13. November 2009, 19:56 Uhr

Radeberger-Ansiedlung geplatzt

Bad Vilbel/Frankfurt (süd). Die Nachricht schlug am Freitag wie eine Bombe in der Quellenstadt ein: Die Brauereigruppe Radeberger wird nicht in den »Quellenpark« umziehen. Das Unternehmen, zu dem die traditionsreiche Binding Brauerei gehört, bleibt in Sachsenhausen und verzichtet auf sein Neubauprojekt im Bad Vilbeler Gewerbegebiet. Das gab am Freitagnachmittag der Sprecher der Radeberger-Geschäftsführung, Dr. Albert Christmann, bei einer Pressekonferenz auf dem Brauereigelände in der Darmstädter Landstraße bekannt.
13. November 2009, 19:56 Uhr
Auch künftig wird das Binding-Bier an der Darmstädter Landstraße in Frankfurt gebraut. Der Umzug nach Bad Vilbel ist geplatzt. (Foto: Südhoff)

Als Grund nannte er die sich durch die Wirtschaftskrise »deutlich verändernden Rahmenbedingungen im deutschen Biermarkt«. Trotz fortgeschrittener Planung nutze das Unternehmen die Option, das für das Bauvorhaben reservierte Grundstück nicht zu erwerben. Die eingeräumte Frist wäre am Sonntag abgelaufen. In der Quellenstadt reagierten die Kommunalpolitiker überwiegend enttäuscht.Ursprünglich wollte die Brauereigruppe bis 2012 im »Quellenpark« eine Abfüllzentrale, eine Logistikdrehscheibe und die nationale Hauptverwaltung aufbauen und dafür einen dreistelligen Millionenbetrag investieren. Rund 500 Arbeitsplätze wären hierher verlagert worden. Christmann verwies zur Begründung der Unternehmensentscheidung auf die Entwicklung im deutschen Biermarkt, der nicht nur eine anhaltende, sondern sich gerade in den jüngsten Monaten verschärfende rückläufige Entwicklung zeige. Beispielsweise für den Verbrauch in der Gastronomie seien zweistellige Absatzrückgänge prognostiziert worden. Die Folgen zeigen sich nach Einschätzung des Radeberger-Chefs bereits bei vielen Akteuren des Marktes: »Die meisten Brauereien sparen, wo es nur geht. Einige sahen sich schon zur Kurzarbeit gezwungen. Manche Wettbewerber schließen Brauereien. Andere verkaufen sie, um Altlasten los zu werden. Immer mehr suchen ihr Mengenheil über Preisabsenkungen.«

»Verschlechterte Rahmenbedingungen«

Diese kontinuierlich anhaltende Veränderung der Rahmenbedingungen habe in der Radeberger-Gruppe in der Endabwägung zu einer anderen Bewertung des Bauprojektes geführt: »Wir haben uns in den letzten Wochen intern immer wieder gefragt, ob es angesichts der inzwischen deutlich verschlechterten Rahmenbedingungen und ohne konkretes Licht am Horizont weiterhin richtig ist, einen dreistelligen Millionen-Euro-Betrag in einen Neubau zu investieren, der langfristig ordentlich Kapital bindet, das für Marktinvestitionen benötigt werden könnte«, erläuterte Christmann. »Wir sind zu dem Schluss gekommen, dass es besser ist, den Standort Frankfurt mit den heutigen Arbeitsplätzen der jeweiligen Entwicklung und den sich ändernden Rahmenbedingungen anzupassen.« Diese Entscheidung sei dem Unternehmen nach den immensen Anstrengungen, die interne Projektgruppen, Berater und Dritte bereits in die Planung und Realisierung des Bauvorhabens in Bad Vilbel gesteckt hatten, und nach großen finanziellen Investitionen in die Planungsvorhaben nicht leicht gefallen. Sie sei aber »nach reiflichen Überlegungen und Abwägungen unvermeidbar, um dem Unternehmen in wirtschaftlich schwierigen Zeiten seine Reaktions- und Handlungsfähigkeit zu erhalten«. Er sei davon über zeugt, dass dieser Schritt - so schmerzhaft er im ersten Augenblick auch sein möge - »der richtige ist, weil wir langfristig denken müssen«, so Christmann.

Das Unternehmen werde nun den Standort Sachsenhausen entgegen früherer Entscheidungen fortführen und so gut es geht an die neuen Rahmenbedingungen anzupassen versuchen: »Wir investieren hier in kleinen und verdaubaren Portionen.«

Christmann lobte die Verantwortlichen in Bad Vilbel als »professionelle Partner«. Wegen des »sehr konstruktiven Miteinanders in den vergangenen Monaten werden wir sie bei der vertraglich zulässigen Rückabwicklung nicht nur mit Rat, sondern auch mit Tat unterstützen«, sagte der Sprecher der Geschäftsführung. Auf Nachfrage der WZ erklärte er, damit sei die Übernahme von Kosten gemeint.

»Entscheidung alternativlos«

Nachdem die Standortsuche in Frankfurt gescheitert war, war Radeberger in Bad Vilbel fündig geworden, hatte Anfang Juni den Umzug in die Quellenstadt bekanntgegeben und seitdem Entwürfe für den Neubau er- und überarbeitet, wie Christmann erläuterte. »Die finale Version liegt vor«, die Oetker-Gruppe als Mutterkonzern habe das Projekt genehmigt und das Geld bereits freigestellt. Die Entscheidung gegen Bad Vilbel sei in den vergangenen zwei Wochen gereift, am späten Donnerstagnachmittag habe er Bürgermeister Dr. Thomas Stöhr darüber informiert, am Freitagvormittag die eigenen Mitarbeiter. Es gebe »keine Alternative« für diesen Schritt, er habe auch kein schlechtes Gewissen, weil er »immer mit offenem Visier« aufgetreten sei.

Bürgermeister Dr. Thomas Stöhr erklärte, die schlechte Wirtschaftslage mache den ehrgeizigen Radeberger-Plänen ein Ende. Bad Vilbel helfe die Genugtuung nicht, unter rund 60 Bewerbern der Sieger gewesen zu sein, »höhere Gewalt hat die endgültige Sicherung dieses Erfolgs vereitelt«, so Stöhr. Die Ankündigung von Radeberger, aufgelaufene Aufwendungen zu übernehmen«, bezeichnete er als »anständig gegenüber der Stadt«. Das sei heutzutage nicht selbstverständlich. Christmann habe ihn am Donnerstag gegen 17 Uhr im Vilbeler Rathaus aufgesucht und in einem rund einstündigen Gespräch die Entscheidung erläutert. Er habe eine Verlängerung der Option angeboten, erklärte Stöhr, dazu sei Christmann nicht bereit gewesen.

Auch Landrat Joachim Arnold bedauerte die Entscheidung. Er betonte, sie habe »nichts mit den hervorragenden Standortfaktoren in der Wetterau zu tun«. Kreis und Stadt hätten »in hervorragender Weise zusammengearbeitet«.

CDU-Stadtverbandschef Tobias Utter sagte, die Stadt habe bewiesen, dass sie in der Lage sei, Großprojekte rasch umzusetzen, »wir haben alles richtig gemacht«. Die Wirtschaftskrise gehe jedoch an Bad Vilbel nicht vorbei. Vorarbeiten wie die Verlegung des Umspannwerkes seien nicht vergeblich, weil auch für andere Ansiedlungen notwendig.

»Völlig kalt erwischt«

SPD-Fraktionsvorsitzender Rainer Fich meinte, »das hat mich völlig kalt erwischt«. Die Sozialdemokraten hätten die Ansiedlung unterstützt und zum Beispiel den Änderungen der Bebauungspläne zugestimmt. Die Entscheidung werfe die Stadt nun um Jahre zurück. Die Radeberger-Ansiedlung wäre für den »Quellenpark« wie eine Initialzündung gewesen und hätte weitere Ansiedlungen nach sich gezogen. Jetzt gebe es dort »kein Fortkommen«. Ihm falle es schwer, die Entscheidung von Radeberger zu verstehen.

Ulrich Rabl erklärte für die Grünen, seine Fraktion habe immer gesagt, diese Ansiedlung sei für die Stadt ein »ökologisches und finanzielles Desaster. Deshalb sei man über die Nachricht nicht besonders traurig. Kritik übte er auch an Radeberger, er stehe staunend der Entwicklung gegenüber: »Was sind das denn für Finanzartisten?« Sie hätten sich ihre Entscheidung vor der Unterschrift unter den Vertrag überlegen sollen.

FDP-Fraktionschefin Heike Freund-Hahn kritisierte den Zeitpunkt der Entscheidung. Den Beteiligten sei klar gewesen, dass es den Genehmigungsvorbehalt bis zum 15. November gegeben habe, die Stadt habe jetzt wertvolle Zeit verloren. Als »unglaubwürdig« erscheine nun jedoch die Darstellung des Bürgermeisters als »Macher«: »Wir empfehlen ihm und der CDU etwas mehr Zurückhaltung.« Die liberale Bürgermeisterkandidatin Gesine Wambach ergänzte, die geplatzte Ansiedlung sei »ein Rückschlag für die wirtschaftliche Entwicklung« der Stadt.

Ehrenstadtrat Klaus Minkel, der an den Verhandlungen mit Radeberger beteiligt war, erklärte gegenüber der WZ, der Rückzug »mindert die Qualität unseres Standortes nicht«.

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