30. März 2009, 20:24 Uhr

Massenheimer wird Wohltäter in Amerika

Bad Vilbel (aho). Wie aus dem Massenheimer Ludwig Wilhelm Müller der Amerikaner Louis William Miller wurde, das erzählte Wolfgang Boos vom Massenheimer Heimatmuseum jetzt in der Jahreshauptversammlung des Heimat- und Geschichtsverein im großen Café des Kurhauses.
30. März 2009, 20:24 Uhr
Wolfgang Boos berichtet über den Massenheimer Auswanderer Ludwig Wilhelm Müller. (aho)

Bad Vilbel (aho). Wie aus dem Massenheimer Ludwig Wilhelm Müller der Amerikaner Louis William Miller wurde, das erzählte Wolfgang Boos vom Massenheimer Heimatmuseum jetzt in der Jahreshauptversammlung des Heimat- und Geschichtsverein im großen Café des Kurhauses. Zunächst bot der Gastredner einen Überblick über Auswanderer im Allgemeinen und Auswanderung nach Nordamerika im Besonderen. Er zeigte auf, dass Auswandern vor dem und im 19. Jahrhundert eine lange Reise, aber auch den Umzug in ein anderes Herrschaftsgebiet - heute innerhalb Hessens - bedeuten konnte, was die Entlassung aus dem Untertanentum oder unter Umständen sogar den Verlust von Erbberechtigungen bedeuten konnte.

Ludwig Wilhelm Müller wurde am 30. November 1828 in Massenheim im Haus der heutigen Gastwirtschaft »Zum Knoche« als Sohn des Schneidermeisters Conrad Müller und dessen Frau Jacobine geboren. Zwischen 1835 und 1843 besuchte er mit seinen Geschwistern die Dorfschule im Gebäude des heutigen Heimatmuseums und lernte später von seinem Vater die Grundzüge des Schneiderns.

Am 10. April 1853, also mit 24 Jahren, trat Ludwig Wilhelm Müller wie viele Deutsche in dieser Zeit seine Reise nach Nordamerika an. Auch er musste erst beantragen, aus dem Kurhessischen Staatsverband, also seiner Untertanenschaft, entlassen zu werden und bekam das entsprechende Papier der Kurhessischen Polizeidirektion Hanau.

Multimedial unterstützt zeigte Boos, wie anstrengend der Weg gewesen sein musste. Er begann mit dem Pferdefuhrwerk von Massenheim nach Frankfurt, zum dortigen Taunusbahnhof (in der Nähe des heutigen Willi-Brandt-Platzes), wo Müller die befreundete Familie Ludwig aus Rodheim traf, mit der er nicht nur nach Amerika auswanderte, sondern mit denen er dort auch in Kontakt blieb. Von Frankfurt fuhren Müller und die Ludwigs mit dem Zug nach Wiesbaden, um von dort mit einem Schiff über zehn Stunden lang in Richtung Köln zu reisen. Von dort fuhren sie 15 Stunden mit der Eisenbahn über Paris nach Havre. Da mussten sie fünf Tage auf die Überfahrt warten, konnten zur Unterhaltung aber deutschsprachige Zeitungen wie »Kladderadatsch« oder »Gartenlaube« kaufen.

Am 18. April 1853 stach die »J. G. Costa« mit Müller und seinen Bekannten in der »Holzklasse« in See. Die Überfahrt dauerte 41 Tage bis New York und beinhaltete für den Massenheimer Auswanderer in den ersten Tagen Seekrankheit und später Stürme. »Da hätte man sich gern nach Hause nach Massenheim gewünscht«, schrieb er seinen Eltern über diese Fahrt.

In New York angekommen, mussten die Reisenden sich zunächst von den Einwanderungsbehörden prüfen lassen. Auf dem Pier gab es »Mineral Water« zu kaufen, aber weil die Lebenshaltung in den Großstädten sehr teuer war, ging es baldmöglichst weiter in ländlichere Gebiete, und zwar zu Verwandten der Ludwigs. Die Auswanderer fuhren mit der Bahn elf Tage bis St. Louis. »Damals befanden sich bereits 50 000 Deutsche in St. Louis«, deutete Boos das Ausmaß deutscher Auswanderung an. Per Dampfschiff ging es von dort in zwölf 12 Tagen nach Applecreek/Saxony-Landing, wo sich die Rodheimer Familie Ludwig niederließ.

Am 12. September 1853 verließ Müller die Familie per Dampfschiff in Richtung Süden und stieg an der nächsten Haltestelle Cape Girardeau-Riverfront aus. Hier sollte seine neue Heimat sein, und er lernte drei Jahre bei einem Schneidermeister das Handwerk seines Vaters. Beim Pfarrer der Trinity Lutheran and Hanover Lutheran Church lernte er Englisch und heiratete am 12. Juli 1860 Karoline Essig, die aus der Nähe von Kaiserslautern stammte. Mit seinem Schwager pachtete Louis William Miller einen Kaffeeladen mit Wirtschaft, trat im Bürgerkrieg 1861 den Unionstruppen der Nordstaaten (»2nd Regiment Illinois Light«) bei und wurde so zum Kanonier, der mit seiner Einheit in drei Jahren über 4000 Kilometer im Bürgerkrieg herumkam und vier große Schlachten mitmachte.

Am 20. Dezember 1864 kehrte er glücklich und gesund zu seiner Frau Karoline in Cape Girardeau zurück. Allerdings musste er erfahren, dass drei Monate zuvor ihr Töchterchen gestorben war. Auch das zweite Mädchen, 1865 geboren, starb nach elf Monaten an Tuberkulose. Aber 1867 meldete er erfreut nach Massenheim, dass sein Sohn Johnny geboren worden sei. Wirtschaftlich ging es der Familie mit dem »Oyster Depot & Wine and Beer Saloon« gut, und 1885 feierte das Ehepaar Miller Silberne Hochzeit.

»Von Frau Miller wissen wir, dass er vielen Armen aus der Not geholfen hat und bei allen kleinen Kindern der bekannte ›gute Onkel‹ war«, so Boos in seinem Vortrag. Zudem habe Miller beim Bau der evangelischen Kirche viel gegeben. Auch sonst war der ehemalige Massenheimer geschäftlich viel unterwegs, stieg ins Bankgeschäft ein, beteiligte sich an einer großen Brauerei, arbeitete an der Entwicklung von Eismaschinen und engagierte sich nach den Worten seiner Frau für die Vergrößerung der Stadt Cape Girardeau. Vermutlich habe sich Miller zu viel vorgenommen, schrieb Karoline Miller auf. »Gerade an dem Tag, als sie das erste Eis und das ›Miller-Beer‹ gemacht haben, da hat ihn der liebe Gott zu sich genommen.«

»Louis William Miller starb am 5. April 1892 in Cape Giradeau«, schrieb sie den Verwandten in Massenheim. Und Boos erklärte: »Weitere Recherchen ergaben, dass er unter großer Anteilnahme der Bevölkerung auf dem Veteranenfriedhof ›New Lorimier Cementery‹ beigesetzt wurde.« Der »Cape Girardeau Democrat«, die damals größte örtliche Zeitung, habe am 6. April auf einer halben Seite bedauert, dass die Stadt einen Wohltäter verloren habe.

Kurz vor seinem Tod habe er eine Reise nach Massenheim geplant, berichtete Boos weiter. Denn der Tod seines Bruders Konrad Wilhelm Müller habe Louis William Miller getroffen, und er habe mit Karoline aus Heimweh nach Massenheim fahren wollen. Karoline starb drei Jahre später und wurde ebenfalls auf dem Veteranenfriedhof beigesetzt.



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