Bad Nauheim

20 Jahre Notmütter: Rührende Briefe als Motivationsmotor

Bad Nauheim (cor). Ob Schwangerschaftsbeschwerden, gebrochenes Bein oder Klinikaufenthalt: Die Notmütter kommen und helfen, wenn der betreuende Elternteil erkrankt und die Versorgung der Kinder nicht gewährleistet ist. Im Mai 1994 wurde der Notmütterruf als Unterstützungsangebot für Familien im Wetteraukreis ins Leben gerufen.
08. Oktober 2014, 14:48 Uhr
Notmutter Sabine Nehiba bei einem ihrer Einsätze.
Notmutter Sabine Nehiba bei einem ihrer Einsätze.

Seit zwei Jahrzehnten ist er damit eines der vielfältigen Dienstleistungsangebote im Mütter- und Familienzentrum (Müfaz) Bad Nauheim. In über 1150 Einsätzen haben die Notmütter in dieser Zeit Familien in einer Notlage unterstützt. Jetzt feiern die Notmütter ihr 20-jähriges Bestehen.

Ulrike Strangmann ist von Anfang an dabei, koordiniert die Einsätze der Notmütter, kümmert sich um Bürokratie und Beratung, verhandelt mit Krankenkassen und erledigt die Öffentlichkeitsarbeit. Gut zehn Notmütter arbeiten derzeit aktiv für den Dienst, sei es in Teilzeit, als Minijobber oder ehrenamtlich. Die Idee, einen Notmütterruf anzubieten, sei 1993 entstanden, damals noch in der Alten Feuerwache, erinnert sich Strangmann. Vor 20 Jahren gab es noch wenige Angebote an Mini-Kindergärten, eine Gruppe von Frauen traf sich, erst kurz zuvor hatte sich das Müfaz gegründet.

Eine der Mütter erkrankte, musste in die Klinik. Verzweifelt suchte die Frau nach einer Haushaltshilfe – vergeblich. Organisationen zur Vermittlung gab es zu jener Zeit nicht. Einige Mütter und Väter schlossen sich deshalb zusammen. »Was wir brauchen, organisieren wir selbst«, habe sich die Gruppe um Ursula Francke und Ulrike Schneider-Krautwurst motiviert. Es wurde nach Angeboten in anderen Städten gesucht. Bereits ein Jahr darauf, 1994, erfolgte der erste Einsatz, zu jener Zeit noch ehrenamtlich. »Das Ganze wurde dann zunehmend professionell«, sagt Strangmann, die durch Tätigkeiten im Sozialbereich viel Erfahrung mitbrachte. Verträge mit dem VDEK (Verband der Ersatzkassen) wurden erstellt, es gab finanzielle Hilfe von der Willy-Pitzer-Stiftung, die zehn Jahre lang fortgesetzt wurde.

Somit konnte den Notmüttern ein Stundensatz von 15 D-Mark gezahlt werden. Dieses Modell funktionierte bis 2004, der Stundensatz wurde zwischenzeitlich auf 13,30 Euro angehoben. Allerdings gab es nun auch fest angestellte Mitarbeiter und Fortbildungen, die bezahlt werden mussten. Der Notmütterruf musste ab 2008 den Stundensatz auf 19,30 Euro erhöhen. Schließlich wurde der Vertrag mit dem VDEK gekündigt, da sich Kassen zurückzogen. Bis heute hält sich dieser Satz, die Kooperation mit einzelnen Kassen funktioniere. »Das ist aber von Kasse zu Kasse verschieden«, erklärt Strangmann. Teilweise müssten Familien einen Teil der Kosten selber tragen. Durch private Spenden versucht der Notmütterruf, zusätzliche Kosten aufzufangen. Das Angebot soll bezahlbar bleiben, auch für sozial schwache Familien.

Mutter stirbt an Krebs

Fortbildungen sind enorm wichtig. Die Einsätze der Notmütter können oft kritisch verlaufen und belastend sein. Gefragt sei vor allem viel Feingefühl. Die Notmütter lernen bei ihren Vorbereitungen, sich mit Professionalität auf unterschiedliche Familien und Bedürfnisse einzustellen. Zudem übernehmen sie die hauswirtschaftliche Versorgung wie Kochen, Putzen und Wäschewaschen.

Oft verbergen sich hinter den Einsätzen tragische Schicksale. Strangmann erinnert sich an viele berührende Fälle. »Als eine Notmutter ihren Einsatz begann, war eine Mutter an Krebs erkrankt«, erzählt sie. »Sie starb schließlich, ihr Kind wurde von uns so lange weiter betreut bis eine dauerhafte Lösung gefunden werden konnte.« In einem anderen Fall wurde eine alleinerziehende Mutter mit sieben Kindern zwei Jahre lang durch begleitet. »Die Familien wachsen einem dann schon ans Herz.« Auch mit psychisch Erkrankten komme der Notmütterruf in Berührung. Gerade hier sei es wichtig, betroffene Kinder ein Stück weit aufzufangen.

Nicht selten erhalten die Notmütter etwas zurück, sei es ein Dankeschön oder rührende Briefe. Manche Kontakte bleiben auch nach der Betreuungszeit bestehen. Für die Mitarbeiterinnen ein Motivationsmotor.

Ulrike Strangmann möchte das Jubiläum nutzen, um auf das Netzwerk »Frühe Hilfen« aufmerksam zu machen. Das Müfaz ist Teil des Wetterauer Netzwerks. Es sei wichtig, überforderten Eltern frühzeitig Entlastung zu bieten. »Nur wenn man früh ansetzt, lassen sich Spätfolgen verhindern.«

Artikel: https://www.giessener-allgemeine.de/regional/wetteraukreis/bad-nauheim/art549,95533

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