15. Oktober 2010, 10:30 Uhr

Park nach der LGS: »Früher war’s hier schön, jetzt ist es schöner«

Bad Nauheim (jw). Der Herbst ist die Zeit der Ernte. Das gilt in Bad Nauheim diesmal in ganz besonderer Weise: Nachdem die Landesgartenschau ihre Tore geschlossen hat und der Kurpark wieder für alle Besucher offen ist, ernten die Spaziergänger, was die LGS-Macher im Frühjahr gesät haben: einen wunderschönen Park.
15. Oktober 2010, 10:30 Uhr
Kurparkidylle: Ein Pärchen steht auf dem neuen Holzdeck und betrachtet die Fontäne im Großen Teich. Andere Besucher packen eine Decke aus und legen sich auf die Wiese, Kinder spielen Ball, ältere Leute dösen auf den Bänken und genießen die Sonnenstrahlen. Herbst ist Erntezeit. (Fotos: nic)

Das meinen viele Bürger und Besucher, als der WZ-Reporter am Mittwochnachmittag einmal rund um den Großen Teich geht. »Früher war’s hier schön, jetzt ist es noch viel schöner«, sagt eine Bad Nauheimerin. Ein Ehepaar aus Frankfurt ist sich einig, dass der Kurpark »auf alle Fälle gewonnen hat«. Ernte war auch einen Tag zuvor im Park angesagt - Blumenernte. Gartenbaufirmen machen gerade auf der Kurhauswiese die Blütenwirbel dem Erdboden gleich. »Am Dienstag hatten wir rund 200 Helfer«, meint ein Gärtner schmunzelnd. Spaziergänger rupften sich Pflanzen raus, nahmen sie mit nach Hause. »Das ist eigentlich nicht erlaubt«, sagt der Gärtner, »aber wir können ja nicht alles sehen.«

Am Wochenende setzte der Besucherstrom ein. Kein Wunder, denn viele haben den Kurpark in diesem Jahr noch nicht betreten. Am 4. Januar wurden die Tore geschlossen, wegen der Vorbereitungen für die LGS. Ein Dreivierteljahr später ist manches anders und vieles vertraut. »Die Veränderungen waren hier nicht so groß, die Höhepunkte der Landesgartenschau fanden ja hinter dem Bahnhof statt«, meint das Frankfurter Ehepaar. Andere Besucher stimmen zu: Das Kastanienrondell war schon vor der LGS - je nach Sichtweise - »zu groß« oder »endlich groß genug für Veranstaltungen«. Die Minigolfanlage erstrahlt in neuem Glanz, ist aber geschlossen, der Schwan, der sich während der LGS auf der Wiese nebenan niederließ, ist auch noch da, nur die Blätter, die überall auf Wiesen und Wegen liegen, sind neu. Oder eben alt, weshalb sie von den Bäumen fallen. Der Herbst ist eine wilde, zerzauste Jahreszeit. Er lässt sich nicht so recht ordnen, macht was er will, und wenn man die Blätter zu einem Haufen kehrt, wie es die Gärtner tun, dann wirbelt er sie wieder auseinander. Am Kleinen Teich watscheln Enten und Gänse vorbei, auf dem Holzsteg am Großen Teich steht ein Pärchen, hält Händchen, guckt nach Bootchen. Die Sonne glitzert auf dem Wasser, die Fontäne bläst sich auf, der Wind trägt die Gischt bis ans Ufer. Ein romantisches Herbstbild, lassen wir die Verliebten verliebt sein und gehen wir weiter.

Neue Boote, neue Toiletten und ein Zahn

Fragt man Spaziergänger nach ihren Eindrücken, hört man immer wieder, dass alles sehr schön sei. Ein siebenjähriges Mädchen freut sich über »die neuen Boote, die neuen Toiletten und dass hier viel für den Naturschutz getan wurde«. Dann fällt ihr ein Zahn raus. Ihre Freundin muss kichern. »Das können Sie auch in die Zeitung schreiben!« Ihre Mutter ist alleinerziehend, die LGS sei ihr zu teuer gewesen, erzählt sie. Jetzt genießt sie, was davon übrig blieb. Ein Ehepaar aus Limburg, das die LGS »leider verpasst« hat, zeigt sich von den alten Bäumen begeistert. »Beeindruckend« seien die, sagt die Frau und bringt »Stuttgart 21« ins Gespräch. »Da können einem die Tränen kommen, wenn man sieht, wie dort die alten Bäume gefällt werden.« Ihr Mann zitiert den Dichter Eugen Roth: »Zu fällen einen schönen Baum / braucht’s eine halbe Stunde kaum. / Zu wachsen, bis man ihn bewundert, / braucht er, bedenk’ es, ein Jahrhundert.«

»Sonst hätte ich mich aufgeregt«

Während ein Golfer mit Zigarillo im Mund versucht, einen Ball einzulochen (was ihm nicht so recht gelingen will), lobt ein Bad Nauheimer die vielen Umgestaltungen. »Sieht doch alles tipptopp aus, die Bahnhofsallee zum Beispiel.« Vor der LGS ist er von Nieder-Mörlen in die Kernstadt gezogen. Dass der Kurpark so lange gesperrt war, hat ihn daher nicht gestört. »Sonst hätte ich mich aufgeregt.« Nur der Zaun müsse weg, das sei klar. »Der ist hässlich.«

Am Teichhaus sitzt ein anderer Bad Nauheimer, genießt die Herbstsonne und ein Weizenbier. »Das Holzdeck ist sehr schön«, sagt er, »in Bad Nauheim ist vieles sehr schön. Es ist nur schade, dass Jahrzehnte lang nichts passiert ist.« Dann kam die LGS und alles wurde nachgeholt. Halt, nicht alles. »Der kleine Park gegenüber der Trinkkuranlage und der Post müsste dringend hergerichtet werden.«

»Sie schreiben über den Kurpark?«, will eine Bad Nauheimerin wissen. »Das ist aber mutig.« Wieso? »Na, sobald das in der Zeitung steht, melden sich die Kritiker und wissen wieder alles besser.« So ist das eben, und das gilt wohl auch für die Blumenwirbel auf der Kurhauswiese. Viele Passanten schütteln den Kopf. Dass man die ganzen Blumen einfach so rausreißt, ungeheuerlich! »Die können nicht überwintern, die würden kaputtgehen«, erklärt ein Gärtner. »Wenn wir warten und es regnet, ist das viel mehr Arbeit.« Die Beete werden wieder eingesät, in ein paar Monaten sieht man nichts mehr davon, sagt er. Und wenn auch der Zaun abgebaut ist, ist wieder alles beim Alten. Als der Reporter weiterschlendert, stößt eine Mutter, die mit zwei Kindern unterwegs ist, einen spitzen Warnruf aus: »Vorsicht, tritt da nicht rein!« Das Kind weicht aus, am Wegesrand liegt ein Hundehaufen. Es ist schon fast alles wie früher im Kurpark.

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