24. Juni 2013, 19:58 Uhr

Das Opfer ist mehrfach behindert

Bad Vilbel/Frankfurt (cf). Am dritten Prozesstag gegen die beiden wegen versuchten Mordes, gefährlicher Körperverletzung und schweren Raubes angeklagten Männer Ilja T. (21) aus Bad Vilbel und Markus M. (22) aus Bad Nauheim informierten ein Mundkiefernchirurg aus dem Uniklinikum Frankfurt und je ein Arzt aus den Reha-Kliniken über die Verletzungen des Opfers.
24. Juni 2013, 19:58 Uhr
Im Frankfurter Landgericht findet der Prozess gegen die Bad Vilbeler Bahnhofsschläger statt. (Foto: Grunenberg)

Zusätzlich verlas Richter Uwe Steitz den Abschlussbericht aus der Neurologischen Klinik »Westend« in Bad Wildungen. Nach der Mittagspause schilderte dann ein Gutachter den Lebenslauf des Angeklagten Ilja T., der in Lettland geboren wurde.

Die beiden Angeklagten hatten im Oktober 2012 den Hausmeister, der aus Ortenberg stammt und bei der Stadt Frankfurt arbeitet, brutal zusammengeschlagen, um in den Besitz seines Tablet-Computers zu kommen. Dabei brachen sie dem 43-Jährigen vom Oberkiefer bis zur Stirn alle Gesichtsknochen, der Rest des Gesichtes »zerbröselt«. Wegen der Schwere seiner Verletzungen hatten die Ärzte das Opfer drei Wochen in ein künstliches Koma versetzt. Die Chirurgen modellierten sämtliche Knochen des Schädels nach, soweit das möglich war, setzten Titanplatten ein, von denen einige nie mehr entfernt werden, und operierten seine Zähne wieder in den Mund ein. Hätte der Notarzt ihn nicht noch am Tatort intubiert, dann wäre Arno K. infolge einer Kehlkopffraktur erstickt, ging aus den Gutachten der Sachverständigen hervor.

Bei dem als Nebenkläger im Strafprozess auftretenden Opfer wurde eine 30-prozentige Behinderung festgestellt. Der Mann leidet infolge der durch die Schläge erlittenen Frakturen an Schädel- und Gesichtsknochen an einem Schädelhirntrauma, unter Sehstörungen, Sprachschwierigkeiten, Angstzuständen und depressiven Störungen. Wie die Neurologin feststellte, vervollständige das Opfer oft seine Sätze nicht, er wisse bei Körperpflege oder beim Essen oft den nächsten Schritt nicht mehr, leide unter Lese- und Rechtschreibschwierigkeiten. Am 1. Juli soll ein weiterer Chirurg aus dem Uniklinikum vor Gericht aussagen.

Schule geschwänzt

Ebenfalls gehört wurde Daniel P. aus Frankfurt, ein Freund des Angeklagten Ilja T. Er gab an, dass er sich zwei Mal in der Woche mit ihm traf. Dabei konsumierten sie je eine Flasche Whisky. Nach der Tat am Nordbahnhof habe ihn Ilja angerufen und berichtet, dass ihm die Tat leid tue.

Nach der Mittagspause schilderte ein Gutachter den Lebenslauf des Angeklagten Ilja T., der in Lettland geboren wurde. Seine Eltern trennten sich, als er ein Jahr alt war. Die Mutter ging nach Deutschland, um Arbeit zu finden. Ihren Sohn ließ sie bei ihren Eltern zurück. Die erste und zweite Klasse besuchte der Angeklagte in Lettland, mit neun Jahren holte ihn seine Mutter zu sich nach Deutschland. Sie lebt in Frankfurt, hatte mit seinem Stiefvater einen zehn Jahre jüngeren Sohn. Innerhalb von zwei Jahren lernte Ilja T. Deutsch, besuchte erst die Grundschule und dann zwei Jahre das Gymnasium. Da er regelmäßig die Schule schwänzte, kam er auf die Realschule, wo er sich unterfordert fühlte. »Ab dem siebten Schuljahr habe ich regelmäßig den Unterricht geschwänzt, ab der achten Klasse komplett.« Er lernte Leute kennen, die kifften. Seinen Stiefvater habe er nie als Vater anerkannt. Zu seinem leiblichen Vater, der vor vier Jahren starb, hatte er vor dessen Tod zwei- bis drei Mal telefonisch Kontakt.

Das Verhältnis zur Mutter war angespannt, es gab oft Streit. Sie sei für ihn keine Bezugsperson gewesen, habe wenig Zeit für ihn gehabt, habe ihm keine Grenzen gesetzt oder Kontrolle ausgeübt. Mit 15 lebte der Angeklagte immer wieder zeitweise auf der Straße, schlief im »Sleep in«, bei Freunden oder anderen Unterkünften. Er kam für vier Monate in eine Jugendhilfeeinrichtungen nach Kiel, dann nach Herne.

Der Versuch, seinen Hauptschulabschluss an der Friedberger-Philipp-Reis-Schule zu machen, scheiterte durch Kiffen, zeitweisen Cannabis- und regelmäßigen Alkoholkonsum. Die Jobkomm vermittelte dem 18-Jährigen im April 2010 eine Einzimmerwohnung in Bad Vilbel, die er im Sommer 2012 wegen Ruhestörung verlor. Im September 2010 hatte er eine Ausbildung zum Maler und Lackierer im Bbw in Karben begonnen. Trotz Fehlzeiten und zwei Abmahnungen bestand er seine Zwischenprüfung mit gutem Ergebnis. Während seiner Ausbildungszeit im Bbw habe er versucht, seine Schulden von damals rund 6000 Euro zu tilgen. Heute lägen seine Schulden bei rund 11 000 Euro.

Häufig straffällig

Bereits vor seiner Tat auf dem Vilbeler Nordbahnhof war Ilja T. mehrfach mit dem Gesetz in Konflikt geraten. Immer wieder gaben Richter dem Jugendlichen eine Chance, weil sie ihm große Entwicklungs-/Reife-Defizite bescheinigten. Die Liste seiner Straftaten reicht von Mofaklau und Urkundenfälschung über diverse Diebstähle von Parfüm, Zigaretten, Uhren, Handys, I-Pods, einem Einbruch in einen Kiosk mit Diebstahl einer Geldkassette bis zu diversen Schlägereien. Zwei Mal war er wegen gefährlicher Körperverletzung sowie räuberischer Erpressung mit körperlicher Gewalt angeklagt. Jugendstrafen wurden auf Bewährung ausgesetzt, weil er seine Taten immer gestand und bereute. Hilfen habe er nicht angenommen, erkennt er heute mit Abstand. 2012 wurde er erneut straffällig und brach den Kontakt zu seiner Bewährungshelferin ab. Ilja T. besitzt nach eigener Auskunft einen staatenlosen Pass und verfügt über eine unbefristete Aufenthaltsgenehmigung in Deutschland.

Der Prozess wird am kommenden Montag, 1. Juli, fortgesetzt.

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