07. Dezember 2018, 20:20 Uhr

Guter Start in den Beruf

Junge Leute mit besonderem Förderbedarf haben es trotz guter Konjunktur schwer beim Start in den Beruf. Ein Projekt des Karbener Berufsbildungswerks Südhessen (BBW) ebnet den Weg ins Arbeitsleben: Dessen Azubis lernen direkt in Ausbildungsbetrieben. Mit der Firma Satis & Fy in Karben hat diese Kooperation eine neue Qualität erreicht. Zum Nutzen des Veranstaltungsspezialisten – und der Azubis.
07. Dezember 2018, 20:20 Uhr
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Von Dennis Pfeiffer-Goldmann
Die BBW-Azubis Marvin Freund (o. r.) und Niclas Semmel bereiten bei Satis & Fy Traversen für den Transport vor. (Foto: dpg)

Bitte zwei 1-Meter-Traversen verbinden und fertig machen.« Cedrik Schrader, genannt »Tatze«, gibt Marvin Freund (21) die Anweisungen. Hier in der Rigging-Abteilung ist im Lager von Satis & Fy alles verstaut, was nötig ist für den Aufbau jener Konstruktionen bei Veranstaltungen, an denen Scheinwerfer und Boxen aufgehängt werden.

Marvin Freund läuft in den hinteren Teil der Abteilung, holt zwei Traversen hervor. Aus einer Schatulle klaubt er zwei Dübel, um die Teile zu verbinden. Dann schnappt er sich einige Schutzaufsätze, klickt diese an die Seiten ein. Sein Kollege Niclas Semmel (19) aus Hasselroth fasst mit an. Zusammen hieven sie die Traverse aufs hölzerne Bord mit den passenden Vertiefungen. Zwei weitere Traversen folgen gleich noch.

Dass Marvin und Niclas hier im großen, quirligen Lager des weltweit tätigen Veranstaltungsspezialisten aus Karben ihre Ausbildung zu Lagerlogistikern absolvieren, ist keine Selbstverständlichkeit. Denn die beiden können nicht einfach so eine Ausbildung machen, beide haben einen besonderen Förderbedarf. »Dass hier Azubis mit Behinderung arbeiten sollen, hat anfangs zu Bedenken unter den Kollegen geführt«, räumt Kai Bilges ein, der Ausbildungsleiter von Satis & Fy.

Inzwischen sind 16 solcher Azubis im Lager der Firma tätig, drei weitere im Büro. Möglich wird das durch eine Kooperation des Unternehmens mit dem Karbener Berufsbildungswerk Südhessen (BBW). Denn dort haben die Azubis allesamt angefangen. Und über die verzahnte Ausbildung mit dem Unternehmen namens »Vamb« werden sie nun aufs Berufsleben vorbereitet.

Eine besonders tiefe Kooperation ermöglicht es überhaupt erst, dass diese jungen Leute in ganz normalen Betrieben »mitlaufen«. Das A und O ist dabei intensive Betreuung: BBW-Ausbilder André Heidler ist komplett zu Satis & Fy abgestellt und betreut seine Azubis dort. Zugleich werden die Mitarbeiter des Veranstaltungsspezialisten besonders geschult und ausgebildet. So ist es möglich, dass die BBW-Azubis im Tagesgeschäft ganz normal wie alle anderen Azubis beschäftigt und betreut sind.

Das hat Niclas Semmel längst erfahren. Stressig wurde es etwa, als das Material für »Rock am Ring« zusammengestellt wurde. »Das waren gefühlt 20 Laster voll«, erzählt er. »Da lag die ganze Halle voll Zeug.« Dem Azubi ist dabei klar geworden: »Hier packt man für etwas Großes an und ist ein kleiner Teil vom Ganzen.«

Ein kleiner Teil? Da widerspricht Satis & Fy-Firmensprecher Martin Jerulank. »Die Arbeit des Lagers ist extrem wichtig für jede Produktion.« Nur, wenn das Lager alles korrekt sende, könne die Veranstaltung problemlos über die Bühne gehen. Keine Schelle, kein Kabel dürfe fehlen. »Da müssen die Jungs aus dem Lager immer ganz schön springen.« Niclas wie auch Marvin Freund aus Babenhausen sind über berufsvorbereitende Angebote hierher gekommen. »Anfangs wusste ich nicht, was ich machen will«, erklärt Marvin. Die Schlosserausbildung hat er schon. Im Garten- und Landschaftsbau probierte er sich und als Schreiner. Schließlich waren Raumausstatter und Lagerist Favoriten. Der Empfehlung seines Ausbilders folgend ging es ins Lager. »Ich habe Spaß am Packen und Verpacken«, erklärt Marvin. Prozesse logisch zu denken sei sein Ding. Und Ware zu prüfen ebenfalls. Was nicht selten überaus anspruchsvoll ist. Technik wie Mischpulte oder Monitore, die im Lager ein- und ausgeliefert wird, ist häufig zigtausende Euro wert. »Das ist das wahre Leben«, sagt Ausbilder Bilges. Niclas Semmel nickt.

Im Laufe der Ausbildung sollen er und die anderen Azubis auch erleben, wie es »auf der anderen Seite« ist – dort, wo das Ergebnis ihrer Arbeit wichtig ist. »Wir werden sie auch einmal auf Produktionen mitnehmen«, kündigt Bilges an. Ganz leicht ist das nicht zu organisieren. Die 16 Azubis sind zwei Tage pro Woche im Betrieb. An zwei anderen Tagen besuchen sie die Berufsschule im BBW. Die habe extra schon ihre Schulzeiten angepasst, ist Heidler dankbar. »Es läuft super«, sagt Bilges. So gut, dass Satis & Fy nächstes Jahr gar keine eigenen Lager-Azubis mehr einstellen wolle, sondern nur mit jenen vom BBW arbeite. Es sehe sehr danach aus, dass einige der Jungs nach der Lehre hier weitermachen könnten. Für die übrigen sei mit der Ausbildung ein perfekter Grundstein gelegt.

Beim Rigging haben Niclas und Marvin inzwischen ihre Fuhre mit Traversen fertig bestückt. Azubi-Kollege Fabian Nöller kommt mit einem Spanngurt herbei, zurrt die Ladung fest. Chef »Tatze« nickt zufrieden. Fertig ist die Lieferung fürs nächste Event.



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