05. September 2019, 17:00 Uhr

Wald in Gefahr

Erschreckende Aussichten im Bad Vilbeler Wald

Ging es bisher im Ausschuss um die Stadtbäume, stand nun der Vilbeler Wald im Fokus des Planungs-, Bau- und Umweltausschusses . Mit erschreckenden Erkenntnissen.
05. September 2019, 17:00 Uhr
Den großen Bäumen im Bad Vilbeler Stadtwald geht es alles andere als gut. Förster Helmut Link und Ausschussvorsitzender Jens Völker (links unten im Dickicht) stellten im Umweltausschuss nun einen niederschmetternden Zustandsbericht vor. (Foto: rin)

Ausschusssitzungen sind selten für ihre gute Stimmung und Unterhaltsamkeit bekannt. Die Sitzung des Planungs-, Bau- und inzwischen vorallem Umweltausschusses am vergangen Dienstag ließ die gute Laune der Politiker jedoch auf einen selten erreichten Tiefpunkt schwinden. Denn die Ausführungen des Revierförsters Helmut Link zum Zustand des Bad Vilbeler Waldes ließen nur jene Ausschussmitglieder kalt, die erst nach Ende des Vortrags zur Sitzung kamen.

1550 Hektar Wald fallen in die Zuständigkeit des Försters - noch. »Die Situation ist wirklich dramatisch«, erklärt der Experte. Baumart für Baumart präsentiert er mit Fotos aus dem Wald und stellt den Politikern die Schadensbilder vor. Von Trockenschäden und abgebrochenen Baumkronen bis hin zum Borkenkäfer, der Rußrindenkrankheit und dem Buchenschleimfluss ist vieles dabei. Starke und gesunde Bäume sind da längst in der Unterzahl.

Im Akkord Bäume fällen

Im Akkord müsse der Revierförster abgestorbene oder kranke Bäume fällen, nicht nur, um Platz für neue Wildlinge zu schaffen, sondern auch, um sichere Waldwege garantieren zu können. Denn selbst für den erfahrenen Förster träten inzwischen Probleme auf, die er bisher noch nicht kannte. Ein neuartiger Pilz etwa: »Scheinbar grüne und gesunde Äste können bei Arbeiten plötzlich herunterfallen«, berichtet er, »Wir haben so viele Schadfälle am Wegesrand, ich weiß gar nicht wann ich das alles schaffen soll.«

Und nicht nur das: »Wenn ich den Weg verlasse, sieht es noch dramatischer aus.« Dabei sei der Vilbeler Wald noch einer der besseren. In anderen Wäldern in seinem Beritt sähe die Situation noch erschreckender aus. »Ich befürchte aber, dass sich diese Entwicklung in Bad Vilbel bloß um ein Jahr verzögert hat.«

Diese Ansage sitzt. Zögerlich ergreift der Grüne Clemens Breest als erster Zuhörer das Wort. Er habe mit Bürgern gesprochen, die verstört auf die Nachrichten zum Zustand des Waldes reagiert hätten. In dieser Dramatik, sei das nur schwer aufnehmbar, gibt er die Bürgereindrücke wieder.

Mit Baumarten experimentiert

Link reagiert desillusionierend: »Ich schlage vor, wir gehen einfach in den Wald, dann wird den Bürgern Angst und Bange.« Dass es eine nur schwer zu fassende Situation ist, dessen sei sich der Revierförster bewusst, an der Größe des Problems ändere das jedoch nichts. »Das Kartenhaus fällt zusammen!«

Auch dem Ersten Stadtrat Sebastian Wysocki (CDU) hat Links Vortrag die sonst so zuverlässige Sprache verschlagen. Das Selbstverständnis der Ausschussmitglieder, die Dinge anzupacken, gerät mit Blick auf den trockenen und kranken Wald an seine Grenzen. Denn selbst der Revierförster hat keine Lösung parat.

Eifrig experimentiere Link mit Baumarten, die den bevorstehenden Hitzezeiten gewachsen sein könnten. Sogar Esskastanien und Flaumeichen habe er schon in den Wald eingebracht. Motiviert wirft Peter Paul (Grüne) einige weitere Baumarten in den Ring, Weißtannen etwa und generell mehr Eichen. Link ist dankbar für die Anregungen der Politiker, denn als einsame Speerspitze der personell übersichtlich gestalteten Behörde Hessen-Forst weiß er: »Ich werde nicht gegen die Natur ankämpfen können, ich kann nur reagieren.« Und dafür bräuchte es viele gute Ideen.

Mehr Möbel und Dachstühle

Dass es keine gute Idee sei, den Wald ganz in Ruhe zu lassen, macht Link in einem zweiten Vortrag deutlich. So sei die zentrale Aufgabe des Waldes, im Kampf gegen den menschgemachten Klimawandel, CO2 zu speichern. Werde der Wald nun sich selbst überlassen, sei schnell eine maximale Speicherkapazität erreicht und mit der Zeit würden absterbende Bäume ihren gespeicherten Kohlenstoff wieder freigeben.

Links Ansatz ist es daher, Bäume zu fällen, und deren Holz dauerhaft zu nutzen, etwa zum Bau von Möbeln oder Dachstühlen. So würden sie als CO2-Speicher erhalten bleiben und neue Bäume könnte gepflanzt werden, die ihrerseits CO2 speichern.

Werde nicht das heimische Holz auf den Baustellen des Landes genutzt, müsste dieses importiert werden - ein klimatechnischer Affront. Gebeutelt sei die Waldwirtschaft dennoch längst. Statt früher einmal 80 Euro, könne Link beispielsweise mit der todgeweihten Fichte inzwischen, wenn überhaupt, nur noch 40 Euro für den Festmeter verdienen.

Drama endet nicht beim Stamm

Und das Drama der sterbenden Bäume ende nicht beim gefallenen Stamm: »Da brechen ganze Systeme zusammen«, betont der Förster. So stünden hinter jeden Baumart andere Tier- und Pflanzenarten die in Kreisläufen und Symbiosen miteinander verbunden sind. Auch diese litten unter den Folgen des Klimawandels.

In einer Bad Vilbeler Ausschusssitzung kann man sich einer Sache eigentlich sicher sein: Irgendjemand ist immer anderer Meinung. Doch nicht in diesem Fall. Aufgerüttelt von Helmut Links schockierenden Berichten zweifelt keiner der Mitglieder den dringenden Handlungsbedarf an. Wenngleich niemand eine Lösung hat, macht zumindest Stadtrat Klaus Minkel (CDU) ein Versprechen: »Solange ich die Verantwortung für den Bad Vilbeler Wald habe, wird es an den finanziellen Mitteln nicht fehlen, um den Wald zu schützen.«

Völkers Humor und weinende Wespen

Die Nerven liegen blank: Auch zum dritten Vortrag der Informationskampagne des Ausschussvorsitzenden Jens Völker (CDU) waren wieder zahlreichen Bürger gekommen. Darunter auch Petra Burgmann, Initiatorin der Bürgerinitiative »Gelbwespen«. »Wir sind wirklich dankbar, dass es diese Vorträge gibt«, lobt diese am Tag nach der Sitzung. Am Abend selbst sah ihr Gemütszustand noch anders aus.

Innerlich brodelnd saß sie in den Zuschauerreihen, denn in Ausschusssitzungen haben Besucher kein Rederecht. »Das akzeptieren wir auch, aber wir wollen nicht wie Hysteriker oder Spinner dargestellt werden.«

Ihr gingen zuvor einige Bemerkungen Völkers über die »Gelbwespen« nahe. Dieser bekräftigt am Tag darauf: »Es stört mich, wenn fanatisch um jeden Baum gekämpft wird.« Doch Burmann widerspricht: »Wir sind ja nicht weltfremd, wir fragen nur nach und sind dann ja auch zufrieden, wenn wir eine ordentliche Antwort bekommen.« Dass Völker zudem ein Paket Taschentücher in die Sitzung mitbrachte, »falls die Gelbwespen weinen müssen«, trug nicht zu Burgmanns Beruhigung bei. Doch Völker kann deeskalieren: »Das war ein Scherz. Wäre es kein Scherz gewesen, hätte ich nicht die mit Aloe-Vera-Duft gekauft.« Und so kann auch Petra Burgmann wieder lachen, denn die Freude über die Erkenntnisse aus den Vorträgen überwiegt auf beiden Seiten. Und Burgmann lobt: »Ich finde es gut, wenn jemand den Mut hat, nicht nur Parteisoldat zu sein.«

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