27. Dezember 2012, 18:43 Uhr

Erinnerung an »Weihnachtsrandale« wird wach

Bad Nauheim (bk). Zwei zertrümmerte Scheiben am Rathaus, in Brand gesetzte Mülltonnen am Jugendhaus: Keine große Sache, wäre da nicht ein Bekennerschreiben, das einen Zusammenhang mit der »Weihnachtsrandale« 2006 herstellt. Nach der Schließung des Jugendzentrums waren damals etliche junge Leute durch Bad Nauheim gezogen, hatten eine Spur der Verwüstung hinterlassen und mit Leuchtmunition auf Passanten geschossen.
27. Dezember 2012, 18:43 Uhr
Am 11. 11. 2006 wird zunächst friedlich gegen die geplante Juz-Schließung demonstriert, ein Tag vor Weihnachten tobt sich in der Innenstadt Zerstörungswut aus. (Archivfoto: hed)

Sechs Jahre später, in der Nacht vom 22. auf den 23. Dezember, wird am ehemaligen Juz gezündelt, am Verwaltungssitz werden Steine geworfen.

Nach der Sachbeschädigung kurz vor Weihnachten hat die Polizei in Friedberg Ermittlungen aufgenommen. Ansatzpunkt ist unter anderem eine E-Mail, die am 23. Dezember an die Wetterauer Zeitung und die Frankfurter Rundschau geschickt wurde. Unterzeichnet ist das Schreiben mit »Angry Youth Bad Nauheim« (wir berichteten am Montag). In der Mail beziehen sich die Verfasser eindeutig auf die Schließung des letzten selbst verwalteten Juz Hessens vor sechs Jahren. Mit der Aktion soll noch einmal dagegen protestiert werden. Erwähnt werden die eingeworfenen Fensterscheiben, nicht aber die abgefackelten Mülltonnen vor der Alten Feuerwache.

Ob die Sachbeschädigungen, die sich beide in der Nacht zum 23. Dezember ereignet haben, von denselben Tätern verübt worden sind, ist nach Aussage des ermittelnden Kripobeamten der Friedberger Polizei bislang unklar. Zunächst werden die Ermittler versuchen, aufgrund der E-Mail den Absender herauszufinden. Die Polizei gibt den Sachschaden am Rathaus mit rund 2000 Euro an, am Eingang des Kinder- und Jugendhauses in der Johannisstraße sind Mülltonnen zerstört worden, eine Mauer ist rußgeschwärzt.

Bürgermeister Armin Häuser, Mitarbeiter der Polizei und Hausmeister trafen sich am Sonntag im Rathaus, um den Schaden zu begutachten. Die Steinewerfer haben zwei Fenster an der Ecke Parkstraße/Friedrichstraße getroffen. Nach Auskunft von Erster Stadträtin Brigitta Nell-Düvel wurden am Rathaus nach den Vorkommnissen zur Jahreswende 2006/2007 Videokameras angebracht. Mit diesen Kameras dürften die Täter aber nicht aufgenommen worden sein.

»Der Brand in der Johannisstraße hat für Aufsehen bei den Nachbarn gesorgt. Die Feuerwehr rückte nämlich mit großem Aufgebot an, weil ein Brand in dem Wohnhaus vermutet wurde, in dem ›Willys Pub» zu finden ist«, sagte Nell-Düvel. Ein Nachbar des Kinder- und Jugendhauses habe das Feuer bemerkt und um 3.34 Uhr alarmiert.

Die Erste Stadträtin kann sich keinen Reim darauf machen, warum es sechs Jahre nach der umstrittenen Juz-Schließung zu einem solchen Vorfall gekommen ist. In den letzten Jahren habe es keine solche Vorkommnisse gegeben. Nell-Düvel: »Unverständlich auch deshalb, weil im neuen Kinder- und Jugendhaus tolle Arbeit geleistet wird. Jeder kann sich einbringen, der Jugendbeirat ist sehr engagiert, alles wird liberal gehandhabt.«

Polizeiwagen demoliert

Die »Weihnachtsrandale« 2006 war Folge der Juz-Schließung, gegen die etwa 100 junge Leute im November zunächst friedlich demonstriert hatten. Ursprünglich sollte die Einrichtung Ende des Jahres dichtgemacht werden, der damalige Bürgermeister Bernd Witzel entschied aber letztlich, bereits am 19. Dezember zu schließen, um ein geplantes Punkkonzert zu verhindern. Fehlender Brandschutz lautete die offizielle Begründung für das vorzeitige Aus.

Konsequenz: Am Abend des 23. Dezember 2006 versammelten sich rund 100 Leite vor der Alten Feuerwache. Erst wurde dort eingebrochen. Dann demolierten etwa 65 vermummte Täter aus der Wetterau, dem Raum Gießen und Frankfurt Polizeiautos, zogen dann durch die Innenstadt, warfen Scheiben ein, zerstörten Fahrradständer und Blumenkübel, beschmierten Wände. Auf Leute, die vor dem Pub »Green Island« standen, wurde mit Leuchtmunition gefeuert, die ihr Ziel nur knapp verfehlte. Die Polizei setzte rund 80 Mann ein. In der Nacht zum 9. Februar 2007 schlugen vermummte Personen mit Vorschlaghämmern 17 Fensterscheiben am Rathaus ein. Zu Schmierereien kam es auch am Wohnhaus des damaligen Bürgermeisters Witzel, die Polizei kontrollierte dort nachts mit Streifenwagen. Der Gesamtschaden lag im hohen fünfstelligen Bereich.

Bei der Polizei gingen nach dem 23. Dezember 25 Anzeigen ein, gegen acht Verdächtige wurde unter anderem wegen Landfriedensbruch, Sachbeschädigung und versuchter gefährlicher Körperverletzung ermittelt. Es kam zu Hausdurchsuchungen, auch der damalige Innenminister Volker Bouffier war mit den Vorfällen befasst.

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