Bad Vilbel & Karben

Im Kuhstall auf dem Dottenfelderhof sind die Schwalben los

Der Dottenfelderhof ist bekannt für seine ökologische Landwirtschaft. Doch er bietet nicht nur Nutztieren und Menschen ein Zuhause. Auch in der Luft ist viel los.
10. August 2019, 12:00 Uhr
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B ereits am Eingang des Dottenfelderhofes ist kaum zu übersehen, dass man unter Beobachtung steht. Wie Wachposten sitzen die Spatzen auf den Dachrinnen, einige springen auf dem Boden herum, gierig, die beim Hofcafé heruntergefallenen Reste abzugreifen. Die Kinder, die dort gerade sitzen, beobachten sie mit großen Augen.

Dietrich Bauer beachtet sie indes kaum, die Spatzen gehören mit zum Inventar des Hofes, mit dem er als einer der Gründer der Betriebsgemeinschaft eng verbunden ist. Der 80-Jährige kennt den Hof wie seine Westentasche. Er geht vorbei an den Spatzen und zum Kuhstall. Denn die Spatzen sind nicht die einzigen Vögel, die auf dem Hof ihre Heimat gefunden haben. Bei weitem nicht.

Wie kleine Raketen

Tatort Kuhstall. Nur weil die Kühe auf der Weide sind, heißt es nicht, dass hier Ruhe einkehrt. Denn hier ist das Reich eines Jägers. Er macht sich durch Rufe laut bemerkbar. »Der Kuhstall ist bei den Schwalben ganz besonders beliebt«, weiß Bauer. Überall in der Luft sind die Vögel unterwegs. Wie kleine Raketen jagen die Schwalben durch den Stall, ständig auf der Suche nach Insekten. Und die gibt es hier zuhauf. Angelockt von den Kühen des Hofes, sind es vor allem die Mücken, die hier häufig vorkommen und für die Kühe eine Plage darstellen. Ideale Voraussetzungen für die Jagd der Schwalben.

Ganz besonders für die Rauchschwalben, die ihre Nester unter der Decke des Stallbodens bauen. »Mit Lehm kleben sie die Nester förmlich an die Decke«, erklärt Bauer und zeigt auf eines der grauen, rundlichen Gebilde. Gerade landet eine Schwalbe daneben. Sie wird von den schreienden Jungen bereits sehnlichst erwartet. Sie reißen ihre Mäuler auf, um die Nahrung in Empfang zu nehmen. Überall an der Decke, in Ecken und auf Lampen finden sich diese Nester, und überall gibt es hungrige Mäuler zu stopfen.

Doch nicht nur für die Rauchschwalben ist dieser Stall eine gesicherte Nahrungsquelle. »Wir haben auch viele Mehlschwalben und Mauersegler hier«, sagt Bauer. Diese Nisten an den Außenwänden der Gebäude. »Viele kommen gar nicht direkt hier vom Hof, sondern aus Bad Vilbel. Sie fliegen dann hier her, um zu fressen.« Dass die Schwalben sich satt fressen können, ist für das Überleben der Tiere enorm wichtig. Denn als Zugvögel machen sie sich bald auf ins Winterquartier nach Afrika. Eine lange und anstrengende Reise für die Tiere, die große Energiereserven benötigen. Und dafür sind Insekten die beste Quelle. Vor allem aber sind sie für die Aufzucht der Jungtiere wichtig, denn auch diese müssen bald stark genug sein, um die Reise anzutreten.

Doch auch auf dem Dottenfelderhof ist man nicht gefeit vor Problemen. »Es lässt sich schon sagen, dass wir früher definitiv mehr Vögel hatten«, sagt Bauer. Besonders Lärchen habe es früher in den Feldern um den Hof häufig gegeben. Mittlerweile höre man sie kaum noch. »Das Problem sind die Elstern. Lange Zeit durften sie nicht bejagt werden, mittlerweile ist das zwar aufgehoben, doch die Elstern sind überall. Für jedes Elster-Gelege müssen 60 andere Gelege dran glauben«, sagt der 80-Jährige.

Gefahr durch zu viele Elstern

Gerade die Lärchen und andere bodenbrütende Singvögel seien betroffen. »Oft sieht man Elstern über den Feldern kreisen«, meint Bauer. »Denn von oben sind die Nester oft gut erkennbar. Für die Lärchen gibt es kaum noch Rückzugsgebiete.«

Doch das größte Problem für die Vögel ist der Rückgang der Insekten. »Wir spritzen auf unserem Hof natürlich nicht, doch auch hier sind die Insekten deutlich zurückgegangen«, stellt Bauer fest. Spritzmittel wie Glyphopsat seien dafür mitverantwortlich. »Ich persönlich finde das absolut unverantwortlich. Das Zeug ist nicht nur krebserregend - durch das Abtöten der Insekten ist das gesamte Ökosystem betroffen. Aber trotzdem wird es weiter eingesetzt.«

Doch zumindest an einer Stelle hat sich etwas deutlich verbessert: »Die Nidda-Renaturierung war ein voller Erfolg«, ist Bauer überzeugt. Das lasse sich besonders an den Graureihern und Störchen sehen, die sich an der Nidda wie zu Hause fühlen. »Man sieht sie viel häufiger als früher. Wenn auf dem Feld eine Maschine unterwegs ist, sind sie oft die Ersten, die hinterhergehen. Noch vor einigen Jahren hatten wir eine Mäuseplage auf den Feldern, durch die Reiher und die Störche hat sich das Problem gelöst.«

Schleichender Bestandsrückgang

Die Rauchschwalbe erlebt seit Jahren einen schleichenden Bestandsrückgang. Sie brütet meist in Gebäuden und ist daher auf menschliche Toleranz angewiesen. Gekippte Fenster, die Einlass ins Stallinnere bieten, sind eine wichtige Voraussetzung für ihre Ansiedlung. Zur Nahrungssuche sind sie auf eine offene Landschaft (Wiesen und Felder) angewiesen und fehlen daher in städtischen Zentren. Da dörfliche Strukturen immer mehr verloren gehen und kleinbäuerliche Betriebe aufgeben, bedeutet das für die Vögel einen zunehmenden Nistplatz- und Nahrungsverlust. Um diesem negativen Trend entgegenzuwirken, sollten extensive Formen der Landwirtschaft gefördert werden, fordert der NABU. (Quelle: NABU)

Artikel: https://www.giessener-allgemeine.de/regional/wetteraukreis/badvilbelkarben/Bad-Vilbel-Karben-Im-Kuhstall-auf-dem-Dottenfelderhof-sind-die-Schwalben-los;art469,617649

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