19. August 2010, 20:06 Uhr

»Wir müssen wissen, wovon Jugendliche reden«

Bad Vilbel (süd). »Ich will mir nicht alles auf die Nase binden lassen und verstehen, was im Internet vor sich geht.« Der Polizeibeamte André Domagala brachte auf den Punkt, was die fünf Mediencoaches jetzt können, die am Donnerstag ihre Zertifikate erhalten haben. Sie haben sich mit den sogenannten neuen Medien und dem Internet befasst und dabei neben dem Nutzen vor allem die Gefahren kennengelernt, die sich im weltweiten Netz tummeln.
19. August 2010, 20:06 Uhr
Marco Weller, Jörg Frank (v.l.) und Markus Wortmann (hinten, r.) mit den Mediencoaches (v.l.) Lutz Illhardt, Torsten Werner, André Domagala, Brenda Krüger und Nina Bischof. (Foto: Südhoff)

Bad Vilbel (süd). »Ich will mir nicht alles auf die Nase binden lassen und verstehen, was im Internet vor sich geht.« Der Polizeibeamte André Domagala brachte auf den Punkt, was die fünf Mediencoaches jetzt können, die am Donnerstag ihre Zertifikate erhalten haben. Sie haben sich mit den sogenannten neuen Medien und dem Internet befasst und dabei neben dem Nutzen vor allem die Gefahren kennengelernt, die sich im weltweiten Netz tummeln. Neben Domagala haben sich Torsten Werner, Leiter der Polizeistation in der Quellenstadt, Lutz Illhardt von der gemeinsamen Sucht- und Drogenberatung der Städte Bad Vilbel und Karben, sowie Nina Bischof und Brenda Krüger vom Kinder- und Jugendbüro der Stadt fortgebildet. Die Zertifikate überreichten im Kulturforum in Dortelweil Markus Wortmann vom Verein »Sicheres Netz hilft«, Marco Weller von der Geschäftsstelle »Netzwerk gegen Gewalt« im Hessischen Innenministerium und Erster Stadtrat Jörg Frank.

Illhardt schilderte wesentliche Elemente der Fortbildung. Seine Generation sei mit vielen Dingen rund um Computer nicht vertraut, sagte der 52-Jährige. Beim zweitägigen Seminar habe er nun gelernt, was sich hinter Facebook, Twitter oder Internetspielen verbirgt und welche Gefahren es dort gibt. Er habe dabei begriffen, »welche Faszination« manche Spiele haben, und erkannt, wie vorsichtig ein Nutzer von Facebook sein müsse, wenn er Daten wie Adresse und Geburtsdatum oder ein Foto dort veröffentliche. »Das alles wusste ich vorher nicht«, bekannte Illhardt.

Er habe sich mit der Materie beschäftigt, damit er bei seiner Beratungstätigkeit akzeptiert und ernst genommen werde. Denn als Suchtberater habe er auch mit Medienabhängigkeit zu tun. Illhardt nannte das Beispiel eines 16-Jährigen, der sein Taschengeld für Windeln ausgibt, damit er nicht auf die Toilette gehen muss, um keine Sekunde eines Computerspiels zu verpassen. Das Spiel »World of Warcraft« beispielsweise gehe permanent weiter, wer dabei mitmacht, unterliege schnell der Versuchung, ständig online sein zu wollen, ergänzte Domagala. In der Fortbildung sei er auf solche Probleme hingewiesen und entsprechend sensibilisiert worden. Die Teilnehmer verfügten jetzt über ein Grundwissen, das aber ständig aktualisiert werden müsse. Weller berichtete, dass im Rahmen der Fortbildung einige Spiele ausprobiert worden seien, um deren Potenzial zu erkennen, einige Teilnehmer hätten sich erstmals mit diesen Medien befasst.

Als Vertreter der Vilbeler Schulen nahm Peter Mayböhm, Leiter der John-F.-Kennedy-Schule, an der Verleihung der Zertifikate teil. Er sagte, Erziehungsberechtigte und Lehrer müssten einen »gewissen Durchblick« haben, um zu wissen, wovon die Jugendlichen reden. Wichtig sei es zu akzeptieren, dass diese Grenzen austesten. Brenda Krüger berichtete aus ihrer täglichen Arbeit in den städtischen Jugendclubs, dass Eltern häufig »absolut ahnungslos« seien, was ihre Kinder im Internet und mit dem Computer alles anstellten. Sie glaubt, dass in vielen Kinderzimmern nicht altersgerechte Medien zu finden seien. Ihr Fazit: »Elternarbeit ist wichtig.«

Und die wollen die neuen Mediencoaches, die sich als Multiplikatoren verstehen, nun angehen. Sie wollen in verschiedenen Veranstaltungen über den Nutzen, aber auch die Gefahren von Internet und Computernutzung informieren und Eltern und Erziehungsberechtigte für die Probleme sensibilisieren.

Wortmann, der Vorsitzende des Vereins »Sicheres Netz hilft«, hat das Fortbildungskonzept entwickelt. Der Kriminalbeamte erklärte, er habe im Rahmen seiner beruflichen Tätigkeit häufig mit Kinderpornografie zu tun gehabt, bei der das »Tatmittel Internet« eine immer größere Rolle spiele. Statt mühselig hinterherzuermitteln, habe er sich für aktive Prävention entschieden und das Aufklärungskonzept entwickelt. 222 Multiplikatoren seien inzwischen in Hessen danach ausgebildet worden, sie würden nun »die gleiche Sprache« sprechen, wie die Jugendlichen.

Weller erinnerte an die 2008 vom Innenminister gestartete Präventionsoffensive des Landes Hessen. Seitdem gebe es in den Polizeipräsidien Kommissariate zur Bekämpfung der Internetkriminalität und gingen im Landeskriminalamt Polizisten virtuell Streife. Da die Polizei aber nur einen Teil der Vorbeugungsarbeit leisten könne, sei in Zusammenarbeit der Landesministerien für Kultus, Familien, Justiz und Inneres das »Netzwerk gegen Gewalt« gegründet worden. Unter diesem Dach würden fachliche Fortbildungen angeboten, aber auch Polizei und Jugendarbeit zusammengebracht, um die Frage »was können wir vor Ort tun« zu beantworten. Eine Aufgabe des Netzwerkes sei es, ausgebildete Personen wie die Mediencoaches zum Beispiel für Elternabende zu vermitteln.



0
Kommentare | Kommentieren

Bilder und Videos