09. Mai 2014, 19:48 Uhr

Von der Kanzel aufs E-Bike

Bad Vilbel (cf). Der Kauf von zwei E-Bikes und einem Wohnmobil vor drei Jahren, der Auszug aus dem Pfarrhaus und der 65. Geburtstag im Januar kündigten es an: Werner Krieg, Pfarrer in Massenheim und stellvertretender Dekan des Evangelischen Dekanats Wetterau, geht am 30. Juni in Pension.
09. Mai 2014, 19:48 Uhr
Pfarrer Werner Krieg geht in Pension. (Foto: Christine Fauerbach)

Der Entpflichtungsgottesdienst, die Verabschiedung in den Ruhestand, findet durch Propst Matthias Schmidt bereits am morgigen Sonntag statt. Der frühe Zeitpunkt ist dem Terminkalender des Propstes geschuldet. Die Massenheimer sehen und hören »ihren Pfarrer« auch noch an den drei folgenden Sonntagen. Der Seelsorger stellt ihnen am 18. Mai 14 Konfirmanden vor, die er an den beiden Sonntagen darauf konfirmiert. »Nach dem zweiten Konfirmationsgottesdienst bin ich im Urlaub und ab 1. Juli Pensionär.« Am 6. Juli wird Nachfolger Johannes Misterek ins Amt eingeführt.

Auf seinen neuen Lebensabschnitt freut sich Pfarrer Krieg, denn: »Ich brauche nicht mehr für meine Bedeutung arbeiten, muss meinem Leben nicht hinterher hecheln. Ich muss mich um den Sinn meines Lebens als Pensionär nicht bemühen. Gott wollte mich, und ich gehe fröhlich meinen Weg.« Werner und Dorothee Krieg bleiben in Massenheim wohnen. Hier will der Seelsorger als Selbstständiger seine Dienste in den Bereichen Supervision und Coaching anbieten. Er möchte viel Zeit mit Frau und Kindern verbringen. Das Ehepaar möchte die Region und den Rest der Welt erkunden. Und der scheidende Pfarrer möchte etwas für seine körperliche Fitness tun. Dafür hat sich der Helfer in Glaubensfragen und bei seelischen Nöten, der für seine Mitmenschen immer Zeit für ein Gespräch hatte, und zuhören kann, oft zu wenig Zeit genommen. Für ihn bedeutet Seelsorge »mit Menschen umzugehen, die von Angst und Schuld geplagt werden.« Und die brauchten ihn sofort – in der Gemeinde wie in der Psychiatrie des Frankfurter Universitätsklinikums.

»Ich konnte nur links werden«

Hineingeboren wurde Werner Krieg in Frankfurt im Januar 1949 in eine evangelisch-katholische Familie. Elf Monate später starb der Vater. Die Mutter heiratete wieder und bekam einen weiteren Sohn, Claus-Jochen Herrmann. Der wurde ebenfalls evangelischer Theologe und gründete 1997 mit Kollege Hans-Joachim Greifenstein das »Erste Allgemeine Babenhäuser Pfarrer(!)Kabarett.« Werner Krieg rebellierte früh gegen den autoritären, politisch rechts stehenden Stiefvater. »Ich konnte nur links werden.« Der Schüler des Frankfurter Lessing Gymnasiums war in vielen Gruppierungen engagiert, Schulsprecher und Stadtschulsprecher. Mit zwölf Jahren rief er einen Jugendgottesdienst ins Leben, mit 14 gründete er eine Jungschar. Am Theologiestudium in Bonn und Marburg störte ihn vor allem eins: »Es hatte nichts mit Menschen zu tun.« Nach dem ersten Examen 1975 folgte das Vikariat in Frankfurt-Goldstein. Während des Studiums engagierte sich Krieg außerhalb der Universität. 1968 gründete er den Verein »Action Medico« in Frankfurt mit. Nach dem Veto einer katholischen Organisation nannten die Gründer ihren Verein in »Medico International« um.

Mutter Teresa kennengelernt

Bei einem seiner Einsätze für den Verein während des Bürgerkrieges zwischen Pakistan und dem sich von ihm ablösenden Ostpakistan lernte er 1972 in Kalkutta Mutter Teresa kennen. »Medico International« hatte dort ein großes Feldlazarett gegründet. Der Verein schenkte ihr nach seinem Abzug einige Fahrzeuge für ihre Arbeit.

Erfahrungen in Krisengebieten hat Werner Krieg in der Türkei, in Chile, in der Sahel-Zone und in Eritrea gesammelt. »Ich war bis zu meinem theologischen Examen 1975 auf allen Kontinenten außer Australien im Einsatz. Ich habe mich immer für die ökumenische Zusammenarbeit zwischen den Christen weltweit eingesetzt.« Während seines halben Praktikums in der Ökumenischen Diakonie Hessen lernte er die Tochter seines Chefs, Pfarrer Dr. Friedrich Weissinger, kennen. Im September 1977 trat er seine erste Pfarrstelle in Massenheim an. Im März 1978 heiratete das Paar und bekam vier Kinder. Bis 1987 blieb die Familie in Massenheim. Im Sommer 2003 kehrte sie zurück an den Erlenbach, als Pfarrer Krieg dort seine zweite Amtszeit antrat. Der Name Krieg ist eng mit dem Auf- und Ausbau des Gemeindezentrums, dem Bau des Pfarrhauses sowie der Außen- und Innensanierung der Kirche verbunden. Zusammen mit Ehefrau Dorothee baute Pfarrer Krieg die Senioren- und Jugendarbeit und den Hauskreis auf. »Meine Arbeit wäre ohne meine Frau nicht denkbar gewesen. Sie ist die unbezahlte Pfarrfrau, die alles in der Gemeinde neben Hausarbeit und Kindererziehung stemmte. « Eine 60-Stunden-Woche war normal. »Man lebt mit einer Gemeinde. Seelsorge war jeher mein liebstes Kind. Mit Menschen, die vom Tod eines Angehörigen betroffen sind, wieder viele kleine Schritte zurück ins Leben zu gehen, das kann mit keinem Geld der Welt aufgewogen werden.«

»Mit der Gemeinde gelebt«

»Untreu« wurde Krieg den Massenheimern zwischen 1987 und 1999 als Geschäftsführer der Ökumenischen Diakonie Frankfurt. Dort gehörte zur Abteilung »Partnerhilfe DDR«. Krieg erlebte die Grenzöffnung, baute in Magdeburg das Diakonische Werk der Partnerkirche in der Kirchenprovinz Sachsen-Anhalt mit auf. 1999 bis 2003 wechselte er als Seelsorger in die Psychiatrie der Uniklinik Frankfurt. Dann kehrte er auf seine alte Stelle nach Massenheim zurück. »Ob ich mit den Erfahrungen von heute etwas anders machen würde, weiß ich nicht. Eine Gemeinde frisst Energien und Zeit, darin liegt aber auch ein Gewinn. Ich habe mich immer darum bemüht, ehrlich zu sein, mit und ohne Talar. Durch viele Enttäuschungen habe ich gelernt, besser zu verstehen, warum Jesus so gegen Macht ist. Geld und Macht verändern Menschen. Als Pfarrer kann man eine Gemeinde und eine Gemeinschaft aufbauen.«



0
Kommentare | Kommentieren

Bilder und Videos