09. Juli 2013, 13:08 Uhr

Bernstein-Museum: Flaschenpost aus dem Jenseits

Bad Nauheim (hau). Die Urspinne scheint auf Beutejagd zu sein. Dass sie seit Millionen von Jahren gefangen ist in ihrem »gläsernen Sarg«, sieht man dem Achtbeiner nicht an. Ihm erging es wie unzähligen Tieren und Pflanzen: Er verfing sich im Baumharz, wurde konserviert für die Ewigkeit. Schon ewig sammelt Helmut Fleißner Fossilien, seit 40 Jahren auch Bernstein. Diese Leidenschaft teilt er mit Ehefrau Brigitte. Jetzt baut das Paar ein Bernstein-Museum.
09. Juli 2013, 13:08 Uhr
Helmut und Brigitte Fleißner können sich immer aufs Neue für Bernstein begeistern.

Tausende solcher Bernstein-Einschlüsse (Inklusen) wie die Urspinne haben die Fleißners aus aller Welt zusammengetragen. Rüsselkäfer, Nachtfalter, Termiten und Läuse geben sich in ihren glatt geschliffenen, honiggelben »Zeitkapseln« ein eindrucksvolles Stelldichein mit Zweigen, Blüten und Blättern. »Diese Blüte am Stängel ist eine Rarität«, erklärt Fleißner. Überhaupt seien pflanzliche Inklusen viel seltener als tierische.

»Unter tausend Bernsteinen findet man einen mit einem Einschluss, und unter tausend Inklusen gibt es vielleicht eine pflanzliche«, berichtet der Fachmann. Die Wahrscheinlichkeit stehe eins zu einer Million, selbst solche Bernsteine zu finden. Er sei zwar an vielen der berühmten Fundorte wie dem Baltikum oder der Dominikanischen Republik gewesen. »Die meisten Sammlerstücke habe ich aber gekauft.«

Vor vielen Jahren sei die Idee entstanden, die faszinierenden »Tränen der Götter«, wie schon die Griechen den Bernstein nannten, nicht länger alleine zu bewundern, erzählen Helmut und Brigitte Fleißner. Pläne zum etwas anderen Bernstein-Museum reiften. Das paläontologische Interesse, gepaart mit Brigitte Fleißners Bernstein-Erfahrung als Goldschmiedin, ihr feines Gespür für Kunst und Design in Kombination mit den Jahrzehnten Erfahrung ihres Mannes als Ingenieur, seinem Faible für Stereo-Fotografie und Unterwasseraufnahmen legten den Grundstein zum Bernstein-Museum in ihrer Bad Nauheimer Heimat.

Glauberg en miniature

»Nomen est omen«. Vor drei Jahren begannen die Fleißners mit der Umsetzung ihrer Vision, in etwa einem Jahr wollen sie die »Faszination Bernsteinwald« eröffnen. Faszinierend ist das im Entstehen begriffene Museum jetzt schon. Wo man früher in einem Schwimmbad auf Tauchstation gehen konnte, kann man bereits eintauchen in längst versunkenen Lebenswelten – im Bernstein konserviert wie fossile Flaschenpost aus dem Jenseits. Auf zwei Etagen ist ein moderner Traum in Stahlgrau und Licht entstanden. »Den Entwurf gab es schon, bevor das Keltenmuseum entstand«, erklären die Fleißners zum Raumgefühl, das tatsächlich – natürlich en miniature – an den Glauberg erinnert.

Zwischen Vitrinen, in der Wand eingelassenen Stereoskopen und Arbeitsplätzen an Mikroskopen leuchtet der Schriftzug »Faszination Bernsteinwald« in goldgelben Lettern. »Hier wird jeder Besucher buchstäblich in den Bernstein eintauchen können«, strahlt Helmut Fleißner. Tatsächlich offenbart der Blick durchs Mikro- und Stereoskop oder durch Lupen eine atemberaubende Tiefe, die im Bernstein jedes Detail erkennen lässt: eine Blattlaus, die vor 40 Millionen Jahren im Todeskampf noch zwei Junge zur Welt brachte, ein fein verästeltes Spinnennetz, eine Vogelfeder oder eine Schmetterlingsraupe, die auf einem Ästchen sitzt. Angesichts der Fülle an Material wird man sich auf so manche kleine Sensation unterm Mikroskop gefasst machen können. Stereofotos in 3-D-Qualität ergänzen die fesselnde Zeitreise.

Das i-Tüpfelchen der interaktiven Ausstellung ist eine abgestorbene Kiefer. Bis vor kurzem wuchs sie in der amerikanischen Siedlung und wird von den Fleißners jetzt »recycelt«: als Leitfossil im Bernsteinwald. Die Wissenschaft sei sich zwar nicht mehr sicher, ob der berühmte baltische Bernstein wirklich aus dem Harz der Kiefer stamme. Ganz sicher sei es aber ein stark harzender Nadelbaum gewesen, dem einst die Kleinlebewesen buchstäblich auf den klebrigen Leim gingen. Von nachtropfendem Harz wurden sie eingeschlossen und mitunter mitten in der Bewegung »eingefroren«. In ihrem goldenen Sarg überdauerten die Relikte von einst die Zeit – wie Momentaufnahmen aus einer vergangenen Welt.

»Jedes Tier und jede Pflanze im Bernstein erzählt eine Geschichte«, erläutert Fleißner. An der alten Kiefer will er demonstrieren, wie einst die Insekten zwischen den nachfließenden Harzschichten, den sogenannten Schlauben, eingeschlossen wurden, die dann allmählich verhärteten. Doch damit nicht genug. Im Museum wird man auch die Zusammenhänge im Ökosystem Bernsteinwald begreifen lernen. »Der Baltische Bernsteinwald war ein subtropischer Urwald mit Zuckmücken, Gottesanbeterinnen, Kiefern, Palmen und rauschenden Bergbächen«, heißt es, sicher dehnte er sich über mehrere tausend Kilometer aus.

Der Schwerpunkt wird auf dieser Zeit vor rund 50 Millionen Jahren liegen, in der der baltische Bernstein, vor allem im südöstlichen Ostseeraum, entstand. »Dieser Wald existierte sicher zehn Millionen Jahre lang.« Das Klima sei damals subtropisch bis tropisch gewesen. »Auch bei uns hier war es im Schnitt fünf Grad wärmer«, weiß Fleißner. Die Polkappen seien nicht vereist gewesen, »wahrscheinlich wuchs damals auch in der Wetterau tropischer Urwald«.

Versunkene Lebenswelten

»Kleine Tiere sind im Bernstein konserviert, die großen in Versteinerungen«, erklärt Fleißner. Um das Bild vom Vorzeit-Ökosystem abzurunden, zeigen sie in ihrem Bernstein-Museum deshalb auch Fossilien aus der Grube Messel bei Darmstadt. »Sie stammen aus der gleichen Zeit wie der Bernstein des Baltikums.« Zu sehen sein werden aber auch Bernsteine aus der Dominikanischen Republik von vor 25 Millionen Jahren sowie Kopal aus Madagaskar oder Kolumbien, der mit seiner knappen Million an Jahren gerade noch so zu den Bernsteinen gezählt werden könne.

In den Vitrinen auf der oberen Ebene werden Karten, Abbildungen und typische Fossilien systematisch alle Zeitabschnitte seit der Entstehung unseres Planetensystems darstellen. Beamer und eine große Leinwand, eine Infothek mit Bildschirm für 3-D-Bilder und die jeweiligen Kommentare werden die variable Präsentation abrunden. Die komplette Einrichtung habe er nach den mit seiner Frau entworfenen Plänen selbst konstruiert, erzählt Helmut Fleißner und schmunzelt: »Für einen Ingenieur ist nichts zu schwör.«

Sponsoren für das private Museum gebe es nicht, sicher werde es auch nicht jeden Tag offen haben. »Womöglich an zwei Wochenenden im Monat oder auf Anfrage.« Er habe schon so manche Nacht am Mikroskop gesessen und die Zeit vergessen, erzählt Fleißner und freut sich mit seiner Frau auf Menschen, mit denen sie die Faszination Bernsteinwald teilen können. In längst versunkene Lebenswelten einzutauchen, werde die Besucher begeistern.

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