30. Dezember 2013, 16:18 Uhr

Herbert Krolziks langer Atem

Bad Nauheim (cor). Jugendstil, Forum der Jugend, Seniorenclub, Altenselbsthilfe oder Betriebsrat – in vielen Vereinen und Institutionen ist der Bad Nauheimer Herbert Krolzik aktiv. Besonders erwähnenswert: Der 87-Jährige engagiert sich seit Jahren für die Unterstützung des Künstlernachwuchses in der Region, hat sich bereits während seines Berufslebens für junge Menschen stark gemacht.
30. Dezember 2013, 16:18 Uhr
Bei Konzerten geht der ausgebildete Tenor Herbert Krolzik gerne mal selbst auf die Bühne – hier mit Gesangsdozentin Beate Doliwa für das »Forum der Jugend«. (Archivfoto: cor)

Herbert Krolzik gehört zu jenen, die nicht Nein sagen können, doch sein ehrenamtlicher Einsatz bereitet ihm viel Freude. 2004 erhielt der rüstige Senior die Verdienstmedaille der Bundesrepublik Deutschland, 2010 folgte der Deutsche Bürgerpreis.

Herbert Krolzik sitzt vor mehreren Aktenordnern. Darin befinden sich zahlreiche Artikel, Schreiben und Erinnerungen, die seinen Werdegang dokumentieren. Geboren wurde Krolzik in Kleinkoslau in Ostpreußen. Nach dem Schulabschluss und einer kaufmännischen Ausbildung leistete der Handlungsgehilfe seinen Arbeits- und Wehrdienst. 1945 geriet er in der Sowjetunion in Kriegsgefangenschaft, hatte allerdings das Glück, bereits 1946 entlassen zu werden. Bis 1959 nahm Krolzik verschiedene Hilfsarbeiten an, absolvierte parallel sein Gesangsstudium bei Prof. Willi Jaeger sowie Dozenten in Frankfurt und Friedberg. Komponist Jaeger habe wie kein anderer die Musikszene in Bad Nauheim bestimmt, so sein erster Schüler Herbert Krolzik heute. Yvonne Grolik, letzte Schülerin Jaegers, verfasste eine Biografie über den Komponisten.

Lehrlingsausbilder

Während seiner Studienzeit heiratete Herbert Krolzik, aus der Ehe mit seiner Frau Waltraud gingen zwei Töchter hervor. »2014 sind wir 60 Jahre verheiratet«, sagt er stolz. 1959 nahm er eine Beschäftigung bei der Firma Zimmer an, trat fünf Jahre später der IG Metall bei. Bis 1990 war Krolzik in den Fachbereichen Bau, Forschung und Entwicklung tätig. In dieser Zeit übernahm er mehrere ehrenamtliche Aufgaben, war freigestellter Betriebsrat und SPD-Mitglied. Nebenbei engagierte er sich in diversen Arbeitsausschüssen, unter anderem für Jugend und Soziales oder Personal und Sicherheit.

Als Mitglied der Rosbacher SPD organisierte er mehr als 15 Kinderweihnachtsfeiern, engagierte sich darüber hinaus für die Rosbacher Jugend. Außerdem übernahm Krolzik die Funktion eines ehrenamtlichen Richters am Arbeitsgericht Frankfurt. Auch als Ausbildungsleiter der Zimmer AG hatte er engen Kontakt zur Jugend. Schon früh bildete er seine ersten Lehrlinge aus, darunter einen Gehörlosen. Der junge Mann kam aus Essen, fand aufgrund seiner Behinderung keine Lehrstelle. Herbert Krolzik nahm den Azubi unter seine Fittiche. »Meine Tochter arbeitete als Gehörlosenlehrerin, so habe ich manches mitbekommen«, sagt er. Seine Gesangsausbildung sei bei der Kommunikation mit dem Auszubildenden von Vorteil gewesen. »Der junge Mann konnte von den Lippen ablesen.« Doch kurz vor der Prüfung sei ein Problem aufgetreten. »Er sollte genauso wie alle anderen geprüft werden, es gab keine Gehörlosen-Kommission.« Krolzik setzte sich mit der Industrie- und Handelskammer in Verbindung und erhielt eine erstaunliche Rückmeldung. »Ich sollte zum Prüfer ernannt werden.« Auch in diesem Fall sagte er zu. »Ich habe ihn geprüft, er hat bestanden.« Heute arbeitet sein ehemaliger Lehrling als Datenverarbeitungsfachmann.

Krolzik ging 1990 in den Ruhestand. Ruhig wurde es in seinem Leben allerdings nicht. 1995 zählte er zu den Gründungsmitgliedern des Fördervereins der Kurstadt Bad Nauheim, ab 1998 war er im Jugendstilverein aktiv. Kurz darauf folgten Mitgliedschaften und Vorstandsaufgaben im Seniorenclub und bei der Altenselbsthilfe. Aus einer der Mitgliedschaften entstand die Idee zum Forum der Jugend. 2005 gründete Krolzik schließlich den Verein, um dem Nachwuchs eine Plattform zur Präsentation zu bieten. Die Konzerte des Forums helfen jungen Musikern bei der Entwicklung ihres Selbstbewusstseins, sie sammeln wichtige Erfahrungen in Sachen Bühnenpräsenz. Im Frühling und Herbst lädt das Forum um den Vorsitzenden Krolzik zu Konzerten in die Erika-Pitzer-Begegnungsstätte ein. Unterstützt wird die Veranstaltung von etwa 25 Mitgliedern, darunter Gesangsdozentin Beate Doliwa und Irina Mints, Leiterin der gleichnamigen Musikschule in Friedberg.

Lebensaufgabe Ehrenamt

Dass sein Engagement den Menschen lange in Erinnerung bleibt, zeigt eine Anekdote aus dem Jahr 2003. »Ich war gerade im Urlaub, erhielt einen Anruf meiner Tochter.« Er solle doch bitte einen Lebenslauf verfassen – ohne zu fragen wofür. »Als Rentner bewerbe ich mich doch nicht mehr«, habe er geantwortet. Doch Krolzik tat, was die Tochter verlangte. Am 12. Januar 2004 erhielt der Bad Nauheimer Post vom Kreisbeigeordneten Bardo Bayer. Auf Vorschlag des Hessischen Ministerpräsidenten hatte der damalige Bundespräsident Johannes Rau Herbert Krolzik die Verdienstmedaille der Bundesrepublik verliehen. Diese bekam Krolzik zwei Wochen später in einer Feierstunde im Rathaus überreicht. Hier erfuhr er, wer den Stein ins Rollen gebracht hatte: »Der Vater meines gehörlosen Lehrlings.« 2010 folgte der Anerkennungspreis des Deutschen Bürgerpreises.

Krolzik zeigt eine Karte, auf der sich zwölf Azubis verewigt haben. »Meine ersten Lehrlinge«, sagt er und verdrückt eine Träne. »Lernen muss auch Freude sein, haben Sie uns gelehrt«, steht auf der Karte geschrieben. »Und es kann auch lustig sein«, lacht Krolzik. Das ist sicherlich eine Motivation für ehrenamtliches Engagement: Freude an der Tätigkeit, einfach für andere da sein, den Nachwuchs unterstützen. Herbert Krolzik hat sich dies zu einer Lebensaufgabe gemacht.

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