01. November 2019, 14:00 Uhr

Schottergärten

Kiesgärten richtig anlegen

Die von Umweltverbänden angestoßene Diskussion über Schottergärten hat das Stadtparlament beschäftigt. Es beauftragte den Magistrat, in neuen Baugebieten keine solchen Steingärten mehr zuzulassen. Die ökologisch oft wertlosen Gärten sind in Verruf geraten. Zu unrecht, meint die Karbener Gartenplanerin Cynthia Nebel.
01. November 2019, 14:00 Uhr
Am City-Kreisel im Karbener Stadtzentrum hat Cynthia Nebel bei der Anlage der Pflanz- inseln Steine, blühende Blumen und Gräser kombiniert. Ein Vlies unter diesem Beet gibt es allerdings nicht. (Fotos: pe/jsl)

Frau Nebel, wie kommt es, dass über die Schottergärten nicht nur bei den Naturschutzverbänden, sondern jetzt auch in der Politik diskutiert wird?

Cynthia Nebel: Es sind die unsäglichen Schotterwüsten, deren Besitzer den Kiesgarten falsch verstanden haben und ihm so ein schlechtes Image geben. Ich meine allerdings zu unrecht.

Wieso zu unrecht?

Nebel: Wer in mediterranen Ländern im Urlaub ist, bewundert oft Pflanzen, die auf kargen Plätzen eine unglaubliche Blütenpracht entfalten, obwohl sie sich gegen jede Menge Steine behaupten müssen. Lavendel, Thymian, Salbei und diverse andere anspruchslose Stauden begeistern uns immer wieder; sie alle wachsen unter kargen Bedingungen in steiniger Umgebung.

Wie kommt es aber, dass solche kargen Pflanzungen heute so einen schlechten Ruf haben?

Nebel: Der Wunsch nach einem pflegeleichten Garten brachte Eigenheimbesitzer auf die Idee, dieses Prinzip aus der Natur aufs eigene Grün zu übertragen. Allerdings richtete sich leider der Blick zunehmend auf die Steine, während sich die Zahl der Pflanzen immer weiter reduziert hat. So entstanden große Flächen, die mit Kies oder Schotter abgedeckt wurden und auf die sich nur noch vereinzelt zwei oder drei Buchskugeln oder Zwergkiefern verirrten - ich nenne sie »Alibi-Pflanzen«. Das Angebot in den Baumärkten tat ein Übriges, denn diese boten Steine in allen möglichen Körnungen und Farben an. Diese unbeschatteten Steine heizen sich auf und verändern damit das Klima. Fehlende Blüten bedeuten fehlende Nahrungsquellen für Insekten. Zudem priesen die Händler das Unkrautvlies, das - unter die Steine gelegt - den Pflegeaufwand angeblich noch weiter reduzieren sollte.

Das Vlies unter den Beeten wird vor allem von Naturschützern kritisiert. Zu Recht?

Nebel: Ja! Das Vlies ist zwar wasserdurchlässig, wirkt aber wie eine Barriere für die Lebewesen im Boden. Kein Regenwurm kann mehr an die Oberfläche und fällt somit auch als Nahrung für Vögel weg.

Apropos Vlies: Auch die Stadt, für die Sie viele Pflanzbeete im öffentlichen Raum angelegt haben, wird manchmal wegen der Abdeckung der Beete mit Steinen kritisiert.

Nebel: Auf den ersten Blick ist dies nachvollziehbar. Dahinter steht aber ein sinnvolles Prinzip. Ja, wir haben Kies ausgebracht, um das Unkraut zu unterdrücken, das sich zuallererst von Licht ernährt. Damit wird der Pflegeaufwand gerade nach der Neuanlage für die Mitarbeiter des städtischen Bauhofs reduziert. Auch verdunstet das Wasser nicht so schnell, so dass der Gießaufwand und Wasserverbrauch ebenfalls geringer werden. Im öffentlichen Raum ist dies also eine sinnvolle Methode, um attraktive Bepflanzungen mit überschaubarem und leistbaren Einsatz zu schaffen. Nach dem Einwachsen ist der Kies quasi nicht mehr zu sehen, da die Pflanzen so gesetzt werden, dass sie die Fläche schließen. Wir haben aber selbstverständlich kein einziges öffentliches Beet mit einem Vlies unterlegt, was bei der hohen Anzahl an Pflanzen auch sinnlos wäre. In privaten Gärten kann natürlich auch auf die Abdeckung mit Kies verzichtet werden.

Welche Tipps können Sie für einen richtig angelegten Steingarten geben?

Nebel: Das Wichtigste sind neben der Standortwahl und der Bodenqualität die Pflanzen. An einem warmen und sonnigen Platz und in einem abgemagerten, steinigen Boden fühlen sich die typischen Pflanzen richtig wohl. Hier kann das Wasser schnell ablaufen und trocknen, denn der größte Feind trockenheitsliebender Pflanzen ist die Staunässe.

Was sind denn typische Pflanzen?

Nebel: Viele Gräser und mediterrane Stauden, auch Zwiebel- und Knollengewächse finden ideale Bedingungen. Die Pflanzen müssen allerdings so gesetzt werden, dass sie zusammenwachsen können und eine blühende Fläche bilden, die das ganze Jahr attraktiv aussieht.

Wie sähe denn ein Kiesgarten aus, der bei Umweltschützern durchgehen könnte?

Nebel: Man muss sich einfach an der Natur orientieren und solche Pflanzen wählen, die zu fast jeder Jahreszeit schön blühen und die erwähnten Bedingungen bevorzugen. Dann werden sich dort immer Bienen, Hummeln, Schmetterlinge und andere Insekten tummeln, die vom Frühling bis zum Herbst ausreichend Nahrung finden. Im Winter dienen die Samenstände als Nahrung. Ein richtig angelegter Kiesgarten ist also ein Paradies für Vögel und Insekten und dennoch auch pflegeleicht. Der Gießaufwand ist reduziert, das Düngen entfällt, ebenso das Ausputzen, wie wir es von den Prachtstauden her kennen.

Das heißt, dass weder Mensch noch Tier auf eine Blütenpracht verzichten müssen?

Nebel: Ja, man muss sich nur anschauen, wie es in der Natur aussieht, die weiß immer noch am besten, wie es richtig gemacht wird. Größere freie Kiesflächen mögen zwar als wasserdurchlässige Alternative zu Asphalt und Platten durchgehen, aber als Garten taugen sie nun wirklich nicht.

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