Bad Vilbel & Karben

Die dunkle Seite des Reformators

Etwa 180 Interessierte waren zum Gedenken an die sogenannte Reichskristallnacht (Pogromnacht) 1938 in die evangelische St.-Michaelis-Gemeinde Klein-Karben gekommen. Dieses Mal stand bei dieser Veranstaltung der Antisemitismus von Martin Luther im Mittelpunkt. Jugendliche aus der Gemeinde hatten eine szenische Lesung vorbereitet, in der es um das Verhältnis von Luther zu den Juden ging.
15. November 2017, 20:52 Uhr
Redaktion
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Jugendliche und junge Erwachsene zitieren in einer szenischen Lesung antisemitische Äußerungen von Luther und anderen Reformatoren. (Fotos: Polzer/pv )

Etwa 180 Interessierte waren zum Gedenken an die sogenannte Reichskristallnacht (Pogromnacht) 1938 in die evangelische St.-Michaelis-Gemeinde Klein-Karben gekommen. Dieses Mal stand bei dieser Veranstaltung der Antisemitismus von Martin Luther im Mittelpunkt. Jugendliche aus der Gemeinde hatten eine szenische Lesung vorbereitet, in der es um das Verhältnis von Luther zu den Juden ging.

Pfarrer Werner Giesler sagte in seiner Ansprache an die Gemeinde, die Reichskristallnacht 1938 leite das schrecklichste Verbrechen ein, das Menschen an Menschen je verübt hätten: die systematische Ermordung der Juden in Deutschland. Zugleich seien die Ereignisse um den 9. und 10. November Ausdruck einer Jahrtausend währenden Verfolgungs- und Unterdrückungsgeschichte. »Nachdem das Christentum der eigenen Verfolgung entronnen war, gehörten neben Heiden vor allem Juden zu den von Christen verfolgten Gruppen«, sagte Giesler. Das ändere sich nicht in der Reformation. Martin Luther spitze die Feindschaft gegenüber den Juden in seiner Schrift: »Von den Juden und ihren Lügen!« aus dem Jahr 1543 sogar zu und und rät: »Man soll ihre Synagogen niederbrennen.« Luthers Antisemitismus sei geprägt von der antijüdischen Haltung des christlichen Abendlandes. »Seit jeher beschuldigen Christen Menschen jüdischen Glaubens als ›Gottesmörder‹ und ›Teufelskinder‹, die nach der Weltherrschaft streben. Diese Vorstellung hat sich bis ins dritte Reich gehalten und wird bis in die heutige Zeit von manchen christlichen Gruppen immer noch vertreten«, sagte Giesler. An diesem Gedenkabend wolle man sich eine Wurzel des Antisemitismus im Dritten Reich vor Augen führen, und zwar die, die auf Martin Luther, seine Schriften und seine antijudaistischen Äußerungen im 16. Jahrhundert zurück gehen. Mit Jugendlichen und jungen Erwachsenen hatte die Michaelis-Gemeinde eine szenische Lesung vorbereitet. Darin wurden Luther, Reformatoren und andere große Deutsche in der Geschichte zitiert. Damit wolle man im Lutherjahr 2017 auch die dunkle Seite des Martin Luther und der Reformatoren zeigen, sagte Pfarrer Giesler.

Zuvor gedachte die Gemeinde in aller Stille der Opfer des Holocaust im Dritten Reich. Am 9. und 10. November 1938 begann die systhematische Vernichtung der jüdischen Mitbürger mit der sogenannten Reichskristallnacht.

In Burg-Gräfenrode, Groß-Karben, Rendel und Okarben erinnern Stolpersteine, dass Menschen jüdischen Glaubens Mitbürger waren »und damit Teil unseres gemeinsamen Lebens«.

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