Bad Vilbel & Karben

Arztpraxis zieht ins Alte Rathaus

Was die Spatzen von den Dächern gepfiffen haben, wird nun offiziell bestätigt. Im Alten Rathaus in Klein-Karben wird eine Hausarztpraxis eröffnen. Damit könnte sich die Hausarztsituation entspannen.
27. Juli 2019, 12:00 Uhr
Holger Pegelow
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Die beiden Ärztinnen Tanja Kalb-Fichtel (l.) und Barbara Gerhardus haben von der Kassenärztlichen Vereinigung den Hausarztsitz erhalten und werden im Oktober ihre Tätigkeit im Alten Rathaus aufnehmen. (Foto: Pegelow)

D as Alte Rathaus in Klein-Karben ist ein zentraler Ort in dieser Stadt. Wo bis Anfang der 1990er Jahre die Stadtverwaltung ihren Sitz hatte, sind nach und nach verschiedene Vereine und eine Glaubensgemeinschaft eingezogen. Nachdem die Ahmadiyya-Gemeinde im Okarbener Gewerbegebiet eine Moschee errichtet und deshalb ausziehen wird, war das Senioren-Computer-Zentrum (SeCuZ) der letzte Verein im Erdgeschoss. Das SeCuZ erhält von der Stadt neue Räume in der Ramonville-Straße, direkt am Rathaus, und packt deshalb in diesen Tagen seine Sachen zusammen. Denn die rund 200 Quadratmeter Nutzfläche werden gebraucht - für eine neue Arztpraxis. Tanja Kalb-Fichtel und Barbara Gerhardus werden dort am 1. Oktober ihre Praxis eröffnen und damit die sehr angespannte Hausarztsituation in der Stadt deutlich entspannen können.

Mit Unterstützung des Stadtparlaments

Die Arztpraxis ist auch ein kleines Politikum. Denn seit Jahren bemüht sich die Stadt um einen zusätzlichen Hausarztsitz. Dazu hat sie mit Bürgermeister Guido Rahn (CDU) eine Menge Anstrengungen unternommen. Immer wieder war die Stadtspitze, politisch unterstützt vom gesamten Stadtparlament, bei der KV vorstellig geworden. Denn bekanntlich sieht die Vertretung der Kassenärzte den gesamten Bezirk zwischen Karben und Bad Nauheim, wenn sie Arztsitze vergibt. Da die meisten Mediziner in die Kurstadt Bad Nauheim wollen, hat es Karben bislang schwer gehabt.

Doch hat sich die Beharrlichkeit offenbar ausgezahlt. Bereits im März hat KV-Sprecher Matthias Roth angedeutet, man habe bei der Kassenärztlichen Vereinigung verstanden, dass die Hausarztsituation in Karben knapp sei. Und das konnte die Stadt mit Zahlen belegen. Demnach soll es laut allgemeinem Schlüssel einen Hausarztsitz für 1670 Einwohner geben. Das würde für Karben 13 Hausärzte ausmachen. Tatsächlich sind der Stadt sieben Hausarztpraxen bekannt, acht Hausarztsitze sind laut KV für Karben registriert. Allerdigns sei die Region mit ihren 90 Arztsitzen überversorgt.

Image-Präsentation der Stadt

Laut Rahn habe man bei der KV »mehrere positive Gespräche« gehabt. Aufgrund des Bevölkerungswachstums, das sowohl für Karben als auch für die gesamte Region erwartet wird, »spricht nichts gegen einen Sitz für Karben«, konnte Rahn in einer Sitzung des Hauptausschusses mitteilen. Dies gelte umso mehr, als dass viele Hausärzte in Karben nur noch bedingt neue Patienten aufnehmen. Der Verweis auf Mediziner in Friedberg oder Bad Nauheim sei für ältere Bürger keine adäquate Alternative. »Gerade für ältere Mitbürger ist es wichtig, einen Hausarzt vor Ort zu haben und nicht 15 Kilometer oder mehr fahren zu müssen«, betont der Bürgermeister.

Parallel zu den Gesprächen hat die Stadt eine Image-Präsentation erstellen lassen. Sie sei für die KV Hessen gedacht und solle die Vorzüge der Stadt herausstellen.

Die Kassenärztliche Vereinigung ihrerseits lobt die Zusammenarbeit mit der Stadt Karben. Sprecher Matthias Roth sagt, die Zusammenarbeit sei »musterhaft gelaufen«. Es habe vor der entscheidenden Sitzung des Zulassungsausschusses eine »enge Abstimmung zwischen der Kommune und uns gegeben«. Der Zulassungsausschuss ist, wie berichtet, jenes Gremium, das letztlich über den Arztsitz entscheidet. Er entscheide unabhängig, wie Roth betont, dennoch habe die KV Einfluss. Und so habe man für Karben eine positive Stellungnahme abgegeben.

In Freundschaft verbunden

Seit dann Anfang April klar war, dass der Hausarztsitz nach Karben geht, hat die Stadt bei den Ärzten die Werbetrommel gerührt - mit Erfolg. »Wir wollten eigentlich eine bestehende Praxis übernehmen«, sagt Tanja Kalb-Fichtel, eine der beiden Medizinerinnen. »Aber da es keinen Abgeber gab, wagen wir den Neuaufbau einer Praxis.« Die 45-jährige Ärztin will mit ihrer langjährigen Schulfreundin Barbara Gerhardus eine Gemeinschaftspraxis eröffnen. Beide stammen aus Schöneck und sind in dieselbe Grundschule gegangen. Tanja Kalb-Fichtel hat in Frankfurt Medizin studiert, ist dann nach Hannover gegangen, wo sie sich schwerpunktmäßig der Inneren Medizin und der Chirurgie widmete. Aber auch in der Orthopädie habe sie sich weitergebildet, erzählt sie. Beim Zweiten Staatsexamen haben sich beide übrigens wiedergetroffen. Die ein Jahr jüngere Gerhardus hat in ihrem Medizinstudium sich auf Innere Medizin und Psychologie spezialisiert.

Im August und September werden nun die Vorbereitungen auf Hochtouren laufen. Die Stadt wird die Räumlichkeiten renovieren und einen barrierefreien Zugang ins historische Rathaus schaffen. Die beiden Ärztinnen selber haben bereits eine Medizinische Fachangestellte eingestellt, mit einer zweiten sei man in guten Gesprächen, wie sie gegenüber der Zeitung sagt. Geplant sei auch der stufenweise Ausbau der Praxis. An ein eigenes Labor denken die beiden Medizinerinnen derzeit aber nicht. Eines verbindet die beiden Fachärztinnen neben ihrer Freundschaft auch: »Wir freuen uns auf die neue Aufgabe. Deshalb passiert alles mit einer gewissen Leichtigkeit.«

Rundherum also Freude über die neuen Ärztinnen. Der Bürgermeister findet es besonders erfreulich, »dass die neue Praxis mitten im alten Ortskern von Klein-Karben liegen wird. Sie wird ein Gewinn für die Stadt und ihre Bürger«.

Artikel: https://www.giessener-allgemeine.de/regional/wetteraukreis/badvilbelkarben/Bad-Vilbel-Karben-Arztpraxis-zieht-ins-Alte-Rathaus;art469,614130

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