27. Mai 2019, 20:36 Uhr

Lachen unterm Lieselturm

Der Lieselturm ist ein Schmuckstück in Burg-Gräfenrode. Er soll für mehr als romantische Hochzeiten genutzt werden, ein Treffpunkt für die Roggauer werden. Den Auftakt dazu bilden die Turmzeiten. Am vergangenen Freitag ging’s los, Tom Meusert trug amüsante Geschichten vor. Die Gäste brachten Essen und Getränke mit. Schnell ergaben sich Gespräche unterm Turm.
27. Mai 2019, 20:36 Uhr
Tom Meusert (Mitte) hat den Auftakt zur Turmzeit gestaltet. Damit das Areal um den Lieselturm zur »Roggauer Piazza« werden kann, hat der Förderkreis unter dem Motto »Zeit zum Hören - Zeit zum Schwatzen« eingeladen. (Fotos: Christine Fauerbach)

Bei Hochzeitspaaren ist der restaurierte Lieselturm in Burg-Gräfenrode als Hessens kleinstes Standesamt seit August vergangenen Jahres begehrt. Darüber freuen sich die Förderkreismitglieder Ina Lauster-Ulrich, Doris Ahlgrim und Christiane Köber. Während der romantischen Silvesterlesung im Lieselturm hatte das Trio eine Idee. »Wir erwecken den Lieselturm zu neuem Leben.« Gesagt, getan. Flugs entstand das Konzept für die »Turmzeit«. Am vergangenen Freitag war es soweit: Die Roggauer kamen zum Lieselturm. »Der Förderverein Lieselturm will mit den »Turmzeiten« einen Treffpunkt für alle Roggauer und ihre Nachbarn schaffen«, erklärt Ina Lauster-Ulrich das Ziel.

Beim Blick auf das gepflegte Gelände der Oberburg fügte Christiane Köber hinzu: »Wir wollen hieraus die Roggauer Piazza machen.« Zur Premiere des unter dem Motto »Zeit zum Hören - Zeit zum Schwatzen« stehenden Events begrüßten die Organisatorinnen Nachbarn, Literaturliebhaber und Schauspielerinnen des Roggauer Bauerntheaters. Bei schönstem Sommerwetter ließen es sich alle im Freien vor dem Lieselturm gut gehen. Unbestrittener Star der ersten »Turmzeit« war Tom Meusert. Der Regisseur des Roggauer Bauerntheaters erwies sich als ein begnadeter Vorleser, Schauspieler und Rezitator.

Er hatte eine literarische Überraschungstour vorbereitet. Meusert erinnerte an den Frankfurter Stückeschreiber, Regisseur und Theatermanager Wolfgang Deichsel (1939-2011), der als »einziger zeitgenössischer hessischer Mundartdramatiker von Bedeutung« gilt. Rezensenten sind sich einig, dass sein »Dialekt kein beliebiges »Gebabbel« ist, sondern von hoher literarischer Qualität. Seine Texte zeugen von Ausdrucksreichtum und Musikalität des südhessischen Idioms.«

Telefongeschichten

Tom Meusert wählte für seinen Open-Air-Auftritt zwei Geschichten aus Deichsels sechsteiliger Szenenfolge »Bleiwe losse« aus. Die Stücke spielen im kleinbürgerlichen städtischen Milieu. Sie handeln von Alltagssituationen, die allesamt, komisch und beklemmend zugleich, in Katastrophen münden. Wie diese Ende der 1950er, Anfang der 1960er Jahre, aussahen, zeigte Tom Meusert erst mit dem Stück »Wie geht mer’s dann« und danach mit »Was is?« Beide sein ein unterhaltsamer wie genialer und skurriler Mix aus Klamauk, Slapstick, Tiefgründigem und Nachdenklichem.

Dem gebürtigen Hanauer Meusert gelingt es mühelos den Ausdrucksreichtum und die Musikalität des südhessischen Idioms zum Leben zu erwecken.

Im ersten Stück wird eine kleine Kulturgeschichte des Telefonierens erzählt. In der »grauen Vorzeit« hatte nicht jeder ein Telefon und das Telefonieren war ein Ereignis. Auf ein Ferngespräch aus den USA bereiteten sich die Teilnehmer in einem Mietshaus akribisch mit frisch gelegten Dauerwellen, putzen, Schokolade einem Wecker und Likör trinken vor. Vorbereitung und Verlauf des Telefonats von Wilhelmine Körner mit ihrer Tochter Monika in Minneapolis strapazierten die Lachmuskeln der Zuhörer kräftig. Und bei allen wurden Erinnerungen wach wie es damals war, als nur wenige - meist Geschäftsleute- ein Telefon hatten. Dank der Kunst von Tom Meusert konnte das Publikum mühelos in das jeweilige kleinbürgerlich-städtischen Milieu der Protagonisten eintauchen. Nicht minder spannend und heiter war die zweite Geschichte. Hier trifft der junge Elektriker Bubi Menge auf das schwerhörige wie sparsame Ehepaar Kress. Deren Radio geht nicht mehr. Schuld ist nach 40 Jahren eine Steckdose und nicht der Stecker wie der Fachmann dem Ehepaar erklärt. Die Lamellen sind in der Steckdose kaputt. Der Elektriker repariert diese nicht wie gewünscht, sondern tauscht sie gegen eine Schuko-Steckdose aus. Den passenden Stecker schenkt er dem Ehepaar dazu.

Meuserts Vortrag wurde mit Applaus belohnt. Klar, dass sich die Gespräche an den Tischen, um die Zeit vor rund 60 Jahren drehten. Beide Geschichten thematisierten Alltagssituationen, die für die Beteiligten in Katastrophen endeten. »Es is schön«, kommentierte ein Teilnehmer den Auftakt der »Turmzeiten«-Reihe.

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