28. Juni 2009, 18:44 Uhr

Eine durch und durch vergnügliche Show

Bad Vilbel. Ein paar Klappstühle, ein Vorhang aus bunten Plastikbändern und der gemalte Ausblick auf einen Campingplatz unter Palmen, zugeparkt mit VW-Bussen, »Käfern« und Knutschkugeln: Mehr brauchte das Ensemble um Regisseur Egon Baumgarten und Choreografin Mecki Fiedler am Freitagabend nicht als Kulisse, um unter dem Motto »Minirock und Hitparade« das Lebensgefühl der 1960er-Jahre aufleben zu lassen.
28. Juni 2009, 18:44 Uhr
Alen Hodzovic singt Udo Jürgens’ großen Hit »17 Jahr, blondes Haar« und wird dabei von seinen Kollegen als Background-Chor unterstützt.

Bad Vilbel. Ausgesprochen lebendig und witzig, als Persiflage mit ein wenig Ironie und noch mehr Spaß kam die Schlagerrevue der Burgfestspiele daher. Von Heintje bis »Hair«, von Rex Guildo bis zu den Rolling Stones und von Freddy Quinn bis zu Woodstock spannte sich der musikalische Bogen. Und wer gekommen war, um in Erinnerungen zu schwelgen und noch einmal an seine Jugendzeit zurückzudenken - und das waren, der Blick ins Publikum verriet es, so einige - der wurde nicht enttäuscht. Schlager auf Schlager ließen die Sänger das Jahrzehnt Revue passieren - temporeich, ausdrucksstark, kurzweilig und einfach unglaublich gut.

Seinen Ausgang nahm das turbulente Geschehen auf einem Campingplatz, auf dem das Publikum von Sänger Matthias Pagani in Empfang genommen wurde. Einem Mann der ersten Stunde zwischen den Zelten, der, in ballonseidenem Trainingsanzug und mit Klopapierrolle in der Hand, sich als Kuhlenkampf des Platzes und Moderator der Sommerparty vorstellte. Und er hatte einiges zu erzählen. Zum Beispiel von Sexualaufklärer Oswalt Kolle und der Sehnsucht nach der Ferne, vom Volkssport Autowaschen und dem Lieblingsfertiggericht der Deutschen damals - Ravioli. Wie einst Kuhlenkampf hatte Pagani die Zuschauer vom ersten Moment an auf seiner Seite, und bis zum Ende faszinierte er sie mit großartigem Schauspiel, ebensolchem Gesang und fabelhafter Unterhaltsamkeit.

Doch zurück zur Show, in der wenig geredet und dafür umso mehr gesungen und getanzt wird. Mit »Let’s twist again« und Animateur Tim Ludwig im Don-Juan-Shirt war das Eis gebrochen und Amüsieren stand von da an auf dem Programm. Herzzerreißend sang wie einst Heintje Sebastian Coors, in Pullunder und mit strengem Seitenscheitel, von seiner »Mama«, während Britta Balzer dem »Zigeunerjungen« hinterher träumte. Der erste Auftritt der Beatles mit »With a Little Help« wurde umjubelt, und Michael Hiller trug im Matrosenpulli inbrünstig Freddy Quinns Schlager »Junge, komm bald wieder« vor, während seine in blaue Tücher gehüllten Kollegen unter ihm das Meer wogen ließen.

Doch nicht nur den Ohren, sondern auch den Augen wurde auf der Bühne - Dank den Damen der Schneiderei um Christine Rademacher - ein echtes 60er-Jahre-Revival geboten. Mit hochgesteckten Haaren, künstlichen Wimpern und im Etuikleid sang Marina Edelhagen Hildegard Knefs Hit »Eins und eins, das macht zwei«, eine Brautkleiderschau boten Nicole Gütling, Manja Kloss und Mareike Hüsing, die »Ganz in Weiß« Alen Hodzovic umschwärmten. Und nebenbei bekamen die Zuschauer noch zahlreiche Kleider, Röcke und Hemden in allen erdenklichen Formen, Farben und Längen zu sehen. Man konnte sich ausmalen, wie hektisch es beim Umziehen hinter der Bühne zugegangen sein mag. Im Rosenkleid und mit Reif im Haar rief Britta Balzer als junge Mutter mit Kinderwagen ihren Ehemann energisch auf den Boden der Tatsachen zurück (»Schuld war nur der Bossa Nova«). Mit einer Eifersuchtsszene wie aus dem Lehrbuch machte der gekränkte Liebhaber Matthias Pagani den Zuschauern Angst. In ausgeleiertem, braunen Jogging-Anzug ließ er kein gutes Haar an »Delilah«. »Für uns ist nun alles vorbei«, sang er aufgebracht und mit bösem Blick, und als Zuhörer glaubte man ihm aufs Wort. Bis Sissy Staudinger die Bühne betrat, wunderschön traurig von der »Träne auf Reisen« sang und der eben noch Erboste plötzlich eiligst davonlief.

Wie groß die Gegensätze - nicht nur rein musikalisch - zwischen Deutschland, genauer gesagt Bayern, und Italien waren, das machten unterhaltsam Pagani als arroganter Südländer mit Goldknöpfen am Hemd und Michael Hiller als schuhplattlernder und Löffel schlagender Bayer deutlich. Adriano Celentanos »Azzurro« gegen die die deutsche Version »Azuro, so ist der Himmel in den Bergen«, Lederhose gegen Mafiacharme - ein köstliches Vergnügen fürs Publikum.

Gefordert waren auch der musikalische Leiter Thomas Lorey und seine vier Orchestermusiker Andreas Pompe, Kai Picker, Stefan Kreuscher und Thomas Elsner, die den Konkurrenzkampf auf der Bühne gekonnt unterstützten. Von Bayern aus war der Weg nicht mehr weit zum Thema Bier und Paul Kuhns Hit »Es gibt kein Bier auf Hawaii«. Kaum waren die ersten Takte verklungen, gab es fürs Publikum kein Halten mehr - schunkelnd und singend ließ es kurzzeitig Bierzeltstimmung aufkommen. Natürlich durfte auch die Liebe nicht zu kurz kommen, die in den Hits mal leise und vorsichtig (»Vom Stadtpark die Laternen«), mal verrucht und leidenschaftlich (»Je t’aime«) und mal auch äußerst gegensätzlich daherkam. Komisch, gesanglich gekonnt und unterstützt von einer für Experimente offenen Band demonstrierten Sissy Staudinger und Michael Hiller, wie groß die Kluft zwischen den Liebesfronten war. Während Staudinger neben ihrem bereits schlafenden Mann im Ehebett »I can’t get no Satisfaction« rockte, säuselte Hiller, von der Unruhe erwacht, Roy Blacks Hit »Du bist nicht allein« und vertröstete »Es haben tausend Menschen Sehnsucht genau wie du«.

Über Udo Jürgens’ Schlager »17 Jahr, blondes Haar« (Alen Hodzovic), Gitte Hennings »Ich will 'nen Cowboy als Mann« (Nicole Gütling, Mareike Hüsing) und Peter Kraus‘ »Motorbiene« (Thomas Schweins) führte der musikalische Weg weg vom deutschen Schlager der 60er-Jahre und hin zu einer ganz anderen Musikgeneration: der Zeit von Flowerpower und den Hippies. Mit Batik-Shirt, Stirnband, Schlaghose, wallenden Kleidern und dem obligatorischen Joint erinnerte das Ensemble an »Nights in White Satin« (hervorragend gesungen von Tim Ludwig), »Let’s spend the Night together« und dem Wunsch aller, ein Mal nach »San Francisco« zu gehen.

Lautstarker Applaus und Zugabe-Rufe waren der Dank des Premierenpublikums für eine durch und durch vergnügliche Show, eine großartige gesangliche und tänzerische Leistung sowie hervorragende musikalische Arrangements. Das Ensemble und belohnte das lebhafte Publikum mit einem zusätzlichen Twist, den Liebeswünschen der Beatles (»All you need is Love«) und einem geseufzten »Mama« von Heintje.

Janine Stavenow



0
Kommentare | Kommentieren

Bilder und Videos