13. Juni 2014, 15:38 Uhr

Reha einmal anders: VW Golf als Therapiegerät

Bad Nauheim (vpf). Nicht schrottreif, aber ohne Motor. So steht ein VW Golf im Garten der Kurpark-Klinik Bad Nauheim. Was das soll? Das Auto dient als Therapiegerät. Patienten mit schweren Beingelenk-OPs lernen, wie sie im Alltag Auto fahren, ohne den Behandlungserfolg zu gefährden.
13. Juni 2014, 15:38 Uhr
Eduard Willekin lässt sich von Physiotherapeutin Dina Witzel zeigen, wie das Einsteigen mit dem neuen Knie funktioniert. (Foto: Valerie Pfitzner)

Ergotherapeutin Nicole Mittelstaedt ist mit ihrer Patientin Petra Müller auf dem Weg in den Therapiegarten der Kurpark-Klinik. Die 45-Jährige hat eine Knochen-Knorpel-Transplantation vom Knie ins Fußgelenk hinter sich, ist zur Rehabilitation in der Klinik und hat einen straffen Behandlungsplan, um möglichst schnell wieder auf die Beine zu kommen.

Das Therapiegerät der heutigen Stunde ist jedoch ein etwas anderes – im Garten der Kurpark-Klinik steht nämlich seit kurzem ein auf Hochglanz polierter und komplett ausgestatteter VW Golf 7. Der Clou: Bei dem schicken Neuwagen handelt es sich um ein Trainingsfahrzeug, um Patienten die Rückkehr in die Mobilität zu erleichtern – es hat keinen Motor. Patientin Petra Müller ist begeistert: »Na, der ist aber mal richtig schick. Da können Sie aber froh sein, dass kein Motor drin ist, sonst würde ich direkt losdüsen.«

Bordcomputer piepst: Motorprobleme

Ihre Begeisterung muss die 45-jährige Siegenerin aber noch einmal bremsen, schließlich ist der Golf ein Therapiegerät. Ergotherapeutin Nicole Mittelstaedt erklärt der Patientin zunächst ganz genau, wie sie sich ins Auto setzen soll: »Die Beine Stück für Stück langsam rein«, warnt sie die frisch Operierte. »Besonders wichtig ist, die richtige Sitzposition einzustellen. Die Haltung der Beine muss knieschonend, der Fuß möglichst wenig belastet sein.«

Müller hält sich an alle Anweisungen der Ergotherapeutin – neugierig ist sie trotzdem ein bisschen und steckt kurzerhand den Schlüssel ins Schloss. Sofort blinken alle Lichter auf und aus dem Radio ertönt sanfte Klaviermusik. »Cool« ruft Petra Müller, »nur das Piepsen nervt ein bisschen.« Der Grund ist schnell gefunden: Der Bord-Computer zeigt Probleme mit dem Motor an, der Wagen müsse dringend in die Werkstatt. »Na, die würden sich da aber wundern«, lacht Nicole Mittelstaedt.

Nach vier Wochen Aufenthalt in der Reha-Klinik testet Patientin Petra Müller erstmals wieder die sonst so selbstverständlichen Bewegungsabläufe beim Autofahren und ist überrascht: »Wenn ich auf das Bremspedal trete, fühlt es sich schon anders an. Ich kann den Fuß noch nicht so knicken, wie ich es müsste.«

Alltägliches fällt schwer

Genau für Erkenntnisse wie diese wurde das Fahrzeug angeschafft. Denn die Zielsetzung der Kurpark-Klinik ist es, »den Patienten in lebensnahen Situationen den Weg zurück zur selbstständigen Mobilität zu ermöglichen«, wie Verwaltungsdirektor Thomas Steger dazu ausführt, und zwar im Rahmen der medizinisch orientierten Rehabilitation.

Die Idee dazu kam Direktor Steger im täglichen Umgang mit den Patienten der Kurpark-Klinik. »Wenn Sie zum Beispiel einen Hüftpatienten eine Weile beobachten, fällt auf: Es sind die alltäglichen Dinge, die schwerfallen.« Alltägliche Dinge wie das Auto fahren, dachte sich der Verwaltungsdirektor.

Kurzerhand setzte er sich mit dem VW-Konzern in Wolfsburg in Verbindung. Dort war man begeistert von der Idee und wollte die Bad Nauheimer Klinik gerne unterstützen. Nach zweijähriger Planungsphase und Umbauarbeiten am Fahrzeug war es schließlich so weit: Tobias Heilmann vom VW-Konzern, im Unternehmen zuständig für die »Fahrhilfefahrzeuge«, reiste aus Wolfsburg an, um der Klinik die Schlüssel zu überreichen.

Auch der 66-jährige Eduard Willekin testet mit seiner Physiotherapeutin Dina Witzel gleich mal das ungewöhnliche Übungsgerät. Grundsätzlich finde er die Idee super, es gebe nur ein Problem an der Sache: »Ich fahr sonst nur BMW«, lacht der Aachener. Obwohl Willekin schon große Fortschritte gemacht hat, nachdem er vor vier Wochen ein neues Kniegelenk bekommen hatte, nimmt sich die Physiotherapeutin viel Zeit, um ihrem Patienten die richtige Bewegungsabfolge zu erklären.

»Das ist jetzt meiner«

»Das Problem sind nämlich vor allem unbedachte Bewegungen: Wenn man jahrzehntelang tagtäglich im Auto gesessen hat, denkt man nicht mehr über die einzelnen Bewegungsabläufe nach, gerade diese können für frisch Operierte aber ein Risiko darstellen«, sagt Dina Witzel. »Und jetzt hopp, die Beine einmal en bloc ins Auto«, weist sie den 66-jährigen Rehapatienten an, der das Auto gleich mal von innen inspiziert und es eigentlich doch nicht mehr so schlimm findet.

Petra Müller, die kurz vorher am Steuer gesessen hatte, ist ganz in der Nähe geblieben und schafft schnell klare Verhältnisse. »Ich finde den so toll, das ist jetzt meiner«, lacht die 45-Jährige. Beide Patienten sind begeistert von der neuen Therapieform, Petra Müller ist froh, bei der Trockenübung das Autofahren schon einmal trainieren zu können.

»Man merkt erst, was man für Schwierigkeiten hat, wenn man tatsächlich im Auto sitzt.« So könne man die Therapiesitzungen individuell auf die auftretenden Schwierigkeiten des einzelnen Patienten abstimmen, wie Nicole Mittlelstaedt erklärt. Auf diese Weise könne die Kurpark-Klinik einen großen Beitrag dazu leisten, ihre Patienten fit und mobil in den Alltag zu entlassen. Eduard Willekin findet das super: »Das ist einfach eine tolle Sache.«

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