31. Oktober 2019, 20:28 Uhr

Aufgeben kommt nicht in Frage

Der in Nidderau wohnende Albert Schlierbach hat ein Buch geschrieben. Es trägt den Titel »Born in the Hinterland«. Doch eigentlich ist es kein Buch, sondern ein Didaktoliber. Also ein Buch, das seine Biografie mit Wikipedia-Wissen verknüpft. Letzteres ist wichtig, um die Lebensstationen des 65-Jährigen zu verstehen. Denn zeitweise lautete sein persönliches Stakkato sozusagen Schlag auf Schlag und reichte vom Schlaganfall bis zum Herzinfarkt. Doch aufgeben war nie Schlierbachs Option.
31. Oktober 2019, 20:28 Uhr
Albert Schlierbach präsentiert sein Buch »Born in the Hinterland«. Aus therapeutischen Gründen setzt er sich darin mit seiner Lebenssituation auseinander. (Foto: Lori)

E r kann wieder lächeln und selbstständig gehen, sprechen und seine visuellen Eindrücke kreativ verarbeiten. Er fotografiert und gestaltet Fotoalben von hohem künstlerischem Anspruch, er reist mit Ehefrau Ute in die Vereinigten Staaten von Amerika und schreibt Bücher. Wer Albert Schlierbach begegnet, der glaubt nicht, dass er dem Tod schon mehrfach ein Schnippchen geschlagen hat. Vielleicht gerade deshalb, weil er erkannt hat, dass die Angst vor dem Sterben wie die Angst vor dem Leben tödlich sein kann. Damit befasst sich auch ein Kapitel seines Buches, das im Januar 2018 im Morlant Verlag erschienen ist. In seinem Erstlingswerk setzt er sich mit seinem Leben auseinander. Autobiografisch erzählt er den Aufbruch aus der Provinz, um in den Metropolen der Welt seine Karriere in der Werbebranche zu verfolgen.

Geboren wurde Schlierbach am 15. Juli 1954 in Wommelshausen im Kreis Marburg-Biedenkopf. Er wuchs mit einem Bruder und einer Schwester auf. Sein Abitur legte er 1974 in der Freiherr-vom-Stein-Schule im mittelhessischen Gladenbach ab und absolvierte im Anschluss seinen Wehrdienst bei der Bundeswehr in Wetzlar. Seinem Studium in Visuelle Kommunikation und Design an der Fachhochschule Mainz, das er 1979 beendete, folgte im gleichen Jahr die Anerkennung als Sieger des »Wettbewerb der Tausend Tüten« zum 100-jährigen Bestehen der Kaufhof AG in mehreren Kategorien.

»Das war meine Eintrittskarte in die Welt der großen Werbeagenturen«, sagt Schlierbach. Für die Frankfurter Werbeagentur McCann Erickson arbeitete er viele Jahre als Graphiker, wechselte dann zu Leo Burnett in Frankfurt. Eine Gruppe der Agentur betreute auch den Marlboro Etat für Deutschland. Schon im zweiten Jahr seiner Anstellung reiste er zur Begleitung des Marlboro-Abenteuer-Teams nach Amerika. Bald betreute Schlierbach weitere Marken aus dem Philip-Morris-Markenportfolio wie L&M, die zur zweitgrößten Zigarettenmarke der Welt wuchs. Auch an den Shootings mit den Cowboys nahm er teil. Billy, einer der Marlboro-Cowboys, wurde ein guter Freund.

In den 2000er Jahren gewann Schlierbach bedeutende nationale und internationale Awards. Eine bedrohliche Herz-Kreislauf-Erkrankung traf ihn unvorbereitet. Gerade aus den USA zurückgekehrt, erlitt Schlierbach 2015 einen Schlaganfall, der in der Neurologischen Abteilung der Uniklinik Frankfurt diagnostiziert wurde. Eine Embolie hatte einen Kleinhirninfarkt ausgelöst. Schlierbach konnte nicht richtig sprechen, schlucken und sehen.

»Ich fühlte mich wie eine Bibliothek nach einem Erdbeben. Die Bücher waren alle da, aber keines stand mehr an seinem Platz«, sagt er heute. In der Reha lernte er wieder das Laufen ohne Hilfsmittel. Nach drei Monaten verließ Schlierbach die Klinik. Doch ein paar Monate später hielt der Notarztwagen erneut vor seiner Tür. Ein Thrombus an der Herzklappe stellte sein Leben auf den Kopf. In der Kerckhoff-Klinik in Bad Nauheim musste sich Schlierbach einer achtstündigen Operation unterziehen. Nach sieben Monaten Krankenhausaufenthalt und hartem Training führt er heute ein selbstbestimmtes Leben. Zum Pflegefall ist er nicht geworden. »Man sollte sich die Butter nicht vom Brot nehmen lassen. Es gibt immer Entwicklungsmöglichkeiten«, sagt auch seine Frau Ute. Die Schlierbachs haben ihr Leben auf den Prüfstand gestellt und ihr Haus verkauft. Sie leben bewusst und halten an Ritualen fest. Glück vermitteln ihnen ihr Sohn und die zweijährige Enkelin.

»Um nach so einer Erfahrung wieder in das Leben zurück zu kommen, muss man viel Kraft investieren, aber es lohnt sich«, sagt Schlierbach und zeigt am PC erste Entwürfe zu seinem Kinderbuch »Wenn der Bär steppt«.

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