26. April 2017, 20:00 Uhr

Arbeitslosigkeit

Jobsuche mit Handicap

Nach zwei Jahren Krankheit endete Daniel Mainzhausen im beruflichen »Sterbezimmer«. Seit sieben Monaten ist er arbeitslos. Das Jobcenter ist ihm beim Finden einer neuen Arbeitsstelle keine Hilfe.
26. April 2017, 20:00 Uhr
Daniel Mainzhausen sucht eine neue Arbeitsstelle. Er berichtet von Missverständnissen und Vorgehen nach Schema F bei der Arbeitsagentur. (Foto: jwn)

Daniel Mainzhausen ist mächtig sauer. Der 52-jährige Karbener ist seit sieben Monaten arbeitslos. Das für ihn zuständige Jobcenter in Bad Vilbel reagiere nicht mehr auf seine Anfragen. Bitter für ihn, er möchte arbeiten.

Annähernd 30 Jahre war der Karbener Daniel Mainzhausen in der Infromationstechnologie-Branche tätig. Zuerst bei der amerikanischen Firma Apple und später bei einem großen deutschen IT-Anbieter. In dieser Zeit hatte sich Mainzhausen bis zum Dozenten emporgearbeitet, der den Nachwuchs in dem stark nachgefragten Fach Software-Entwicklung schulte. 2013 spielte dann plötzlich seine Gesundheit nicht mehr mit. Wegen einer Krebserkrankung und eines zusätzlichen Burn-outs wurde er für fast zwei Jahre krankgeschrieben. Als er 2016 wieder an seinen Arbeitsplatz zurückkehrte, und zwar mit einer ärztlich bescheinigten Behinderung von immerhin 70 Prozent, hatte sein Arbeitgeber seinen Arbeitsplatz längst wieder anderweitig besetzt. Mit der Folge, dass für ihn zwar noch ein Schreibtisch in seinem Büro stand, er aber keine richtige Aufgabe mehr hatte. »Ich saß praktisch in dem so gefürchteten ›Sterbezimmer‹«, erinnert sich Mainzhausen.

Alle Versuche, den Weg zurück in den Arbeitsalltag zu finden, scheiterten. Folge: Mainzhausen einigt sich mit seinem langjährigen Arbeitgeber im beiderseitigen Einvernehmen, das Unternehmen im Herbst 2016 zu verlassen und sich beim Arbeitsamt arbeitslos zu melden.

Mainzhausen war zuversichtlich, dass dies der richtige Weg für ihn ist. Gut ausgebildet dachte er, dass dieser Zustand der Arbeitslosigkeit nur von kurzer Dauer sein werde. Deshalb war er sehr überrascht, als ihm das Arbeitsamt zunächst einen einwöchigen Kurs verordnete, in dem es darum ging, zu lernen, wie man sich als Arbeitsloser richtig bewirbt. Danach folgten zwei, drei Gespräche mit seiner Sachbearbeiterin, bei denen es um Weiterqualifizierungsmaßnahmen ging.

»Ich wollte wieder als Dozent arbeiten, das Jobcenter hingegen legte mir Stellenangebote vor, bei denen ich als einfacher IT-Mitarbeiter anfangen sollte«, erzählt er. Damit hatte nun wiederum der 52-Jährige Probleme, denn die Entwicklung in der Informationstechnologie war in der Zeit seiner Krankheit nicht stehen geblieben, sodass er auf diesem Gebiet möglicherweise erst wieder Lücken füllen musste. Er bat die Sachbearbeiterin deshalb, ob sie ihn als Dozent einem anderen Bereich zuordnen könne, beispielsweise im Konfliktmanagement. Denn er könne eine 16-jährige Erfahrung als Gesamtbetriebsratsvorsitzender vorweisen. Vorstellen könne er sich auch, in der Gesundheitsbranche tätig zu sein. Auch da habe er wegen seiner Erkrankung in jüngster Zeit umfangreiche Erfahrungen sammeln können.

Wenige Vermittler für Reha-Kunden

Ab diesem Punkt gingen die Interessen von Mainzhausen und dem Jobcenter auseinander. Als es um die Fort- oder Weiterbildung ging, müssen die beiden Parteien, auf der eine Seite die Arbeitsvermittlerin und auf der anderen Seite Mainzhausen, gedanklich irgendwie unterschiedliche Wege eingeschlagen haben. Es fiel wohl das Wort »Umschulung«. Dieses sorgte für ein großes Missverständnis. Umschulung steht beim Arbeitsamt für einen kompletten Neuanfang mit einer mindestens zweijährigen Ausbildungsphase. Und das kostet richtig Geld.

Mainzhausen ging nur von einer wenige Wochen andauernden Einarbeitungsphase im neuen Gebiet aus. »Grundsätzlich sind wir von der Arbeitsagentur für beide Wege offen, zumal wenn es sich bei den Arbeitssuchenden um einen Behinderten handelt«, erklärt Johannes Paul von der Agentur für Arbeit in Gießen. »Nur rechnen muss es sich irgendwie«, sagt er. Deshalb brauche die Agentur für Arbeit für eine Umschulung einen Arbeitgeber, der dem Suchenden auch nach der Umschulung einen langfristigen Arbeitsplatz zusichert, erklärt Paul.

Der 52-Jährige möchte keinen neuen Beruf neu erlernen, sondern als Dozent nur das Fachgebiet ändern. Dieses Missverständnis wurde in den Beratungsgesprächen offensichtlich nicht vollständig ausgeräumt. Weil Mainzhausen wegen seiner Behinderung zudem als »Reha-Kunde« gilt, benötigt er spezielle Vermittler, die nach Worten Pauls in der Wetterau zurzeit »Mangelware« sind. »Wir haben beim Arbeitsamt gewisse Standards, wie mit den Arbeitssuchenden umzugehen ist. Dazugehören auch Zeitvorgaben, in denen regelmäßig Gespräche stattzufinden haben«, erklärt Paul. Wenn die Pause bei Mainzhausen etwas größer gewesen sei, so hänge das mit seinem Status als Behinderter zusammen, weil er Anspruch auf eine besondere Beratung habe. Das Missverständnis sei inzwischen ausgeräumt, auch weil sich die Wetterauer Zeitung einschaltete und bei den Recherchen ein Treffen in Aussicht gestellt wurde. IT-Fachmann Daniel Mainzhausen ist derweil ohne die Arbeitsagentur auf der Suche nach einer neuen beruflichen Aufgabe.

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