01. Februar 2011, 20:36 Uhr

»E.v.A.« mit Modellcharakter

Bad Nauheim (bk). »E.v.A.«, die Elternbegleitung von Anfang an, wird in Bad Nauheim seit zwei Jahren praktiziert, jetzt erfährt das sozialpolitische Projekt der Stadt einen deutlichen Schub. Dem Konzept, das nicht zuletzt auf die bessere Integration von Familien mit Migrationshintergrund abzielt, wird von der Landesregierung ein Modellcharakter verliehen.
01. Februar 2011, 20:36 Uhr

»Die Elternbegleitung wird weiterentwickelt und zum Pilotprojekt für ganz Hessen«, betonte der zuständige Fachbereichsleiter Peter Krank gestern im Rathaus. Gleichzeitig erfährt »E.v.A.« eine finanzielle Förderung durch das hessische Sozialministerium: Nach den Worten von Bürgermeister Bernd Witzel werden an die Stadtkasse für 2011 und 2012 knapp 100 000 Euro überwiesen.

Das Projekt wurde vom Fachbereich Soziales und Öffentliche Ordnung unter Federführung von Krank und des ehrenamtlichen Stadtrats Sinan Sert entwickelt. Eltern von Neugeborenen werden auf Wunsch von geschulten ehrenamtlichen Elternbegleitern zu Hause aufgesucht und über die Angebote der Stadt für Kleinkinder informiert. »Von mehr als 95 Prozent der jungen Eltern wird das Angebot angenommen, die 15 Ehrenamtlichen, die aus sechs Nationen stammen, kommen pro Jahr mit rund 240 Familien in Kontakt«, schilderte Sert. Etwaige Sprachbarrieren würden problemlos überwunden: Die Elternbegleiter werden »passegenau« auf die jeweilige Muttersprache eingeteilt. »Neben Fragen zum Umgang mit Säuglingen geht es vor allem um die Betreuungsangebote in Bad Nauheim, denn die meisten Eltern wollen möglichst schnell wieder arbeiten gehen«, erzählte Elternbegleiterin Adela Yasmini. Die Gespräche mit den Eltern drehten sich auch oft um die älteren Geschwister, für die eine weiterführende Schule oder eine sinnvolle Freizeitbetätigung gesucht werde.

»Am wichtigsten ist es, zunächst einmal eine Vertrauensbasis zu schaffen und die Hemmschwelle beim Umgang mit Behörden abzubauen. Oft entwickelt sich ein regelmäßiger Kontakt zwischen den Betreuerinnen und den Familien«, sagte Sert. Bei der ersten Visite, die, wie der Stadtrat betonte, keine Kontrollfunktion hat, wird ein Elternbegleitbuch mit vielen Tipps und Infos übergeben. Anschließend folgt zweimal pro Jahr ein Elternbrief, passend zum jeweiligen Entwicklungsstand des Kindes.

»Zahlreiche Eltern werden mit diesen und anderen Projekten aus der Isolation geholt. Plötzlich tauchen die Kinder bei Ferienspielen auf, die Eltern gehen ins Mütter- und Familienzentrum«, erklärte Witzel. Noch wichtiger: Laut Krank besuchen in Bad Nauheim etwa 98 Prozent der Kinder zwischen drei und sechs Jahren eine Kindertagesstätte. Hessenweit liege der Schnitt bei gut 80 Prozent. Für Kinder mit Migrationshintergrund sei damit beispielsweise eine deutliche bessere Sprachförderung verbunden.

Nach Auskunft von Krank ist eine Weiterentwicklung von »E.v.A.« geplant, ein Grundkonzept existiere bereits. In der Anfangsphase habe man die Eltern betreut, bis die Kinder in die Kita kamen. Durch eine enge Verzahnung mit dem Förderprogramm »frühstart«, das in den Tagesstättenangeboten wird, sei inzwischen eine Elternbegleitung bis zum Grundschulalter der Kinder sichergestellt. Krank: »Künftig sollen die Eltern beraten und betreut werden, bis der Nachwuchs aus der Grundschule kommt.« Dazu sollen weiterer Ehrenamtliche in zehn Ausbildungseinheiten geschult werden. Wichtigste Themen sind die interkulturelle Kompetenz (Wie geht man mit Eltern aus einem anderen Kulturkreis um?) und die Sprachförderung. »Die Landesregierung wünscht ein nachhaltiges System, das modellhaft in Bad Nauheim entwickelt werden soll«, betonte der Fachbereichsleiter.

Durch den Landeszuschuss, der jetzt bewilligt wurde, ist die »E.v.A.«-Finanzierung für dieses und das nächste Jahr gesichert. Laut Krank muss die Stadt inklusive Personalkosten 60 000 Euro pro Jahr aufbringen. Die relativ niedrigen Kosten seien ein großer Vorteil des Konzepts, auch wenn es um die Übertragung auf andere Kommunen geht. Krank: »Wenn zum Beispiel zwei zusätzliche Stellen für die Elternbegleitung notwendig wären, würden die meisten Kommunen aufgrund der Haushaltslage sofort abwinken.«

Sert zufolge beruht der Erfolg von »E.v.A.« nicht zuletzt auf der Mund-zu-Mund-Propaganda. Auch Eltern, deren Kinder schon älter sind und die deshalb nicht besucht worden sind, melden sich im Rathaus. Für viele Eltern mit deutschem Pass spiele das Projekt ebenfalls eine wichtige Rolle. Weil sich die althergebrachten Familienstrukturen mehr und mehr auflösten, suchten viele Eltern - unabhängig von der Nationalität - nach Orientierung.

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