18. September 2019, 14:00 Uhr

Nachruf

Ein Kämpfer für die Natur: Hartmut Groß ist gestorben

Dr. Hartmut Groß packte die Dinge an: Als Umweltschützer, Kommunalpolitiker und guter Freund war er in Bad Vilbel aktiv, bekannt und geschätzt. Nun ist er im Alter von 76 Jahren gestorben.
18. September 2019, 14:00 Uhr
Die Chronik »Unsere Nidda« ist Liebeserklärung und Anklage zugleich: Hartmut Groß hat sich wie kaum ein zweiter für die Renaturierung der Nidda stark gemacht. Nun ist er im Alter von 76 Jahren gestorben. (Foto: rin)

Kaum etwas sagt so viel über einen Menschen aus wie das eigene Büro. Etliche Notizen, Zeitungsartikel und Dokumente über die Nidda prägen den Schreibtisch von Dr. Hartmut Groß in seinem Haus in Nieder-Erlenbach. Die Wände sind geschmückt mit Familienbildern und tibetischen Andenken. Hier arbeitet ein kluger Kopf, ein wacher Geist, der sich für so einiges interessiert.

Noch mehr sagt es jedoch über einen Menschen aus, wenn er in diesem Büro sitzt, obwohl sein Körper vielleicht keine Kraft mehr dafür hat. So geschehen im Mai dieses Jahres: Groß’ zweite Chronik über seinen Lieblingsfluss, die Nidda, ist gerade erschienen, und der Autor und Chronist will Rede und Antwort stehen. Sein Körper ist bereits gezeichnet, andere hätten das Interview längst abgesagt, das Angebot es abzubrechen steht mehrmals im Raum, doch Hartmut Groß will weitersprechen. Es ist ihm einfach wichtig.

Liberal und freiheitsliebend

»Alles, was er getan hat, hat er stets mit ganzem Herzen gemacht«, betont sein langjähriger Tennisfreund Hartmut Schröder. Groß kam nicht einfach so zum Tennisspielen, weil das halt dazugehört. Mit seinen Freunden in der Tennisgruppe »early birds« zu spielen, war ihm immer ein aufrichtiges Anliegen, erinnert sich Schröder. Ebenso seine Skat-Gruppe, das Golfspielen, der Gronauer Chor, die Kameraden aus der Aachener Verbindung, die liberalen Parteikollegen oder seine Mitstreiter bei der Arbeiterwohlfahrt (AWO). »Hartmut hat seine Freundschaften bis zum Schluss intensiv gepflegt - von sich aus!«

Groß ist in der Nähe von Bielefeld geboren und auf einem Bauernhof aufgewachsen. Seine Mutter musste sich alleine um die drei Kinder kümmern, da sein Vater im Krieg geblieben war. Dennoch habe er seine Kindheit immer als naturverbunden und unbeschwert beschrieben, erzählt Schröder. 1974 zog der studierte Ingenieur schließlich nach Bad Vilbel und arbeitet bei der Degussa AG in Frankfurt. »Er war jemand, der sich dort, wo er sich ansiedelt, auch engagiert«, erklärt Schröder. Groß war kaum etwas egal. »Wer eine andere Meinung hatte, musste sich auch schon mal warm anziehen«, weiß Schröder zu berichten, »aber die Diskussionen verliefen immer freundlich. Er war einfach liberal und freiheitsliebend.«

Herzensprojekt: Nidda

Entsprechend trat Hartmut Groß 1975 in die Bad Vilbeler FDP ein. Anfang bis Mitte der 90er Jahre war er Ortsvorsitzender und von April 1992 bis Dezember 1995 Stadtverordneter in Bad Vilbel. Dort erinnert sich der Fraktionsvorsitzende Jörg-Uwe Hahn vor allem an Groß’ Engagement für ein Zusammenwachsen von Hessen und Thüringen. Häufig sei Groß daher in der Partnerstadt Brotterode gewesen, erzählt Hahn.

Diese Reisen dürften für den Weltenbummler Groß das Leichteste gewesen sein, lag sein Schwerpunkt doch fast am anderen Ende der Welt. Häufig ist er in sein Lieblingsland Tibet gereist, um Land und Leute kennenzulernen und sich in der Tibethilfe zu engagieren. »Die Geschichte und Zukunft dieses Landes hat ihn sehr beschäftigt«, berichtet Schröder.

Groß hat viel von der Welt gesehen. Ein weiterer wichtiger Teil seines vielfältigen Engagements war Tschernobyl. Am Ort der großen Nuklearkatastrophe von 1986, beteiligte er sich am Bau neuer Häuser für Umgesiedelte. Wo Groß sich engagierte, waren die Menschen selten von Glück verfolgt. Zum Fatalisten sei er dennoch nie geworden, betont Schröder: »Für ihn war das Glas immer halbvoll. Er war sehr intelligent, aber kein klassischer Intellektueller. Er musste die Dinge immer anpacken.« Bis zum Schluss. Noch Anfang dieses Jahres setzte sich Groß regelmäßig hinter das Steuer des AWO-Busses, um Senioren zum Café Kleeblatt zu fahren. »Er war äußerst hilfsbereit und einfach ein Kämpfer«, lobt Hans-Ulrich Callies, Wegbegleiter bei der AWO und ein weiterer Tennisfreund von den »early birds«.

Sichtlich bewegt über Umweltfrevel

Und dann ist da natürlich noch die Nidda. Jener Fluss, der Groß seit jeher mit Trauer und Freude gleichzeitig erfüllte. Den Grund, warum dieser Fluss bei ihm so viel Leidenschaft weckte, beschrieb er im Mai ganz sachlich: »Weil ich an ihm in weniger als 100 Meter Entfernung jahrzehntelang gewohnt habe.«

Andere Menschen wären rasend geworden. Und auch Groß war sichtlich bewegt, wenn er über die Frevel sprach, die die Menschen der Natur und vor allem der Nidda antun. Doch Groß blieb konstruktiv. »Er war sehr davon getrieben, die Nidda wieder zu dem zu machen, was sie einst war: ein natürlicher Fluss«, berichtet auch der Gewässerökologe und Weggefährte Gottfried Lehr. Sogar im Krankenhaus hat er Groß besucht, um gemeinsam Bildnachweise durchzugehen und so die zweite Nidda-Chronik fertigzustellen.

Ohne Hartmut Groß als seinen langjährigen Mitstreiter wäre die Nidda heute nicht das naturnahe Idyll, das sie in weiten Teilen wieder ist. »Das Schwierigste war damals ein Bewusstsein dafür zu schaffen, dass die Begradigung nicht richtig war. Er hat einen entscheidenden Beitrag dazu geleistet, dass diese Dinge heute endlich ernst genommen werden«, sagt Lehr.

Die Beerdingung von Dr. Hartmut Groß findet am Donnerstag, 19. September, um 12 Uhr auf dem Neuen Friedhof in Nieder-Erlenbach statt.

Schlagworte in diesem Artikel

  • Arbeiterwohlfahrt
  • Degussa AG
  • FDP
  • FDP Bad Vilbel
  • Jörg-Uwe Hahn
  • Kommunalpolitiker
  • Körper
  • Natur
  • Nekrolog
  • Nidda (Fluss)
  • Umweltschützer
  • Bad Vilbel
  • Dominik Rinkart
  • Schlagwort zu
    Meine Themen

    Sie haben bereits 15 Themen gewählt

    Sie folgen diesem
    Thema bereits

Klicken Sie auf ein Schlagwort, um es zu „Meine Themen” hinzuzufügen oder weitere Inhalte dazu zu sehen.


0
Kommentare | Kommentieren

Bilder und Videos

Kommentare

Kommentar hinzufügen

Kommentar schreiben - Ihre Meinung zum Thema ist gefragt


Kommentare werden erst nach einer Prüfung durch die Redaktion veröffentlicht. Bitte beachten Sie die Netiquette sowie die Hinweise nach dem Absenden Ihres Beitrags.


Überschrift
Meine Meinung





Sie haben noch kein Login? Jetzt kostenlos registrieren.

Registrieren Sie sich kostenlos um Ihren Kommentar abzuschließen:

Wir garantieren Ihnen, dass alle persönlichen Daten nur beim Verlag intern verwendet werden und nicht ohne Zustimmung an Dritte weitergegeben werden.


Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:
Wieviel ist 24 - 4: 




Sie sind bereits registriert? Zurück zum Login.