Bad Vilbel

Das Heu für die Tiere reicht bis April

Bad Vilbel (dit). Eine Schneedecke überzieht derzeit die Ackerflächen des Dottenfelderhofes. Dass es bei anhaltend frostigem Winterwetter dennoch viel zu tun gibt in dem biologisch-dynamischen Betrieb, erläuterte Reinhard Lübbert von der dort ansässigen Landbauschule am Samstagmittag während eines Rundgangs.
18. Januar 2010, 19:10 Uhr
Die Kühe fressen getrocknetes Heu. Bernd Georg Henrich, der früher selbst Landwirtschaft betrieb, ist eigens aus Schwalheim geko
Die Kühe fressen getrocknetes Heu. Bernd Georg Henrich, der früher selbst Landwirtschaft betrieb, ist eigens aus Schwalheim gekommen, um an der Führung über den Dottenfelderhof teilzunehmen.

Bad Vilbel (dit). Eine Schneedecke überzieht derzeit die Ackerflächen des Dottenfelderhofes. Dass es bei anhaltend frostigem Winterwetter dennoch viel zu tun gibt in dem biologisch-dynamischen Betrieb, erläuterte Reinhard Lübbert von der dort ansässigen Landbauschule am Samstagmittag während eines Rundgangs. Im Laufe der eineinhalbstündigen Führung erhielten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer informative Einblicke in die Arbeitsweise auf dem Hof, auf dem der Anbau von Getreide, Gemüse, Obst und Futtermitteln, die Verarbeitung und Verwertung der Produkten, die Tierhaltung und Düngung einen geschlossenen Kreislauf bilden.

»Im Vergleich mit der so genannten normalen Landwirtschaft sind hier viele Menschen tätig. Es gibt rund 80 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter«, berichtete Lübbert, der vor 14 Jahren ein Studienjahr auf dem Dottenfelderhof absolvierte und nach zwölfjährigem Wirken als Betriebsleiter in einem Demeter-Betrieb im Hunsrück nach Bad Vilbel zurückkehrte, um die Organisation und Verwaltung der Landbauschule zu übernehmen. Bedingt sei der hohe Personalstand durch die Vielschichtigkeit. »Hier passiert viel. Neben dem Landbau und der Tierhaltung werden hier die Produkte weiterverarbeitet und vermarktet. Forschung und Züchtung werden betrieben, außerdem gibt es den Schulbetrieb«, erklärte der Landbaumeister.

»Zurzeit ruht zwar die Arbeit auf den Feldern, dennoch ist jeder beschäftigt«, fuhr er fort. »Bäume werden geschnitten, Äste gehäckselt, Möhren, Pastinaken, rote Beete und anderes Gemüse sortiert und verkaufsfertig gemacht«, so Lübbert, der die Gäste zunächst ins Gemüselager führte. Dort stapelten sich unter anderem Kisten mit Möhrensorten, darunter die bekannte »Rodelica«, die von auf dem Hof ansässigen Forschungsspezialisten gezüchtet wurden. »Die Möhren werden gewaschen und sortiert. Das Wasser zum Reinigen entnehmen wir unserem Brunnen. Nicht verkaufsfähige Ausschussware ergibt ein prima Tierfutter.« Geschnetzelte Möhren eigneten sich insbesondere als Nahrung für Kühe. Pastinaken und rote Beete seien eher den Schweinen vorbehalten.

Nächste Station war das Kartoffellager, in dem ein gleichmäßiges Klima vorherrschen muss, dann wurde das Lager für Winterkohl besichtigt. »Fünf bis sechs Personen sind im Winter täglich damit beschäftigt, Gemüse zu sortieren und zu kommissionieren«, so Lübbert.

In großen Mengen müsse Heu für die Tiere bereitgehalten werden, fuhr er fort und führte zur Heuhalle und Heutrocknung. Dort wird das getrocknete Gras in Ballen und in loser Form gelagert. »Die Ernte war reichhaltig und qualitativ relativ gut. Das Heu dürfte bis in den April hinein reichen«, sagte er. Eine typische Winterarbeit sei das Holzmachen. Zum einen werde auf dem Dottenfelderhof mit Holz geheizt. »Ein zentraler Ofen wurde 2009 gebaut. Zirka 70 Prozent des Wärmebedarfs kann damit abgedeckt werden.« Zum anderen werde nicht zum Heizen geeignetes Holz zu Kompost verarbeitet. »Es wird geschreddert und dann mit Molke, die in der Käserei abfällt, sowie mit Erde versetzt. Dieser Kompost führt dem Boden Kali zu.«

Nach einem Blick in die Haushaltsvorratskammer, aus deren die Gemeinschaftsverpflegung für Azubis und Studenten zubereitet wird, ging die Gruppe in die Stallungen. »Morgens ab 5 Uhr ist im Kuhstall Betrieb. Es wird gemolken, gemistet und gefüttert. Dann kommen die Tiere in den Laufhof. Auch im Winter.« Wenn sie wieder in den Stall getrieben würden, fänden etwa 90 Prozent der 80 Milchkühe ihren angestammten Platz. Bei Wind und Wetter im Freien sind auch die Kälbchen, die sich an diesem frostigen Vormittag in ihrem mit Stroh gepolsterten Unterstand zusammendrängten. Ein paar Schafe, die bei wärmeren Temperaturen als »Rasenmäher« auf den Baumwiesen anzutreffen sind, kamen aus dem Stall und streckten, wohl in der Hoffnung auf einen Leckerbissen, die Köpfe über den Zaun ihres Pferches. Die Schweine zogen es vor, sich im Stallinneren aufzuhalten.

»Wir sind um wesensgerechte Tierhaltung bemüht«, informierte Lübber und erzählte, dass ausschließlich robuste Rassen des Borstenviehs für den biologisch-dynamischen Betrieb geeignet seien. Am Café, in dem kein Platz mehr frei war, am Hofladen, in dem rege Betriebsamkeit herrschte, und an der Käserei vorbei, gelangte die Gruppe ins Backhaus. »Gebacken wird in direkt und indirekt befeuerten Holzöfen. Die direkt befeuerten Holzofen haben keine Temperaturanzeigen. Der Bäcker muss das richtige Gefühl dafür haben, wann das Brot gut ist«, sagt Lübbert. Mit moderner Technik hingegen sei die Konditorei ausgestattet. »Für einen Tortenboden zum Beispiel ist ein digitaler Backofen nötig, das feine Backwerk könnte in einem Holzofen wohl kaum gelingen«, so Lübbert, der ankündigte, dass im Februar wieder eine Führung stattfinden wird.

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