30. Dezember 2014, 20:43 Uhr

»Christen wurden erschossen«

Wetteraukreis (hed/prw). Der Flüchtling als Sozialschmarotzer. Asylbewerber, die für eine Islamisierung Deutschlands sorgen. Mit solch unbegründeten Ängsten und Vorurteilen gehen Protestbewegungen wie Pegida oder die AfD auf Stimmenfang. Einer, der sein Leben selbst in die Hand nehmen möchte, ist Tarek Alnakoula.
30. Dezember 2014, 20:43 Uhr
Möchte dem Staat nicht auf der Tasche liegen: Tarek Alnakoula. (Foto: prw)

Alnakoula, 28 Jahre alt, stammt aus Syrien. Jetzt lebt er in Bad Nauheim. Nach einem Medizinstudium in Damaskus hat er die Facharztausbildung zum Kardiologen begonnen. Dann floh er aus seiner Heimat. »Als Christ habe ich keine Zukunft mehr gesehen. Meine Familie, meine Eltern, mein Bruder, leben noch in Damaskus, aber es wird immer schwieriger in dem Land«, sagt Alnakoula. Vor allem dort, wo die fundamentalistischen Rebellen die Macht übernähmen, werde es gefährlich. »Bewaffnete Jugendliche kamen in unser Krankenhaus. Wenn jemand in Verdacht stand, für die Regierung zu arbeiten oder Christ zu sein, wurde er ohne große Umstände erschossen.« Alnakoula hatte Glück. Von seiner Religionszugehörigkeit wussten die Angreifer nichts.

Über den Libanon, die Türkei, Griechenland, Italien und Frankreich ist Tarek Alnakoula nach Deutschland gekommen. »Das war von Anfang an mein Ziel, ich habe Freunde hier und glaube, dass ich als Mediziner gute Chancen in Deutschland habe.« Nach einem Jahr intensiven Lernens spricht der Syrer nahezu fließend Deutsch. Jetzt fehlt ihm nur noch ein weiterer Sprachkurs mit entsprechender Zertifizierung, um die Zulassung als Mediziner zu bekommen. »Ich will als Kardiologe im Krankenhaus arbeiten.« Ein Praktikum hat er mittlerweile schon in einer Bad Nauheimer Klinik absolviert. Dort wurde ihm auch eine Stelle in Aussicht gestellt.

Der Alltag als Flüchtling gestaltet sich schwierig. »Ich habe viel freie Zeit und würde so gerne arbeiten, aber das ist leider noch nicht möglich.« Der 28-Jährige bedauert, dass er nach seinem letzten Sprachtest nicht den nächsten Kurs direkt anschließen konnte. Kurzfristige Behördentermine, um endlich den ersehnten Abschlusskurs zu machen, habe er keine bekommen. Die Gesetze in Deutschland seien gut, aber manchmal wünsche er sich etwas mehr Flexibilität, sagt Alnakoula. Manch einer gehe seinen Weg durch die Sprachkurse langsam und bedächtig, der andere eben schneller.

Bibelstunde mit Seniorin

Die zwangsläufige Freizeit nutzt der Syrer für etwas Sinnvolles. So besucht er regelmäßig eine Seniorin, liest mit ihr die Bibel und spricht Deutsch. In der Kirchengemeinde in Butzbach hat er Freunde gefunden. Hier lebte er für fünf Monate, nachdem er das Erstaufnahmelager in Gießen verlassen konnte. Mit einem Landsmann wohnt Alnakoula mittlerweile in einer kleinen Wohnung in Bad Nauheim. Wenn alles gut läuft, könnte Tarek Alnakoula schon im Sommer seine Zulassung bekommen und die ersehnte Stelle in der Klinik antreten.

Die FAB (Frauen, Arbeit, Bildung) in Friedberg bietet sogenannte Integrationskurse für Asylbewerber mit Anerkennungsstatus an. Die Kurse umfassen 600 Stunden und vermitteln nicht nur Sprachkenntnisse, sondern auch Kenntnisse über das Leben in Deutschland. Am Ende der Kurse haben die Teilnehmer die Voraussetzung für die Einbürgerung in Deutschland.



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