Größe. Denn nur, wenn eins zu eins ausgeglichen würde, nämlich: hier eine neue Straße, woanders im Ort eine alte zurückbauen, wäre der reale Ausgleich gegeben, sagt Loos.

Wenn ein älterer Baum falle, dann werde, »wenn man Glück und eine Baumschutzsatzung hat (nicht in Karben)«, ein junges Bäumchen irgendwo anders gesetzt. Dieses Bäumchen brauche aber Jahrzehnte, bis es die Ausgleichswirkung erzielt, wie der gefällte Baum. »Aber dort, wo der gefällte Baum einmal stand, fehlt das Grün für immer«, gibt die BUND-Sprecherin zu bedenken. »Ist das gerechter Ausgleich für all die damit verbundenen Verschlechterungen der Luftqualität, der Staubbindung, der Beschattung... vor Ort?«

Kritik an Flächenverbrauch

Der BUND Hessen formuliert es so: »Angesichts des enormen Flächenverbrauchs, der Zersiedelung und Naturzerstörung in allen Ballungsräumen in Deutschland, stellt sich die Frage, wo denn die vielen zerstörten, betonierten, denaturierten Naturflächen tatsächlich ausgeglichen und durch die Neuschaffung von Ersatznatur ersetzt wurden?«

Übrigens: Die Grundlage zur Anlage eines Öko-Kontos ist die vom 1. September 2005 stammende, 105 Seiten starke »Arbeitshilfe zur Verordnung über die Durchführung von Kompensationsmaßnahmen, Ökokonten, deren Handelbarkeit und die Festsetzung von Ausgleichsabgaben.« Die Stadt darf sich von sich aus keine Öko-Punkte gutschreiben. Die zuständige Behörde für die Anerkennung von Öko-Konten ist die Untere Naturschutzbehörde des Wetteraukreises.

Die Stadt muss gegenüber den Kreisnaturbehörden detailliert darstellen, wie die einzelnen Teilflächen ökologisch aufgewertet werden sollen. Je höher die Aufwertbarkeit der Fläche, umso mehr Öko-Punkte werden erreicht. Beispiel: Sollte eine Ackerfläche von einem Hektar Größe in extensiv genutztem Grünland umgewandelt werden, so ergäbe der Basiswert 10 000 Punkte. Bei Umwandlung von Intensivgrünland würden 8000 Punkte vergeben. Nun könnten auf dieser Grünlandfläche beispielsweise Überflutungsbereiche, wie etwa beim »Einsiedel«, entstehen; damit würde der Landeigentümer sogar 15 000 Öko-Punkte erhalten. (pe)

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