04. Juni 2008, 16:38 Uhr

Kirchenmusik in Vollendung

Bad Vilbel. Eigentlich passte alles so herrlich zusammen, ein sommerlicher Sonntag ging seinem milden Ende entgegen, ein großer Kirchenraum bot genügend Platz für viele Zuhörer, und zwei großartige Künstler schickten sich an, ein schönes Konzert zu geben: die Sopranistin Therese Glaubitz und Thomas Wilhelm, der als einer der besten Organisten Deutschlands gilt, warteten in der St. Nikolauskirche auf ein zahlreiches Publikum.
04. Juni 2008, 16:38 Uhr
Therese Glaubitz und Thomas Wilhelm nehmen nach ihrem Konzert gemeinsam den Applaus des Publikums entgegen. (Foto: Hennig)

Doch offenbar hatten sie die Rechnung buchstäblich ohne den Wirt gemacht. Der Gemeindeverwaltung müssen bei der Organisation ärgerliche Fehler unterlaufen sein: Ungenaue Angaben über die Anfangszeit und die Tatsache, dass man im benachbarten Gemeindehaus eine weitere Veranstaltung zur selben Zeit angesetzt hatte, sorgten jedenfalls für eine geringe Besucherzahl; ganze dreißig interessierte Zuhörer waren erschienen, und das bei solch anspruchsvollem Programmangebot und dazu freiem Eintritt. Doch die erlebten ein wunderbares Konzert, das sie gewiss so schnell nicht vergessen werden.

Die heitere Tapferkeit der beiden Solisten angesichts der gähnend leeren Kirchenbänke verdiente schon von vornherein Anerkennung, und erst recht die hohe musikalische und künstlerische Qualität ihrer Darbietungen. Wilhelm, Hausorganist von St. Nikolaus, dem man offenbar einen großen Gleichmut zutraute, eröffnete das Konzert mit der »Fantasia super« von Johann Sebastian Bach (1685-1750).
Wilhelm, 1978 geboren, studierte nach seinem Abitur von 1998 an in Frankfurt an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Kirchenmusik, Orgel und Cembalo und schloss sein Studium mit dem evangelischen und dem katholischen A-Diplom ab. Dass es zwei konfessionell unterschiedliche Musikdiplome gibt, hat mit der historischen Entwicklung der Ausbildung zu tun, und nicht mit der Annahme, es gäbe etwa eine katholische und eine evangelische Musik. Er ist Orgelsachverständiger der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau und unterrichtet an der Hochschule für Kirchenmusik in Heidelberg das Fach Orgelkunde; nebenbei bereitet er seine Promotion vor.

Glaubitz wurde in Freiburg geboren und wuchs in Belgien auf, wo sie anfangs ihre musikalische Ausbildung erhielt. Ihr Studium schloss sie 2005 an der Frankfurter Musikhochschule ab. Inzwischen hat sie bei nationalen und internationalen Auftritten reichlich künstlerische Erfahrung gesammelt.

Die beiden Solisten vermittelten mit ihrer sowohl technisch perfekten als auch künstlerisch höchst anspruchsvollen Interpretation eine wunderbare Darstellung davon, was Kirchenmusik in Vollendung ist. Nach dem Orgelvorspiel zu Beginn des Konzertes brachten sie Arien und Choräle aus Georg Christian Schemellis »Musicalischem Gesang-Buch« von 1736 und Orgelchoräle aus dem »Orgelbüchlein« von Johann Sebastian Bach zu Gehör; darunter auch »Komm, Gott Schöpfer, Heiliger Geist« (BWV 631) und »Heut triumphieret Gottes Sohn« (BWV 630). Von der Empore aus schwebte die reine, helle Stimme durch den Kirchenraum: »Kommt, Seelen, dieser Tage«, »Jesus unser Trost und Leben« und nach einem Text von Simon Dach (1605-1659), dem Schöpfer des »Ännchen von Tharau«, das Lied »Ich bin ja, Herr, in deiner Macht«.

Nach zwei Gesängen zum Lob der Gottesmutter, »Salve Regina« von Matthias Crudeli (18. Jh. ) und »Ave Maria« von Luigi Luzzi (1824-1876), die Therese Glaubitz vortrug, spielte Thomas Wilhelm die Weise »O Gott, du frommer Gott« von Sigfrid Karg-Elert (1877-1933), der auch ein Lied vom »Abendstern« komponiert hat, das die Sopranistin als nächstes sang, und mit »Schmücke dich, o liebe Seele«, auch von Karg-Elert, neigte sich das Programm bereits dem Ende zu.

Es erklangen noch drei Psalmen, vertont von dem irischen Komponisten Charles Villiers Stanford (1852-1924) unter der Bezeichnung »Bible Songs« op. 113, wobei Psalm 121 den Titel trug »A Song of Trust«, Psalm 124 den Titel »A Song of Battle« und schließlich Psalm 130 den Titel »A Song of Hope«.

Damit verabschiedete sich die hervorragende Künstlerin von ihrem dankbaren kleinen Publikum. Wilhelm wird mit seiner großen Kunst der Gemeinde hoffentlich weiterhin unverdrossen dienen und verschmerzen, was man ihm an diesem Sonntagabend – wohl wirklich unabsichtlich – angetan hat. Jo Hennig

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