28. August 2019, 05:00 Uhr

»Letzte Hilfe«

Die Angst vorm Tod nehmen

Erste Hilfe kennt jeder. Doch was ist mit »Letzter Hilfe«? Ein Seminar in Karben gibt nun konkrete Tipps für den Umgang mit Schwerkranken und Sterbenden.
28. August 2019, 05:00 Uhr
JKÖ

»Sterben ist ein Teil des Lebens«: Mit diesem Modul startet Ihr Seminar »Letzte Hilfe«. Ist das wirklich allen Menschen bewusst?

Friederike Olbrisch-Korn : Nein. Leben, Sterben, der Tod - das hat keinen Platz in unserer Gesellschaft. Darüber wird nicht gesprochen, und viele Menschen macht es hilflos, wenn sie mit dem Ende des Lebens konfrontiert werden. Wir wollen das Thema wieder weiter in die Mitte der Gesellschaft rücken.

Ursula Jacobsen : Viele scheuen die Ausein-andersetzung mit dem Gedanken »Wir alle müssen sterben«. Aus meiner Sicht liegt das auch daran, dass die Generationen getrennter voneinander leben als früher - der Tod, das Alter, die Krankheit sind also nicht per se Teile unseres jungen Lebens. Aber: Irgendwann sind wir alle damit konfrontiert. Deswegen richtet sich das geplante Seminar explizit nicht nur an Menschen, die bereits einen Sterbenden oder Schwerkranken begleiten, sondern alle Karbener. Wir wollen die Angst vor dem Tod nehmen.

Wie kann sich diese Angst konkret äußern?

Jacobsen : Viele verspüren eine starke Unsicherheit - bis hin zum persönlichen Rückzug, wenn sie mit einer schweren Erkrankung oder dem Lebensende eines nahestehenden Menschen konfrontiert sind. Sie wissen schlichtweg nicht, wie sie mit dem Menschen und der neuen Situation umgehen sollen. Das muss gar kein Angehöriger sein, das kann auch ein guter Freund sein. Aber Sterbende leben noch, und sie spüren diesen Rückzug genau - was unheimlich schmerzhaft sein kann. Wir wollen der Karbener Bevölkerung deswegen konkrete Hilfen an die Hand geben, in solch schwierigen Situationen handeln zu können. Dazu gehört auch, den Kontakt nicht aus Angst zu vermeiden.

Im Seminar gehen Sie noch einen Schritt weiter: Es geht auch um die konkrete Sterbebegleitung. Wie können Angehörige da Leiden lindern?

Olbrisch-Korn : Oft sind es kleine, ganz praktische Handgriffe, die das Leiden lindern können. Ein Beispiel ist die Mundpflege: Gegen eine unangenehme Mundtrockenheit ist es wichtig, etwa alle 30 Minuten ein wenig Flüssigkeit zuzuführen - in Form eines kleinen Schlucks oder auch eines selbst gemachten Eiswürfels. Tun Sie dem Sterbenden etwas Gutes, geben Sie ihm sein Lieblingsgetränk. Am Lebensende ist es egal, ob wir regelmäßig einen wohlschmeckenden Tee, einen Saft oder aber auch einen Wein oder mal einen Whiskey nippen, wenn wir das während unseres Lebens sehr genossen haben.

Sind es immer so konkrete Taten?

Olbrisch-Korn: Nein, oft reicht die bloße Anwesenheit, die Nähe eines Menschen, die gut tut. Es geht nicht immer darum, konkret etwas zu tun, sondern einfach um ein »Dasein«. Das kann wirklich jeder.

Für die Angehörigen ist das oft eine große Herausforderung.

Jacobsen: Wir wissen, dass Menschen, die einen Sterbenden oder Schwerkranken begleiten, oft unter einem hohen Druck stehen - sowohl seelisch als auch körperlich. Wir sind für sie da und bieten Entlastung: Einerseits durch das konkrete Gewähren von Auszeiten, wenn wir über Stunden hinweg anwesend sind. Andererseits aber auch durch seelischen Beistand, durch die Möglichkeit, im Gespräch mal alle Gefühle zuzulassen. Dazu gehört auch der verzweifelte Gedanke, nicht mehr zu können. Wir haben den großen Wunsch, dass alle Karbener wissen, dass wir unterstützen, wenn sie in solche Situationen kommen.

Olbrisch-Korn: Das Schöne ist, dass Angehörige begleiten können, sofern sie sich das selber zutrauen und die Zeit haben. Aber sie müssen das nicht - oder eben auch nicht allein - übernehmen. Was kann die Familie leisten, was wünscht sich der Patient überhaupt, wo möchte der Mensch sterben? Der Hospizdienst klärt alle diese Fragen und baut ein Netzwerk um alle diese Wünsche. Das ist ganz wichtig: Sterbende und die Menschen, die sie begleiten, sind nicht allein.

Wie können Sie auf den Abschied vorbereiten?

Olbrisch-Korn: Ein wichtiger Teil ist, vorhandene Mythen zu entkräften. Viele wissen etwa gar nicht, dass der Leichnam nicht sofort abgeholt werden muss. Im Gegenteil: Wenn ein Mensch daheim, vorhersehbar und gut betreut gestorben ist, dann können sich die Angehörigen durchaus Zeit nehmen für den Abschied. Der Arzt darf ohnehin erst nach zwei Stunden den Tod bescheinigen. Ich sage im Seminar deshalb ganz deutlich: »Dass der Mensch wirklich von Ihnen gegangen ist, ist in diesem Moment erst einmal Ihr Geheimnis.« Nehmen Sie sich Zeit für den Abschied. Früher wurde der Leichnam zwei bis drei Tage daheim belassen, um sich in Ruhe zu verabschieden. Das ist heute unüblich, aber möglich. Auch nach dem Tod im Krankenhaus kann der Leichnam, das wissen nur ganz wenige, zum Abschied erst einmal nach Hause gebracht werden. Da können etwa Kinder sehr gut eingebunden werden, denn der Tod verliert so den Schrecken.

Jacobsen: Sich in Ruhe zu verabschieden, ist essenziell für das Leben nach dem Tod und für die Trauerarbeit. Der Tote darf bis zu 72 Stunden im eigenen Haus verbleiben, das weiß in der Tat kaum jemand. Sich diese Zeit auch wirklich zu nehmen, kann aber helfen, sich in Ruhe und auch mit der gebotenen Würde zu verabschieden. Das kann eine große Befriedigung für das gesamte weitere Leben schaffen.

Das klingt nach sehr individuellen Entscheidungen rund um den Tod?

Olbrisch-Korn: Genau, darum geht es. Das Lebensende kann völlig individuell gestaltet werden - etwa auch bei der Frage nach der richtigen Bestattungsform. Vom klassischen Grab oder Urnengrab bis zur Seebestattung oder Friedwald gibt es viele Möglichkeiten. Darüber zu sprechen, hilft auch, wieder die Natürlichkeit des Sterbens zu vermitteln. Der Tod gehört zum Leben dazu.

Das von der ambulanten Hospizhilfe Karben geplante Seminar »Letzte Hilfe« ist am Dienstag, 3. September, 16.30 bis 20.30 Uhr im Clubraum 1 des Bürgerzentrums, Rathausplatz. Es umfasst die vier Module »Sterben ist ein Teil des Lebens«, »Vorsorgen und Entscheiden«, »Leiden lindern« und »Abschied nehmen vom Leben«. Anmeldungen sind noch möglich unter Telefon 0 60 39-9 39 87 38 oder hospizhilfe-karben@web.de.



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