06. März 2012, 11:03 Uhr

»Frauen haben noch immer zu wenig Einfluss«

Bad Vilbel (jas). Einen provokanten Titel hatten sich die Sozialdemokraten der Brunnenstadt für ihre Veranstaltung im AWO-Café ausgesucht. Die Wetterauer SPD-Landtagsabgeordnete Lisa Gnadl referierte am Samstag zum Thema »Frauenförderung – Warum brauchen wir das noch?« und diskutierte mit Zuhörern.
06. März 2012, 11:03 Uhr
Vize-Fraktionschefin Isil Yönter (l.) notiert, Landtagsabgeordnete Lisa Gnadl referiert. Die Sozialdemokratinnen sind sich einig: Frauen müssen weiter gefördert werden. (Foto: jas)

Anlass für die Themenwahl war der Internationale Frauentag am Donnerstag, 8. März, der seit über 100 Jahren gefeiert wird und an den langen Kampf um die Rechte der Frauen erinnert.

Einige Meilensteine hin zur Gleichberechtigung von Mann und Frau listete Lisa Gnadl am Anfang ihres Vortrags auf. Erst 1918 sei in Deutschland das aktive und passive Wahlrecht für Frauen eingeführt worden, 1949 habe man die Gleichberechtigung im Grundgesetz verankert, 1952 das Mutterschutzgesetz eingeführt, 1979 schließlich den Mutterschaftsurlaub.

Es folgten 1980 die Verabschiedung eines Gesetzes zur Gleichbehandlung der Geschlechter am Arbeitsplatz, 1986 das Gesetz, das Erziehungsgeld und -urlaub regelt, und seit 1996 erleichtert den Frauen der Rechtsanspruch auf einen Kindergartenplatz für Kinder ab 3 Jahren, Familie und Beruf zu vereinbaren. Zuletzt wurden Gesetze zu Elterngeld und Elternzeit sowie zur Schaffung von Betreuungsplätzen für Kinder unter 3 Jahren eingeführt.

Bruch vorm Berufsleben

»Frauen haben schon so viele Meilensteine erreicht. Gerade junge Frauen haben deshalb manchmal das Gefühl, man brauche keine Frauenförderung mehr«, sagte Gnadl. Das aber sei falsch. »Die Gleichberechtigung im Gesetz ist noch keine Realität.«

Ein großer Bruch sei nach Meinung Gnadls der Übergang von Schule ins Berufsleben. »Die Ungleichberechtigung wird erst bei der Ausbildung und im Studium, später dann im Beruf deutlich«, sagte Gnadl. »Noch immer haben Frauen im Wirtschaftsleben zu wenig Einfluss. Noch immer gibt es zu wenig Frauen in Führungspositionen.«

Als Beispiel führte Gnadl die Frauenquote in der obersten hessischen Landesbehörde an. »Der Anteil der Frauen liegt bei 13,6 Prozent.« Der Frauenanteil an allen Führungskräften der deutschen Privatwirtschaft betrug 2010 knapp 28 Prozent. Auch die Forderung nach gleichem Lohn für gleiche Arbeit habe man noch nicht umsetzen können. »Frauen bekommen im Vergleich zu Männern 23 Prozent weniger Gehalt. Drei Viertel aller Empfänger von Niedriglöhnen sind Frauen.«

Auch machte Gnadl deutlich, dass es in der Gesetzgebung noch viele Widersprüche gebe. Zum einen fördere man durch das Betreuungsgeld Frauen, die ihr Kind in Vollzeit zu Hause betreuen und keinen Kitaplatz in Anspruch nehmen. Zum anderen baue man die Betreuungsplätze für Kinder unter drei Jahren aus.

Probleme in Privatwirtschaft

»Das Ehegattensplitting, das den Hauptverdiener steuerlich begünstigt, verstärkt das alt hergebrachte Rollenbild und drängt Frauen in prekäre Arbeitsverhältnisse.« Dem gegenüber stehe das neue Scheidungsgesetz, nach dem Frauen spätestens zwei Jahre nach der Trennung finanziell für sich selbst sorgen sollen. »Einerseits wird gefördert, dass Frauen nur Zuverdiener sind, andererseits sollen sie schnell eigenständig werden.« Aber diese Chance hätten sie oft nicht, machte Gnadl deutlich.

»Es gibt noch viele Hürden, und daher brauchen wir die Frauenförderung nach wie vor«, sagte die Landtagsabgeordnete. Die Forderungen der SPD sind klar: ein Gesetz für Lohngleichheit, ein gesetzlicher Mindestlohn, mehr reguläre Beschäftigung für Frauen statt prekärer Arbeitsverhältnisse. »Außerdem brauchen wir ein Gleichstellungsgesetz für Unternehmen in der Privatwirtschaft«, betonte Gnadl. Es sei wichtig, nicht nur beim Start ins Berufsleben, sondern auch beim beruflichen Aufstieg gleiche Chancen zu garantieren.

Faktor Niedriglohnsektor

Die von Gnadl bemängelte Frauenquote in Führungspositionen sah SPD-Mitglied Norbert Kühl nicht als vorrangiges Problem. Als Beispiel führte er das Frankfurter Finanzamt an. Hier sei gerade auf mittlerer und gehobener Ebene »schon viel passiert«. Stellvertretender Vorsitzender Walter Lochmann sah das ähnlich. »Wichtiger als der Kampf um Führungspositionen ist der Niedriglohnsektor.« Im öffentlichen Dienst, so lenkte Gnadl ein, habe sich schon einiges getan. Das Problem aber sei die Privatwirtschaft. »Viele Unternehmen haben auf den demografischen Wandel noch nicht reagiert. Es gibt sehr viele hoch qualifizierte Frauen, aber deren angeeignete Qualifikationen liegen brach, weil sie in nicht adäquaten Jobs arbeiten.«



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