Bad Vilbel

Viele Informationen, wenig Emotionen

Bad Vilbel (pe). Bei einigen Bürgern herrscht Unmut über die Flüchtlingspolitik. Sie sind eher generell unsicher, andere wiederum haben konkrete Kritik, etwa aus der Huizener Straße, weil auf dem Parkplatz am Sportgelände Container für rund 60 Flüchtlinge aufgestellt werden sollen. Im Laufe des Abends zeigte sich im mit rund 400 Bürgern voll besetzten Kulturforum Dortelweil aber: Es waren auch die anderen im Saal.
18. Januar 2016, 10:43 Uhr
3b LOK BVK 551 - B_115131_2
Voll besetzt ist das Kulturforum Dortelweil bei der Bürgerinformationsveranstaltung zur Bad Vilbeler Flüchtlingspolitik. (Foto: pe)

Diejenigen, die für das stehen, was man unter Willkommenskultur zusammenfasst und die sich aktiv in der Flüchtlingshilfe engagieren.

Trotz des emotionalen Themas, das derzeit die Nation bewegt, verlief der Abend aber ruhig. Wer nach den Gründen sucht, wird bei Stadtverordnetenvorsteher Herbert Anders fündig, der diese Veranstaltung organisieren musste, weil es die Stadtverordnetenversammlung einstimmig gefordert hatte. Er hatte auf dem Podium einige Beteiligte versammelt, die berichteten. Bürgermeister Dr. Thomas Stöhr, Stadträtin Heike Freund-Hahn, Erster Kreisbeigeordneter Helmut Betschel, Susanne Förster, die bei der Stadt für die Flüchtlingsunterbringung zuständig ist, auch der Leiter der Stabsstelle Asyl bei der Landesregierung, Stefan Sydow, saß dort. Und nicht zuletzt Angelika Ungerer, die Vorsitzende des erst Ende November gegründeten Vereins »Flüchtlingshilfe – Willkommen in Bad Vilbel«.

Bei so vielen Rednern vergingen zwei Stunden, bis die Bürger das Wort hatten. Die Vorträge der Redner verliefen ohne Zwischenrufe, und auch hinterher, nach einer Flut von Zahlen und Fakten zur Flüchtlingspolitik auf allen Ebenen, lief der weitere Abend ohne Kontroversen ab. Und hier kam wieder der Stadtverordnetenvorsteher ins Spiel: Anders wies zu Beginn der Bürgerfragerunde darauf hin: »Wir wollen und können keine Grundsatzdebatte über die Flüchtlingspolitik der Bundesregierung führen.« Und ein Letztes trug dazu bei, dass die Veranstaltung sachlich ablief und denjenigen, die mit Wut im Bauch gekommen waren, die Spitze genommen wurde. Flüchtling Yassem wurde von Ungerer ans Mikrofon gerufen und verurteilte die Vorgänge vom Silvesterabend in Köln. »Dieses Verbrechen entspricht nicht unseren Werten«, sagte der Moslem, erst auf Deutsch, dann auf Arabisch.

Stöhr: Wir haben keine Wahl

Es würde gewiss den Rahmen sprengen, wollte man alle Daten und Fakten aufzählen, die von den Rednern genannt wurden. Betschel etwa zeigte auf, wie die Zahl der dem Kreis zugewiesenen Flüchtlinge seit 2007 von ganzen 17 bis auf 2600 Ende des Jahres 2015 nach oben ging. Sie alle seien untergebracht worden. »Ohne die Unterstützung der Städte und Gemeinden hätten wir das nicht erreichen können.« Sydow zeigte ebenfalls viele Zahlen auf: Einst habe Hessen nur ganze vier Flüchtlingseinrichtungen gehabt, heute seien es 37 an 80 Standorten. Der Zustrom sei eine gewaltige Herausforderung. Er habe die Aufgabe angetragen bekommen, »die Prozesse so zu steuern, dass wir Obdachlosigkeit vermeiden«. Er zeigte auch auf, wie man teils unbürokratisch vorgegangen sei, etwa um die medizinische Erstuntersuchung der Menschen zu organisieren.

Ungerer informierte darüber, dass die Flüchtlingshilfe Bad Vilbel bereits über 100 Mitglieder habe. Er arbeite auf vielen Säulen, wie etwa Arbeit und Ausbildung, Deutschkurse, Fahrräder, Gesundheit, Hauspaten, kulturelle Fortbildung, Kindergärten, Spenden und Wohnen. Man suche noch Mitstreiter, da die Integration der Flüchtlinge eine gewaltige Herausforderung sei.

Zwei Leser aus der Huizener Straße, die bereits ihre Bedenken bezüglich der geplanten Container am Sportplatz geäußert hatten, trugen diese auch bei der Versammlung vor. Dazu sagte Stöhr, die Stadt habe nicht mehr viele Möglichkeiten, Flüchtlinge unterzubringen. Bevor man aber eine der beiden Turnhallen des Schulzentrums schließe, wolle man lieber die Container aufstellen. Der Festplatz sei keine Alternative, da man dort langfristig Verträge habe. Die Auswahl für diesen Standort sei aber nicht willkürlich getroffen worden.

Auf entsprechende Anfrage antwortete Stöhr auch, dass es seitens der Stadt »keine Zwangseinweisungen« von Flüchtlingen in Privatwohnungen geben werde.

Stöhr, der auch Vizepräsident des Hessischen Städte- und Gemeindebundes ist, sagte, man fordere vom Land Unterstützung und »dass die Kapazitäten der Flüchtlingszuweisung zurückgefahren werden müssen«. Das konnte Sydow zwar nicht versprechen, allerdings werde man die Kommunen mit
25 Millionen Euro zusätzlich unterstützen.

Artikel: https://www.giessener-allgemeine.de/regional/wetteraukreis/bad-vilbel/art550,108912

© Giessener Allgemeine Zeitung 2016. Alle Rechte vorbehalten. Wiederverwertung nur mit vorheriger schriftlicher Genehmigung