09. Mai 2018, 11:10 Uhr

Erfolgsgeschichte

Markt als Ort der Begegnung

Mal schnell um die Ecke gehen und einen Liter Milch holen oder das Fleisch fürs nächste Mittagessen: In Okarben ist das möglich. Dort gibt es das »Lädchen für alles« seit nun fünf Jahren.
09. Mai 2018, 11:10 Uhr
Tägliche Kundin ist auch Saliha Memovic (l.), an der Kasse mit Elena Dvorak. (Foto: pe)

Ilse Ewinger ist 85 Jahre alt. Die rüstige Seniorin hat zwar kein Auto, dafür aber einen Einkaufsladen in ihrer Nähe. »Ich gehe hier jeden Tag her«, sagt sie lächelnd. Dabei treffe sie auch mal Menschen aus dem Ort.

Sie steht vor der Tür und schaut dem bunten Treiben zu. Es ist eine Geburtstagsfeier, direkt vor dem Geschäft. Denn das »Lädchen für alles« existiert seit fünf Jahren. Eine reife Leistung angesichts der Supermärkte im Stadtzentrum und an der B 3, die mit dem Auto gut zu erreichen sind. Doch diejenigen, die hier einkaufen, wollen oder können gar kein Auto fahren. Dafür schätzen sie die Nähe zu ihrer Wohnung.
 

Auch Familien finden den Laden

K_Einkaufsfamilie41_090518
David Löhr und Pascalie Lanible mit Söhnchen Paul kaufen gerne im »Lädchen für alles« in O...

Wer aber glaubt, hier würden nur ältere Menschen sich ihre Lebensmittel holen, der irrt. Auch Familien finden sich in dem Laden, in dem früher Schlecker war. Dort kaufen auch David Löhr und seine Partnerin Pascalie Lanible ein, die ihren Sohn Paul dabei hat. »Wir sind mehrmals die Woche hier«, sagt Löhr, der schon immer in Okarben lebt. An dem Laden schätze er das Bio-Sortiment und auch, »dass das Personal super ist«. Es herrsche eine ungeheuer nette Atmospähre. Auch seine Eltern kaufen hier ein.

 

14 Azubis im Lädchen

Marktleiter Rene Skwarra sagt, der Laden sei »eine Begegnungsstätte für Jung und Alt im Stil des Tante-Emma-Ladens«. Die meisten seiner Kunden kennt er: Mehr als 80 Prozent seien Stammkunden. »In Okarben ist das Lädchen angekommen.« Den Eindruck haben an diesem Tag viele. Und auch die Politik hat die Wertigkeit des Ladens erkannt. Landrat Jan Weckler taucht ebenso als Geburtstagsgast auf wie Bürgermeister Guido Rahn und sein Erster Stadtrat Friedrich Schwaab. »Es ist wichtig, dass es den Laden hier gibt«, sagt Rahn lächelnd. Er kenne noch einen Stadtteil, »wo wir keinen Laden haben«. Das ist Burg-Gräfenrode.

K_Prominenz32_090518
Zum Geburtstag gratulieren (v. l.) Landrat Jan Weckler, Stadtverordnetenvorsteherin Ingrid...

Dort gab es einmal einen ganz kleinen Lebensmittelmarkt, der sich aber nicht gehalten hat. Dort hatten zu wenige eingekauft. In Okarben ist das anders. »Seit es den Laden gibt, ist an diesem Platz wieder Leben«, sagt Ortsvorsteher Karlheinz Gangel. Der Ortsbeirat habe sich jahrelang für einen solchen Laden eingesetzt.

 

Personal nicht von Tegut

Ins Leben gerufen hat ihn die bundesweite Initiative der Tegut-Kette. Die wollte in unterversorgten Gebieten mit Partnern zusammen kleinere Läden einrichten. Als Partner in Okarben ist das Berufsbildungswerk Südhessen. Das hatte früher auf seinem Gelände selber einen kleinen Markt betrieben, quasi einen Ausbildungsmarkt. Und genau das ist auch das Besondere an dem »Lädchen für alles«: Das Personal stammt nicht von Tegut, sondern vom Bbw Südhessen. Insgesamt 14 junge Leute werden in zwei Gruppen hier ausgebildet.

Neben der Beratung erwerben die angehenden Fachkräfte Kompetenzen in den Themengebieten Warensortiment, Präsentation der Ware, Warenwirtschaft und Kasse. »Ziel ist es, dass die Azubis weitestgehend selbstständig im Lädchen tätig sind, das bringt ihnen große Vorteile bei der Jobsuche«, weiß René Skwarra, der das Okärber Lädchen seit Januar 2017 leitet.


200 Kunden täglich

Seine Vorgängerin Andrea Geißler hat drei Jahre hier gearbeitet, ist jetzt beim Außendienst von Tegut. Zur Geburtstagsfeier ist auch sie gekommen, freut sich mit den anderen, dass der Laden so gut angenommen wird. Durchschnittlich 200 Kunden täglich zählt dieser besondere Tante-Emma-Laden. Vielleicht werden es noch mehr. Denn an Appellen, vor Ort einzukaufen, hat es nicht gefehlt.

Kommentar von Holger Pegelow

In Okarben gewinnen alle

Tante-Emma-Läden haben angesichts riesiger Einkaufszentren an sich keine Überlebenschancen. In Okarben ist das anders. Das »Lädchen für alles« ist so etwas wie der klassische Dorfladen von früher. Das Okarbener Einkaufsmodell, mit der Tegut-Kette im Hintergrund und dem Berufsbildungswerk als Mitbetreiber und Ausbilder, ist mehr als nur Nahversorger. Der Laden im Dorfmittelpunkt ist quasi eine soziale Einrichtung. Die Menschen aus dem Stadtteil laufen zum Einkaufen, treffen sich und wechseln ein paar Worte miteinander. Man kennt sich, es ist nicht so anonym wie in einem Einkaufszentrum. Hier gewinnen alle: Die Okärber Bürger, das Bbw, weil es seine Azubis im echten Arbeitsleben ausbildet, und Tegut, dessen soziales Image steigt. Und schließlich die Umwelt, weil Autofahrten zum Einkaufen vermieden werden.

Schlagworte in diesem Artikel

  • Artikelsortimente
  • Auszubildende
  • Fleisch
  • Guido Rahn
  • Jan Weckler
  • Milch
  • Mittagessen
  • Südhessen
  • Karben-Okarben
  • Holger Pegelow
  • Schlagwort zu
    Meine Themen

    Sie haben bereits 15 Themen gewählt

    Sie folgen diesem
    Thema bereits

Klicken Sie auf ein Schlagwort, um es zu „Meine Themen” hinzuzufügen oder weitere Inhalte dazu zu sehen.


0
Kommentare | Kommentieren

Bilder und Videos