30. Januar 2009, 20:02 Uhr

Von der Erde zum Mond an einem Abend

Bad Vilbel. Die Spannung ist greifbar: Als Impey Barbicane in schwarzem Jackett und mit Zylinder ans Rednerpult tritt, ist der Saal des Kulturforums vergessen. Aus den Zuschauern in Dortelweil werden Mitglieder des ehrwürdigen Kanonenclubs von Baltimore, die gespannt auf das warten, was ihr Präsident zu verkünden hat.
30. Januar 2009, 20:02 Uhr
Rufus Beck lässt Jule Vernes Roman »Von der Erde zum Mond« lebendig werden. (Foto: Stavenow)

Bad Vilbel. Die Spannung ist greifbar: Als Impey Barbicane in schwarzem Jackett und mit Zylinder ans Rednerpult tritt, ist der Saal des Kulturforums vergessen. Aus den Zuschauern in Dortelweil werden Mitglieder des ehrwürdigen Kanonenclubs von Baltimore, die gespannt auf das warten, was ihr Präsident zu verkünden hat. Das Staunen ob der Nachricht ist riesig, die Stimmen überschlagen sich, geraten durcheinander. Das Ziel: eine Reise zum Mond. Fußgetrampel und Applaus drücken die Zustimmung aus. Und Rufus Beck ist es wieder einmal gelungen, seine Zuhörer zu packen und auf eine Reise in die Vergangenheit mitzunehmen. Mitten hinein ins 19. Jahrhundert, in die Zeit, in der Jules Vernes’ Geschichte »Von der Erde zum Mond« spielt.

Rufus Beck braucht keine pompöse Kulisse, keine prachtvollen Kostüme, keine Schar namhafter Schauspieler um sich herum, um den 1865 geschriebenen Roman lebendig werden zu lassen. Er braucht nur sich selbst, einige Bilder auf der Leinwand und ein wenig Musik zur Unterstützung. Denn der Schauspieler ist ein meisterhafter Erzähler und unschlagbar, wenn es darum geht, im Nullkommanix die Rolle zu wechseln. Eben noch der selbstbewusste und nach Ruhm strebende Clubpräsident, dann – nur Sekunden später – der stotternde Major Elphiston, der konfus rechnende Sekretär James T. Maston, der charmante und vor Esprit sprühende Franzose Michel Ardan oder der scharfzüngige Kapitän Nicholl – Rufus Beck hat sie alle in seinem Repertoire. Mal zurückhaltend und feinfühlig, mal laut und gestenreich zaubert er das gesamte Personal von Jules Vernes’ Geschichte auf die Bühne und erzählt noch dazu auf amüsante, äußerst unterhaltsame Art und Weise die Handlung. Eine Ein-Mann-Show, die besser nicht hätte sein können.

Doch worum geht es in der Science-Fiction-Geschichte »Von der Erde zum Mond« überhaupt? Nach dem Ende des amerikanischen Bürgerkriegs hat die Veteranen des Kanonclubs in Baltimore die Langeweile übermannt. Tatenlos sitzen sie vor dem Kamin, schwelgen in längst vergangener Zeit und planen Kanonen, die keiner mehr braucht. Doch Präsident Barbicane reißt mit seiner bahnbrechenden Idee alle aus der Lethargie: Das Nachtgestirn will er erobern. Amerika ist in Aufbruchstimmung, der Mond wird zur Mode. Es wird gerechnet und gezählt, geplant und nach dem richtigen Material und dem perfekten Startplatz gesucht. Und dann schließlich, nach einer weltweiten Spendenaktion, steht das Unternehmen »Mondreise«. Die Vorbereitungen für den Abschuss der Kanone in der Nähe von Tampa Town in Florida gehen weiter. 1200 Öfen werden gebaut, Schießbaumwolle aufgeschichtet. Bis eine Eilmeldung Barbicane und seine Gefolgsleute erschüttert. »Ersetzt kugelförmiges Geschoss durch zylindrisch-konisches Projektil. Will darin reisen«, schreibt der wagemutige Franzose Michel Ardan.

Ein einziger Amerikaner leugnet dreist die Möglichkeit des Erfolgs: Kapitän Nicholl. Seine Wette, dass das Vorhaben nie gelingen kann, wird offiziell angenommen.

Damit keiner schummeln kann, überredet Ardan die beiden Kontrahenten mitzufliegen. Nach langjährigen Vorbereitungen besteigen die Raumfahrer vor einer unübersehbaren Zuschauermenge das Mondfahrzeug, ein Mittelding zwischen Hohlgranate und plüschbezogenem Eisenbahnwaggon. 97 Stunden und 20 Minuten nach der Startexplosion wollen sie auf dem Mond landen. Aber alles kommt anders als geplant.

Auf der Bühne zucken Lichtblitze, Rufus Beck taumelt, hält sich die Augen, denn »eine übermenschliche Explosion« erschüttert nach dem Zünden Amerika. Bäume werden entwurzelt, Schiffe schwanken und Tausende werden mit Taubheit, Blindheit und Entsetzen geschlagen. Und dann kommt das lähmende Warten, bis die Wolken die Sicht wieder freigeben. Schnell wird klar: Das Unternehmen ist gescheitert. Ein gewaltiger Meteorit hat das Projektil aus der Bahn geschleudert, und die Raumfahrer verfehlten ihr Ziel. Sie gerieten in den Gravitationsbereich des Mondes, um den sie nun als neues Gestirn mit rasender Geschwindigkeit kreisen.

Doch trotz Misserfolg im Roman: Der Abend im Kulturforum war das ganze Gegenteil. Spannend, unterhaltsam, komisch und lehrreich, so präsentierte Rufus Beck, der auch für Konzept, Regie und technische Umsetzung verantwortlich zeichnete, den Jules-Vernes-Klassiker. Das Publikum bedankte sich mit viel Applaus, Rufus Beck wiederum revanchierte sich mit seinem Lieblingswitz als Zugabe. Janine Stavenow



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