08. November 2018, 18:55 Uhr

Gegen das Vergessen

Um 20 bis 30 Leute muss es sich gehandelt haben, die am 10. November 1938 – aufgestachelt durch die Rassenideologie der Nationalsozialisten – zweimal durch die Straßen Bad Vilbels zogen, um die »Judensäue« aus ihren Häusern zu treiben. Rund 80 jüdische Bürger hatte Vilbel, laut einer Zählung aus dem Jahr 1937/1938 eine Gemeinde mit rund 6000 Einwohnern, aufzuweisen.
08. November 2018, 18:55 Uhr
80 Jahre Reichspogromnacht: Claus-Günther Kunzmann zeigt auf Stolpersteine vor dem früheren Wohnhaus der Famile Szametz in der Homburger Straße. (Foto: kop)

V iele Marschierer im braunen Mob kannten die Opfer, teils über Jahrzehnte hinweg, das ist für Claus-Günther Kunzmann, den Vorsitzenden des Bad Vilbeler Vereins für Geschichte und Heimatpflege, klar. Die Wohnungen wurden geplündert und verschandelt. Auch die Einrichtung der Synagoge in einem Hinterhof in der Frankfurter Straße wurde auf die Straße geschmissen und zerstört. Angezündet wurde sie nicht, Kunzmann vermutet, dass der Mob trotz seines Blutrausches dann doch keinen Großbrand in der Innenstadt riskieren wollte. Dass die Opfer danach am liebsten das Weite gesucht hätten, liegt für Kunzmann auf der Hand. Doch das durften sie nicht, ein Umzug war ihnen verboten.

22 Vilbeler Juden ermordet

An das Schicksal der mindestens 22 Vilbeler Juden, die während der NS-Zeit verfolgt und ermordet wurden, erinnern heute Stolpersteine, die zwischen 2006 und 2009 vor den Wohnhäusern der Opfer von Künstler Gunter Demnig verlegt wurden. Laut Kunzmann geht es bei den Stolpersteinen darum, den letzten freiwilligen Wohnort aufzuzeigen. Wenn Juden aber etwa nach Frankfurt flüchteten, um dort unterzutauchen, kann man das seiner Auslegung nach kaum als freiwilligen Umzug betrachten. »Deswegen wurde nicht an alle Juden gedacht«, merkt Kunzmann an. Doch nicht nur hier fällt eine Aufarbeitung der Geschichte schwer. Berta Ritscher hat 1998 als Teil der Vilbeler Heimatblätter »Geschichte der Vilbeler Juden – von der Integration zur Deportation« veröffentlicht. »Heute müssen wir die darin gemachten Angaben kritisch betrachten«, sagt Kunzmann. Denn der Heimathistoriker Stefan Kunz hat durch seine Recherchen vor allem über die jüdische Brunnenbetreiber-Familie Wechsler einige Angaben widerlegt.

Aufarbeitung per Stadtrundgang

Die Aufarbeitung findet aber nicht nur auf Papier statt. So bieten Hartmut und Merlene Schröder-Greim Stadtrundgänge zur jüdischen Geschichte an. Zudem ist der jüdische Friedhof nach Abholung des Schlüssels in der Alten Mühle zugänglich.

Schüler des Georg-Büchner-Gymnasiums reinigen immer wieder mal die Stolpersteine. Neue Steine kommen erst einmal nicht hinzu, »solange wir keine neuen und gesicherten Informationen haben«, sagt Kunzmann.

Ungesichertes gibt es reichlich: So sollen vier Juden in einer Art Getto im Wasserweg, der seit dem 19. Jahrhundert »Judengasse« genannt wurde, gelebt haben, bis sie ins KZ Theresienstadt deportiert wurden. Doch Meldekarten verschiedener Stellen geben unterschiedliche Informationen. Als Gedenkorte in Bad Vilbel hinzu kommen Gedenksteine und -tafeln am Alten Rathaus, an der früheren Synagoge sowie an der Stadtschule, wo an den früheren – jüdischen – Schulleiter Dr. Albert Chambré erinnert wird. Chambré ist bereits 1938 im KZ Dachau zu Tode gekommen. Kunzmann nennt auch das Ehrenmal für die im Ersten Weltkrieg gefallenen Soldaten, worauf sich ein jüdischer Name befindet. Der wurde nicht in der Nazi-Zeit entfernt. Auch die Geschichte von Egon Lapp, einem »spannenden Zeitzeugen«, wurde festgehalten. Entstanden ist ein 70-minütiger Film, der mehrfach in der Alten Mühle gezeigt wurde.

Ins Stocken geraten

Lapp kam im Februar 1945 mit dem letzten Transport aus Frankfurt nach Theresienstadt, überlebte und kehrte zurück. Ein Höhepunkt war die Ausstellung »Der Fiskus und die Ausplünderung der Juden in Hessen 1933 bis 1945«, die 2014 im Kurhaus gezeigt wurde. »Neben einem allgemeinen Teil gab es dort auch einen lokalen Teil«, erinnert sich Kunzmann. Dafür hatte Stefan Kunz aufwendige Recherchen betrieben.

Kunzmann: »Die Bevölkerung hat auch in Bad Vilbel von der Enteignung der Juden profitiert.« Ob nun durch geplündertes Eigentum oder weil ein unliebsamer geschäftlicher Konkurrent ausgeschaltet wurde. Doch auch nach 1945 hatten die Juden, die den NS-Terror überlebt hatten, eine schwere Zeit. Denn ihre Häuser waren inzwischen von anderen bewohnt, sie bekamen sie oft nicht zurück. Derzeit ist die Aufarbeitung der jüdischen Geschichte in Vilbel ins Stocken geraten. Nicht nur, weil Kunzmann mit Burgfestspielen und Hessentag andere große Baustellen auf seiner Agenda hat.

Kaum noch Zeitzeugen

Zeitzeugen gibt es kaum noch. Und auch der Tod der Nidderauer Historikerin Monica Kingreen hat eine Lücke gerissen. »Sie hat Daten und Fakten vor der Verlegung der Stolpersteine aufgearbeitet und überprüft«, weiß Kunzmann. Trotz dieser Umstände sollen die Recherchen über die Geschichte der Juden in Vilbel weiter betrieben werden.

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