14. September 2017, 11:00 Uhr

Preiswerte Wohnungen

Einmütig für Sozialwohnungen

Trotz Protesten von Anwohnern, die den Grünzug erhalten wollten, werden in Bad Vilbel bezahlbare Wohnungen gebaut, in die Menschen mit geringem Einkommen und Geflüchtete einziehen können.
14. September 2017, 11:00 Uhr
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Von Holger Pegelow
Die Grünanlage am Berkersheimer Weg soll weichen, weil die Stadt dort Wohnungen für Menschen mit niedrigem Einkommen bauen will. (Fotos: pe)

Die Stadt will ein neues Verfahren nach dem Baugesetzbuch anwenden, um Grundstücke für preiswerten Mietwohnungsbau zur Verfügung stellen zu können. Die drei Gebiete befinden sich an den Friedhöfen in Massenheim (9600 Quadratmeter) und Dortelweil (1765 Quadratmeter) sowie, besonders umstritten, im Berkersheimer Weg nahe dem Südbahnhof (1500 Quadratmeter). Dort stehen überwiegend Ein- und Zwei- familienhäuser. Deren Einwohner haben sich zu einer Bürgerinitiative zusammengeschlossen, die für den Erhalt des Siesmayer-Parks kämpft. Denn es geht ihnen um die Grünanlage, die sich zwischen Bahnlinie und ihren Häusern befindet.
 

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Sebastian Wysocki verteidigt den Bau von Sozialwohnungen.


Initiativteam

Das Initiativteam mit Gerd J. Groß, Prof. Peter W. Hübner, Dr. Hans-Joachim Kirschenbauer, Wolfgang Kramer und Barbara Wokurkas sagt, die Stadt wolle »im Eilverfahren eine nicht unerhebliche Blockbebauung, um kurzfristig Wohnraum zu schaffen«. Der zwei- bis viergeschossige Wohnblock stelle einen »massiven Eingriff in den Bestand« dar und werde den Charakter des gesamten Wohngebietes »nachteilig verändern«. Das Bauvorhaben zerteile die »Siesmayeranlage«, die ein wichtiger Weg für Fußgänger, Radfahrer, Schüler und Bahnreisende sei. Es ist zugleich der einzige unmittelbare Erholungsraum.

80 Zuhörer

Rund 80 Zuhörer waren im Dortelweiler Kulturforum erschienen, um die Debatte um die Einleitung der Bebauungsplanverfahren zu verfolgen. Erster Stadtrat Sebastian Wysocki (CDU) sagte, die Stadt wolle die Grundstücke bereitstellen für Wohnungsbau für Menschen mit niedrigem Einkommen. »Dazu gehören auch anerkannte Flüchtlinge.« Hier gehe es zunächst nur darum, das Bauleitverfahren einzuleiten. Er könne noch keine Angaben zu Geschosshöhe, Baukörpern und anderen Dingen machen. »Der Rad- und Gehweg im Berkersheimer Weg wird aber erhalten«, kündigte er an.

Versäumnisse der Vergangenheit

Im Folgenden drehte sich die Debatte allerdings eher um die Versäumnisse der Vergangenheit. SPD und Grüne warfen der CDU-/FDP-Koalition vor, der Bau von Wohnungen für Geringverdiener und Flüchtlinge sei ihnen keine Herzensangelegenheit. »Sie bauen doch nur, weil Sie es müssen«, sagte SPD-Fraktionschef Christian Kühl. Die Stadt habe andernorts 100 000 Quadratmeter Land verkauft. »Wären Sie bereit gewesen, einen Teil der Grundstücke für Geringverdiener zu reservieren, hätten Sie längst bezahlbaren Wohnraum schaffen können. Aber so können sich Polizisten, Krankenschwestern und Feuerwehrleute die Wohnungen in Bad Vilbel nicht mehr leisten und müssen wegziehen.«

CDU-Fraktionsvorsitzende Irene Utter meinte, die neue Bebauung müsse sich in die vorhandene einpassen. Sie wies die Kritik von SPD und Grünen zurück, die Stadt schaffe keinen preiswerten Wohnraum. So wollten die Stadtwerke 72 Wohnungen für Bezieher geringer Einkommen errichten.

Baulücken schließen

Raimo Biere (Freie Wähler) betonte, es sei wichtig, »zunächst die Baulücken in der Stadt zu schließen, weil der Landfraß durch Neubauten so nicht weitergehen kann«. Jörg-Uwe Hahn (FDP) wiederholte unter Protestrufen und Gelächter aus der Opposition, Bad Vilbel sei im Rhein-Main-Gebiet beim Wohnungsbau eine der aktivsten Kommunen überhaupt. Den Kirchen dankte Hahn für ihre klare Aussagen zu den geplanten Sozialwohnungen. Aber er rege auch an, die Kirche sollte selbst mal ihren Grundstücksbestand überprüfen, »um sie für Wohnungen nutzen zu können«. Der Liberale kritisierte zudem, dass ausgerechnet diejenigen, die im Bund mit in der Verantwortung seien, Gesetze beschließen, die das Bauen teurer machen. »Und vor Ort rufen Sie dann danach, mit Geldern der Steuerzahler billigen Wohnraum zu bauen.«

Trotz der Kontroversen stimmten alle Stadtverordneten für die Einleitung der B-Planverfahren für die drei Grundstücke.

Zwischenruf

Schwer vereinbar

Sie wohnen in kleinen Häusern mit Grundstücken davor und an einer Grünanlage. Dass die Anwohner des Berkersheimer Weges keine Sozialwohnungen vor ihrer Tür wollen, ist verständlich. Klar ist aber auch, dass Bad Vilbel gewaltigen Nachholbedarf in Sachen preiswertem Wohnraum hat. Es ist gut, dass sie ihn jetzt schafft. Allerdings hätte es vorher genügend Gelegenheit dafür gegeben, denn im Quellenpark hatte die Stadt riesige Baulandflächen. Wenngleich alle dafür sind, nun Wohnungen für Geringverdiener zu bauen, so ist die SPD dafür zu loben, dass sie auf die Versäumnisse der Vergangenheit hinweist. Nun gilt es aber, nach vorne zu blicken und in einen konstruktiven Dialog mit den Anwohnern zu treten, um die schwer vereinbaren Standpunkte irgendwie zusammenzubringen. (pe)



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