13. September 2013, 18:58 Uhr

»Jugendliche trinken immer früher«

Bad Vilbel/Karben (cf). »Viele Jugendliche trinken bereits hochdosierten Alkohol in Form von Schnaps. Sie vertragen eine halbe Flasche Wodka, ohne umzufallen.« Diese alarmierende Beobachtung teilte Lutz Illhardt, zuständig für die Suchthilfe und -prävention in Bad Vilbel und Karben, bei der Vorstellung des Jahresberichtes 2012 mit.
13. September 2013, 18:58 Uhr
Lutz Illhardt (2. v. l.) händigt den Jahresbericht an Bürgermeister Guido Rahn, Sozialdezernentin Heike Freund-Hahn (r.) und Sozialamtsmitarbeiterin Edith Lein aus. (Foto: cf)

Die Jugendlichen trinken nicht nur immer mehr Hochprozentiges, sondern sie fangen auch immer früher an, Alkohol zu konsumieren. »Wer als 13-Jähriger anfängt, regelmäßig zu trinken, der ist mit 16 Jahren ›geeicht» sprich abhängig«, sagte der Diplom-Pädagoge. Der Alkoholkonsum von Jugendlichen habe stark zugenommen. Dies beobachte er mit Sorge auf seinen Jugendschutz-Rundgängen bei Volksfesten.

»Wir haben mit Jugendlichen viele Probleme mit Alkohol«, bestätigte Karbens Bürgermeister Guido Rahn. Gefragt, warum sie soviel und so hochdosierten Alkohol trinken, antworteten die Betroffenen: »Wir trinken, weil wir betrunken sein wollen.« »Viele wollen einfach nur den Alkohohl spüren, einen Rausch haben«, berichtete Illhardt. So hätten die Jugendlichen oft Alkohol im Kofferraum ihrer Autos gebunkert, den sie vor Betreten der Veranstaltung konsumierten. Frühe hätten Jugendliche vor dem Besuch von Festen »heimlich« getrunken, heute vorher aus wirtschaftlichen Gründen. Positive Erfahrungen machte die Stadt Karben beim Weihnachtsmarkt. Der benachbarte Rewe-Markt schloss samstags bereits um 16 Uhr. Dadurch konnten die Jugendlichen dort keinen Alkohol kaufen, und die Situation habe sich im Vergleich zum Weihnachtsmarkt 2011 enorm entschärft, so Rahn und Illhardt.

Massenschlägerei

Im Gegensatz dazu gab es bei der Dortelweiler Kerb in diesem Jahr eine Massenschlägerei, zu der die Polizei aus Friedberg ihren Vilbeler Kollegen zu Hilfe eilen musste. »Die Dortelweiler Kerb ist ein Jugendevent bei dem sich der hochprozentige Alkoholkonsum der Jugendliche bemerkbar mache.« Erschreckend sei auch die Beobachtung, dass oft Mädchen unter 18 Jahren mit 1,5 oder 1,6 Promille angetroffen würden. Ihre männlichen Begleiter hätten 0,3 Promille gehabt.

Illhardt sieht keinen Unterschied zwischen legalen Drogen wie Alkohol und Medikamenten und illegalen Drogen wie Cannabis, Opiaten, Kokain und Amphetaminen. »Eine Suchterkrankung ist eine Krankheit wie Diabetes oder Krebs. Schuld ist keine Schwäche, kein schwacher Wille und auch keine falsche Erziehung.« Von den 66 in 2012 beratenen Menschen in Bad Vilbel und Karben wurden 28 an weitere Hilfen vermittelt, davon 17 in stationäre und elf in ambulante Maßnahmen der Suchtkrankenhilfe. 60 der 66 Menschen waren selbst von einer Suchtproblematik betroffen, zwei gehörten zum sozialen Umfeld, vier suchten Hilfe wegen anderer psychischer Probleme. Im Zusammenhang mit eigner Alkoholproblematik wurden 34 Menschen beraten. In 13 Fällen war Haschischmissbrauch oder -abhängigkeit der Beratungsanlass. »Der Bereich Alkoholabhängigkeit oder -missbrauch bildete die größte Gruppe der behandlungsbedürftigen Suchtprobleme.« 2012 beendeten 32 Menschen die Betreuung, planmäßig wurden 27 beendet (drei Weitervermittlungen), und fünf brachen die Betreuung ab. Bei Betreuungsende waren 24 Klienten/innen suchtmittelabstinent. In einem Fall konnte eine Verbesserung im Umgang mit dem Suchtmittel erreicht werden. Einen unveränderten Konsumstatus wiesen fünf Klienten auf. 2011 gab es 168 Beratungen, 2012 66, zurzeit 40. Es sei nicht weniger um Hilfe nachgefragt worden, sagte Illhardt. Grund sei, dass er ein halbes Jahr ausgefallen war. In der Zeit vertrat ihn der Leiter der Suchthilfe, Gerhard Rauschenberg. Seit Juni 1993 ist Illhardt für die Suchthilfe und -prävention zuständig. In dieser Zeit hat er bis zu 600 Menschen beraten. Die Kosten für die Stelle teilen sich die beiden Städte, der Wetteraukreis gibt einen kleinen Zuschuss. Träger ist der Verein Jugendberatung und Jugendhilfe.

Rahn, Bad Vilbels Sozialdezernentin Heike Freund-Hahn und Sozialamtsmitarbeiterin Edith Lein lobten die Arbeit von Illhardt. Rahn sagte: »Im Vergleich zu den Kosten für die Kinderbetreuung ist die Ausgabe für die Suchthilfe, pro Einwohner 1,50 Euro, ein Klacks.« Beide Städte signalisierten, dass sie an der Suchtberatung festhalten wollen.



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