09. Mai 2019, 21:03 Uhr

Als die Nidda im Fluss war

Kein Umweltausschuss ohne das Thema Bäume: In der jüngsten Sitzung ging es vor allem um das Grün an der Nidda. Um die Hintergründe zu Baumfällungen am Fluss zu verstehen, hatte Jens Völker (CDU) den Gewässerökologen Gottfried Lehr eingeladen. Der Bad Vilbeler »Nidda-Papst« ließ keine Fragen offen und stieß mit einem neuen Vorschlag auf interessierte Ausschussmitglieder.
09. Mai 2019, 21:03 Uhr

D ie Natur hat es nicht leicht mit den Menschen. Für diese Erkenntnis muss man nicht erst in den Regenwald reisen, es reicht schon ein Blick auf den Fluss vor der eigenen Haustür und in dessen Geschichte. Gottfried Lehr wird es ganz warm ums Herz, als er dem Planungs-, Bau- und Umweltausschuss am Dienstagabend historische Bilder eines einst natürlichen Flusses zeigt. Kinder baden in der Nidda, Angler genießen das Idyll, wie in einer romantischen Fantasie schlängelt sich der Fluss durch die unbebaute Landschaft.

Das ist lange her, denn eine Eigenschaft von Flüssen wurde schließlich auch der Nidda zum Verhängnis: »Die Nidda ist damals immer wieder über die Ufer getreten«, erklärt Lehr und fügt in seiner lässigen Art hinzu: »Das machen Flüsse nun mal und werden es immer wieder tun.«

Doch so leicht wollten sich die Menschen Mitte des vergangenen Jahrhunderts nicht geschlagen geben und zwangen die Nidda in ein enges Korsett: begradigt und kanalisiert. »Seitdem gab es eigentlich kein Hochwasser mehr«, muss Lehr anerkennen, doch die negativen Folgen waren sehr viel größer. Von Fischen über Vögel bis zu Insekten, für viele Tiere wurde der trostlose Kanal zum lebensfeindlichen Raum: »Und auch die Menschen haben damit einen Naherholungsort verloren«, so Lehr.

Beim Fällen beschimpft

»Ein Fluss heißt eigentlich so, weil er fließt«, erklärt der Gewässerökologe. Die Nidda sei durch die vielen Wehre und ehemaligen Mühlen damals allerdings mehr eine Aneinanderreihung von Stauseen gewesen. Ironischerweise, so Lehr, seien die stauenden Wehre mit ein Grund für die vielen Hochwasser gewesen: »Doch statt die Wehre zu beseitigen, hat man den ganzen Fluss kanalisiert«, klagt Lehr. Unausweichlich war daher die Erkenntnis, dass ein Umdenken stattfinden muss.

Gottfried Lehr gehört zu den Visionären, die seit der ersten Renaturierung dem Fluss sein natürliches Antlitz zurückgeben wollen. Und weil die Nidda damals mit hartem Beton befestigt wurde, muss Lehr heute dafür schweres Gerät auffahren. Bäume, die die Uferböschung schmücken, müssen da meist weichen, und das bringt Lehr häufig Kritik ein. So blickt er auf eine frühere Renaturierung zurück, bei der mehrere Bäume gefällt wurden, und erzählt eine Anekdote: »Dabei kam eine Person vorbei und rief, nicht wissend, dass ich der Bauleiter bin: Wer sich das ausgedacht hat, soll an Aids verrecken!«

Gottfried Lehr treffen diese Worte noch in der Erinnerung. Dass er, der die Nidda so liebt und alles gibt, um der Natur ihren Raum zurückzugeben, derart angefeindet wird, kann er nicht verstehen. Doch er hat seine Antwort darauf gefunden: »Ich bin trotzdem froh, dass wir die Renaturierung dort so gemacht haben«, betont er und zeigt ein aktuelles Bild der selben Stelle: grün, baumreich und lebendig.

Genau diese Aussage hat sich der Ausschussvorsitzende Jens Völker (CDU) erhofft: »Ich will, dass alle Fragen der Stadtverordneten beantwortet werden«, betont er bereits zu Beginn der Sitzung. Wenn irgendwo in der Stadt der Verdacht aufkommt, ein Baum sei ohne guten Grund gefällt worden, will Völker, dass alle Stadtverordneten das nötige Wissen haben, die Situation einzuordnen.

Dafür lässt er Lehr einen enthusiastischen Vortrag über knapp zwei Stunden halten. Nicht jedes Ausschussmitglied kann er damit erwärmen, und schnell gleichen die hinteren Plätze denen einer unaufmerksamen Schülerschaft - zumal ein spannendes Fußballspiel im Fernsehen läuft, dessen zweite Halbzeit der ein oder andere noch zu sehen erhofft.

Da es sich bei dem Spiel nicht um die Eintracht handelt, kann Gottfried Lehr darauf keine Rücksicht nehmen und fährt in seinem Abriss durch die Geschichte des Flusses und zu möglichen Perspektiven unbeirrt fort. Denn ein Zwiespalt gibt ihm bei jeder Renaturierung zu denken: »Die Menschen haben natürlich auch ein Recht, die Natur zu genießen«, erklärt er. Doch aus eigener Erfahrung weiß er, dass manch ein renaturiertes Idyll so rege von Menschen besucht wird, dass die dort gewollten Tiere keine Chance haben, sich niederzulassen. Die Mischung sei also entscheidend: unberührte Natur in der weiten Landschaft und naturnahe Erlebnisräume in den Ortslagen: »Die Bad Vilbeler wollen ja auch ihren Fluss wieder genießen können.«

Um das zu schaffen, hat er eine weitere Idee: »Im Burgpark ist Potenzial vorhanden«, erklärt Lehr. Gerne würde er dort die Nidda zugänglich machen, etwa mit einem abgeflachten Ufer und einer Kiesbank. »Ich bekomme immer wieder von Bürgern das Feedback, dass sie sich darüber freuen würden.« Und die Behörden hätten sicher nichts dagegen, ist sich Lehr aus langjähriger Erfahrung sicher.

Fluss zugänglich machen

Nach einer Vorführung in der Burg könnten die Menschen dann noch gemütlich direkt am Fluss sitzen - oder beim Hessentag: »Das Ding wäre in vier Wochen fertig gebaut, keine große Sache«, betont Lehr. Zumindest die Grünen äußern sich direkt begeistert: »Das wäre eine tolle Sache, wenn man die Nidda dort aufwerten könnte«, lobt Peter Paul. Denn ohne seinen Fluss, darin sind sich alle einig, wäre Bad Vilbel nur halb so schön.

Schlagworte in diesem Artikel

  • Bäume
  • CDU
  • Hochwasser und Überschwemmung
  • Nidda (Fluss)
  • Peter Paul
  • Sitzungen
  • Umweltausschüsse
  • Völker der Erde
  • Bad Vilbel
  • Dominik Rinkart
  • Schlagwort zu
    Meine Themen

    Sie haben bereits 15 Themen gewählt

    Sie folgen diesem
    Thema bereits

Klicken Sie auf ein Schlagwort, um es zu „Meine Themen” hinzuzufügen oder weitere Inhalte dazu zu sehen.


0
Kommentare | Kommentieren

Bilder und Videos

Kommentare

Kommentar hinzufügen