20. Dezember 2011, 13:13 Uhr

Kaiserberg-Nachbarn fürchten um Wohnqualität

Bad Nauheim (bk). »Wutbürger« sind in Bad Nauheim derzeit viele unterwegs: Der Einzelhandel protestiert gegen Märkte auf dem Stoll-Gelände, und jetzt formiert sich Widerstand gegen das Bauvorhaben auf dem Gelände am Kaiserberg, das einst von der Harvey-Klinik genutzt wurde.
20. Dezember 2011, 13:13 Uhr
Angst vor mehr Verkehr: Über die Danziger Straße, so die Befürchtung der Anlieger, sollen die neuen Mehrfamilienhäuser erschlossen werden, die auf dem Gelände des leerstehenden Harvey-Klinik-Gebäudes (Bildmitte) geplant sind. (Foto: nic)

»Es wird wieder gemauschelt, die Bürger sollen ausgeschlossen werden«, kritisiert Hartmut Backhaus im Namen der betroffenen Anlieger die Absicht der Stadt, vier große Wohnhäuser und ein Altenheim auf dem Areal zu genehmigen. Befürchtet wird vor allem eine zunehmende Verkehrsbelastung des Gebiets zwischen Burgallee, Danziger Straße und Auguste-Viktoria-Straße. Bürgermeister Armin Häuser weist die Vorwürfe zurück, seiner Ansicht nach handeln die Anwohner nach dem »St.-Florians-Prinzip«.

»Wenn in direkter Nachbarschaft zu unserem Wohngebiet, das durch kleine Einfamilienhäuser gekennzeichnet ist, vier Gebäude mit vier bis sechs Geschossen entstehen sollen, ist das keine angemessene Planung«, schimpft Hartmut Backhaus im Gespräch mit der WZ. Gleicher Ansicht sind offenbar viele Anlieger, zwölf haben sich spontan zusammengeschlossen, als die Pläne für das Harvey-Gelände öffentlich geworden waren. »Wir haben Bürgermeister Häuser unsere ablehnende Haltung verdeutlicht und werden jetzt Flugblätter verteilen, um alle betroffenen Anwohner zu informieren«, sagt Backhaus. Rathauschef Häuser habe ein Treffen mit den Anliegern für Anfang nächsten Jahres zugesagt.

Die Nachbarn des Harvey-Areals vermissen vor allem eine rechtzeitige Bürgerbeteiligung, stattdessen mache sich die Stadt über die Köpfe der Betroffenen hinweg einseitig für die Interessen eines auswärtigen Investors stark. Politik und Verwaltung hätten vor ihrem Beschluss, das Verfahren zur Änderung des Bebauungsplans für diesen Gelände einzuleiten, keinen Kontakt zu den Anwohnern gesucht. Backhaus und seine Mitstreiter befürchten, dass dem Investor Domus Real aus Wiesbaden, bereits eine Erschließung der neuen Wohngebäude über die Danziger Straße zugesagt worden sei. »Bislang wohnen wir in einem ruhigen Gebiet, weil der Verkehr zu den Kliniken über die Straße Am Kaiserberg fließt. Mit der Ruhe könnte es bald vorbei sein«, befürchtet Backhaus. Auch auf die Bewohner der Terrassenstraße komme eine deutliche höhere Beeinträchtigung durch Lärm und Abgase zu, wenn am Kaiserberg 40 neue Wohnungen und ein Altenheim entstünden.

»Grandiose Fehlplanung«

Das Wohngebiet zwischen Burgallee, Danziger Straße und Auguste-Viktoria-Straße ist laut Backhaus in den 1950er Jahren entstanden. In den 70er Jahren sei es durch den Bau der Harvey-Klinik und der Kaiserberg-Klinik zur ersten »grandiosen Fehlplanung« in diesem Teil der Stadt gekommen. Aus diesen »Architektursünden« hätten die Verantwortlichen offenbar nichts gelernt.

Auch den vom Investor vorgesehenen Altenheim-Neubau lehnen Backhaus und seine Nachbarn ab. Sie glauben, dass dort nicht nur Senioren, sondern auch Suchtkranke untergebracht werden sollen. Werde dieser Personenkreis nicht vernünftig betreut, seien Probleme programmiert, unter denen auch die Nachbarschaft zu leiden habe. »Ältere Menschen, die unter Demenz leiden und orientierungslos sind, werden sich im Wald verlaufen. Es gibt in Bad Nauheim besser geeignete Standorte für ein neues Altenheim«, meint Backhaus. Als mögliche Alternative für eine Bebauung des Harvey-Areals könnte er sich kleine Einfamilienhäuser mit etwa 30 Wohneinheiten vorstellen. Wie er betont, bestünden die Anwohner des Harvey-Areals nicht auf einer »exklusiven Wohnlage«, man wehre sich aber gegen eine »komplette Veränderung des Gebiets«.

Häuser: Suchen einvernehmliche Lösung

Nach Ansicht von Bürgermeister Häuser protestieren die Anlieger aus reinem Eigeninteresse gegen das Bauvorhaben und verlören das Allgemeinwohl aus dem Blick. »Alles, was ich nicht in meiner Nachbarschaft will, soll am besten irgendwo anders gebaut werden. Das hat den Charakter des St.-Florians-Prinzips«, kritisiert Häuser. Wie der Rathauschef sagt, sei für das gut 12 000 Quadratmeter große Grundstück am Kaiserberg eine sinnvolle Verwertung vorgesehen. Vier Mehrfamilienhäuser passten viel besser zu den unmittelbar angrenzenden Kliniken und der bestehenden Seniorenresidenz als Einfamilienhäuser. Den älteren Bürgern, die aus der Innenstadt in das neue Altenheim umziehen sollen, könne eine deutlich bessere Wohnqualität angeboten werden.

Die Aussage von Backhaus, dem Investor seien Zusagen in Sachen Verkehrserschließung gemacht worden, ist nach Aussage Häusers falsch. Bislang gebe es keinerlei Festlegungen. Im Rahmen des Bebauungsplanverfahrens werde darüber entschieden, wobei die Vorstellungen des Bauherren ebenso zu berücksichtigen seien wie die der Anlieger. Der Wunsch des Kernstadt-Ortsbeirats, der eine Erschließung der neuen Wohngebäude über die Straße Am Kaiserberg favorisiert, werde berücksichtigt, sei aber für das B-Plan-Verfahren nicht bindend.

Häuser: »Das Bebauungskonzept steht, notfalls müssen die Anwohner gewisse Veränderung in Kauf nehmen. Die Stadt wird allerdings dafür sorgen, dass die Beeinträchtigungen so gering wie möglich ausfallen und sucht nach einer einvernehmlichen Lösung.«

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