28. April 2019, 12:00 Uhr

Pflege

Mehr Pflegebedürftige und wenig Azubis in Karben

In manchen Karbener Stadtteilen ist bald jeder dritte Einwohner älter als 65 Jahre. Die Plätze in Seniorenheimen sind belegt, es gibt lange Wartelisten. Die Situation dürfte sich noch verschärfen.
28. April 2019, 12:00 Uhr
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Von Holger Pegelow
Ein Fachgespräch zum Thema Pflege führen (v. l.): Jörg Malkemus, Christel Zobeley, Bettina Müller und Gerhard Lude-Meckbach. (Foto: Pegelow)

Dass in Karben bald 30 Prozent der Bevölkerung über 65 Jahre alt ist, hat der vom Arbeiter-Samariter-Bund Mittelhessen und der Stadt erstellte Altenhilfeplan belegt. Seitdem befassen sich Verwaltung und Kommunalpolitik mit dem Thema. In dieser Woche hat die SPD-Arbeitsgemeinschaft 60plus die Bundestagsabgeordnete Bettina Müller eingeladen. Die ausgebildete Krankenschwester kennt die Probleme der Pflege nur allzu gut. Sie gehört deshalb dem Gesundheitsausschuss des Bundestages an.

Bei einem Fachgespräch im Seniorenzentrum des ASB hat der Geschäftsführer der Einrichtung, Gerhard Lude-Meckbach, mit Nachdruck auf ein kommendes Problem hingewiesen, was gar nicht mehr so fern liegt. »Demnächst gehen die geburtenstarken Jahrgänge in Rente.« Es werden viele von ihnen früher oder später in die Pflege kommen. »Es wird einen hohen Bedarf an Versorgung bei geringer werdenden Zahlen an Pflegenachwuchs geben.« Außerdem fehle es an Strukturen zwischen der Pflege zu Hause und der Pflege in einem Heim.

 

Bessere Bezahlung der Fachkräfte 

Der ASB sei gerade dabei, ambulante Wohngruppen aufzubauen. »Die kriegen wir finanziell aber nicht in die Pflegeversorgung«, monierte er und appellierte an die Politik, hier tätig zu werden. Müller antwortete ihm, beim betreuten Wohnen gebe es »zu viele elitäre Strukturen«. Die Politik wünsche sich ein größeres Engagement der Kommunen.

Ein zweites Problem, das vor der öffentlichen Veranstaltung angesprochen wurde, brachte die SPD-Politikerin selber ein. Denn seitens der Politik besteht die Absicht, die Pflegekräfte besser zu bezahlen. »Dann müssten die Eigenanteile der zu Pflegenden bzw. deren Angehörigen erhöht werden. Das will die SPD nicht.« Wenn der Eigenanteil gedeckelt würde, müssten die anderen Teile über die Pflegeversicherung und über Steuern finanziert werden.«

 

Bessere Bezahlung durch höhere Steuern

Die finanziellen Anreize für Pflegekräfte müssen aber in jedem Fall erhöht werden, denn bundesweit würden rund 15 000 Pflegekräfte fehlen. Aus Sicht des ASB zum Scheitern verurteilt ist die Absicht, die Mitarbeiter bei deren Altersvorsorge zu unterstützen. »Wir zahlen 4,5 Prozent vom Bruttolohn in die Altersvorsorge. Das zieht bei den Mitarbeiterinnen aber nicht.« Das bestätigte der Karbener ASB-Heimleiter Jörg Malkemus. Man habe eine Pflegekraft aus Ex-Jugoslawien zur Weiterqualifizierung an ein Krankenhaus geschickt. Dort sei sie direkt abgeworben worden, weil sie dort 300 bis 400 Euro mehr verdient habe. »Die ungleichen Vergütungsstrukturen in der Altenpflege sind ein großes Problem.«

Die Vorsitzende der SPD-Arbeitsgemeinschaft 60plus, Christel Zobeley, appellierte an die Politik, die Vergütungen heraufzusetzen. Eine Pflegehelferin erhalte keine 2000 Euro brutto pro Monat, eine ausgebildete Pflegekraft zwischen 2400 und 2600 Euro. Wegen dieser geringen Bezahlung, den vielfältigen Belastungen und »immer weniger Kollegen« würden Pflegekräfte im Durchschnitt nach sieben Jahren aufhören. Da die Pflegebeiträge der Versicherten zuletzt um 0,2 Prozentpunkte gestiegen seien, könne eine bessere Bezahlung des Personals nur über Steuergelder finanziert werden. Eine Meinung, der die Bundestagsabgeordnete zustimmte.

 

50 Prozent müssen zertifiziert sein

Diskutiert wurde auch die sogenannte Fachkraftquote. In Pflegeheimen müssen 50 Prozent des Personals zertifizierte Fachkräfte sein. Lude-Meckbach riet Bettina Müller dazu, von dieser starren Quote abzugehen, »da wir sie in den nächsten Jahren ohnehin nicht mehr erreichen werden«. Möglich sei auch eine Quote von 30 Prozent, aber manche davon mit Bachelor-Ausbildung, die im Management eingesetzt werden könnten. »In der Face-to-Face-Betreuung können wir auch Personal mit einer nur zweijährigen Ausbildung gut einsetzen.« Die Bundestagsabgeordnete hält von solchen Gedankenspielen indes wenig. So komme es beispielsweise auf die Zusammensetzung der Bewohnerschaft an. »Wenn man viele Demenzkranke hat, braucht man mehr qualifiziertes Personal.« Zudem könnte die Aufweichung der 50-Prozent-Quote von manchen Heimträgern auch ausgenutzt werden.

Nach dem gut einstündigen Fachgespräch bat Bettina Müller darum, ihr die Anregungen nochmals schriftlich zuzusenden. Sie wolle sie in Berlin in Fachkreisen zur Sprache bringen. In der sich öffentlichen Veranstaltung konnte Müller nur wenige Sätze zu den SPD-Bemühungen um den »Sozialstaat der Zukunft« sagen. Denn es gab detaillierte Fragen zum Thema Pflege und auch Anregungen dazu, wie die SPD sich in der Großen Koalition in Berlin besser »verkaufen« sollte.



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