23. September 2012, 18:13 Uhr

Gähnende Leere beim Infotag zur Gewaltprävention

Bad Vilbel (aho). Beim Infotag Gewaltprävention »Gewalt – vermeiden – entschärfen« waren die Veranstalter und Aussteller weitgehend unter sich. Während der Begrüßungszeremonie blieben die meisten Stühle im Dortelweiler Kultur- und Sportforum leer.
23. September 2012, 18:13 Uhr
Stadträtin Heike Freund-Hahn (l.) überreicht der Referentin und Geschäftsführerin des Hessischen Präventionsrats, Daniela Winkler, zum Dank für ihr Referat einen Strauß Blumen. (Foto: aho)

»Ich nehme die geringe Teilnehmerzahl – es mussten auch Workshops abgesagt werden – als ein gutes Zeichen. Nämlich, dass das Problem in Bad Vilbel nicht so dringend ist«, versuchte Stadträtin und Sozialdezernentin Heike Freund-Hahn (FDP) in ihrem Grußwort eine positive Erklärung für die gähnende Leere zu finden. Aber auch ihr Lob des ehrenamtlichen und bürgerschaftlichen Engagements, das die ausstellenden Vereine und Verbände zeigten, konnte die Frustration mancher Aussteller nicht lindern.

Die Teilnehmer am »Markt der Möglichkeiten«, an dem in dieser Form erstmals abgehaltenen Informationstages, waren weitgehend unter sich, und wie einige Aussteller bedauerten: Kinder und Jugendliche, auf die viele Beiträge abgestellt waren, fehlten. So spielte auch das Impuls-Theaterstück des Vereins »People’s Theater«, das sehr anschaulich Gewalteskalation unter Jugendlichen darstellte, unter Ausschluss der sonst angesprochenen Klientel.

Die Ministerialrätin im Hessischen Justizministerium und Geschäftsführerin des Hessischen Landespräventionsrates, Daniela Winkler, nannte zur erfolgreichen Kriminalprävention zwei Ansätze: »Zum einen Behörden, die sich nicht sklavisch an irgendwelche Zuständigkeiten klammern, und zum anderen die vernetzte Gesellschaft, die auch Bürgerbeteiligung braucht.« Im Programm habe sie erfreut festgestellt, dass eben diese Einrichtungen und Organisationen am Präventionstag beteiligt seien, die dies ermöglichen könnten.

An diesem Tag hätten sich viele Vilbeler am Stand der Kampagne »Gewalt – Sehen – Helfen« informieren können, die gemeinsam mit dem Kreispräventionsrat Hilfe für akute Gewaltopfer vorstellte. Die Polizei stellte ihre Konzepte, beispielsweise zur Beratung an Schulen, ebenso vor, wie die Bürgeraktive oder der Vilbeler Kinderschutzbund oder Wildwasser Wetterau. Ebenso mit einem Informationsstand vertreten waren die Jugendberatung und Jugendhilfe und die Suchthilfe und Suchtprävention Bad Vilbel/Karben. Sie alle verkörperten diese Vernetzung, lobte Winkler.

In ihrem Referat ging sie auf Gewaltprävention bei Jugendlichen ein und stellte das Jugendrechtshaus in Marburg und die Arbeit der hessischen Häuser des Jugendrechts als erfolgreiche Beispiele vor. Denn dort spiele – neben der Strafverfolgung – auch der Präventionsgedanke eine wichtige Rolle.

Je früher die Prävention ansetze, desto erfolgreicher verlaufe sie, führte Winkler an. So böten sich automatisch Familien und Institutionen, wie Kindergärten und Schulen, als Handlungsfelder an. Es sei wichtig, die Erziehungskompetenz der Eltern zu stärken. Zudem stelle häusliche Gewalt für Kinder eine große Belastung dar, egal, ob sie selbst Opfer oder »nur« Zeugen seien. Das wiederum stelle Weichen, da das Kind so lerne, »dass Gewalt etwas völlig Normales ist«, machte die Referentin deutlich.

Das wirke sich auch auf das Verhalten des Kindes aus. Daher sei die Beendigung häuslicher Gewalt ein erheblicher Faktor in der Gewaltprävention. Prävention sei allerdings kein Allheilmittel, räumte Winkler ein. »Einfache Rezepte, die man überall einsetzen kann, sind völlig unrealistisch.« Daher seien immer wieder differenzierte Lösungsansätze gefragt, so die Ministerialrätin.

Als einziger Workshop fand im Seminarraum 2 »Kid is power« statt. Der zweite Workshop, »Gewalt – sehen – helfen« hatte aus Mangel an Teilnehmern abgesagt werden müssen. Ihn könne man jedoch möglicherweise nachholen, wenn sich mehr Vilbeler im Bürgeramt dazu anmelden würden, so Melanie Marschall, die Organisatorin des Informationstages. Melden können sich intereressierte Bürger unter den Nummern 0 61 01/602-290 oder -312.

KOMMENTAR

Chance vertan

Mit ihrem Präventionstag hat die Stadt Bad Vilbel eine große Chance vertan. Solche Veranstaltungen mit Vorträgen, Workshops, Rollenspielen und der Vorstellung von Organisationen, die an der Verhinderung von Gewalt arbeiten, sind ausgesprochen notwendig. Die geradezu verheerende Resonanz hat eines offenbart: Eine miserable Terminierung. Man muss sich wirklich fragen, warum ein solcher Tag ausgerechnet an einem Samstagmittag stattfinden musste, wenn die meisten Menschen mit ganz anderen Dingen als mit Gewaltprävention beschäftigt sind: Mit Einkäufen, Treffen mit Freunden, Geburtstags- und sonstigen Familienfeiern.
Zudem gab es am Wochenende zahllose Konkurrenzveranstaltungen: Es war soviel los, dass viele gar nicht mehr wussten, wo sie noch hingehen sollten. Aktionen zur Gewaltprävention müssen unter der Woche veranstaltet werden, um vor allem auch die Schulen, Kindergärten und Jugendhäuser für einen Besuch zu gewinnen. Eine bessere Terminierung muss zudem einhergehen mit der Werbung gerade dort, wo die richtigen Zielgruppen anzutreffen sind. So ist das Ganze ins Leere gelaufen. Bedauerlich und ärgerlich zugleich für alle, die ihre Organisationen und ihre oft mit großem Engagement betriebene Arbeit vorstellen wollten.  Holger Pegelow

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