12. April 2010, 19:30 Uhr

Als Rödgen und Wisselsheim vom Bahnverkehr abgehängt wurden

Bad Nauheim (jw). Vor 100 Jahren wurde die Wettertalbahn eröffnet. Am 2. April 1910 feierten die Bürger entlang der 10,6 Kilometer langen Strecke dieses Ereignis mit großen Festveranstaltungen. Griedel, Rockenberg, Oppershofen und Steinfurth waren nun an das Eisenbahnnetz angeschlossen, Wisselsheim und Rödgen aber blieben außen vor.
12. April 2010, 19:30 Uhr
Seit 100 Jahren verkehrt zwischen Griedel und Bad Nauheim die Wettertalbahn, heute allerdings nur noch als Freizeitvergnügen von den Eisenbahnfreunden Wetterau auf ehrenamtlicher Basis betrieben. Die Archivaufnahme zeigt die Museumsbahn am Gambacher Anglerteich. (Archivfoto: WZ)

Bad Nauheim (jw). Vor 100 Jahren wurde die Wettertalbahn eröffnet. Am 2. April 1910 feierten die Bürger entlang der 10,6 Kilometer langen Strecke dieses Ereignis mit großen Festveranstaltungen. Griedel, Rockenberg, Oppershofen und Steinfurth waren nun an das Eisenbahnnetz angeschlossen, Wisselsheim und Rödgen aber blieben außen vor. Wie es dazu kam, schildert der Heimatforscher und WZ-Mitarbeiter Herbert Pauschardt in der in Kürze erscheinenden Ortschronik »Rödgen - Aus der Geschichte eines Dorfes im Wettertal«. Das Buch, Ergebnis mehrjähriger Forschungen, wird anlässlich der 750-Jahr-Feier Rödgens am 2. Juni während der Jubiläumsfeierlichkeiten vorgestellt; die urkundliche Ersterwähnung Rödgens in den Eppsteinschen Lehensverzeichnissen datiert aus dem Jahr 1260. Im Kapitel »Ein Bahnhof für Rödgen? Zum Bau der Wettertalbahn« schildert Pauschardt, welche Umwege genommen werden mussten, um das Projekt zu realisieren. Und er berichtet, dass Rödgen beinahe einen Bahnhof erhalten hätte. Doch daraus wurde nichts, ebenso wie aus der zeitweise ins Auge gefassten Wettertal-Bahnlinie über Rödgen, Wisselsheim und den Schwalheimer Brunnen nach Friedberg. Pauschardts Resümee: »Ob die Rödgener darüber eine Träne vergossen haben, ist nicht überliefert. Sie blieben ihrer Gewohnheit treu und gingen weiterhin auf Schusters Rappen nach Bad Nauheim oder Friedberg. Auch wenn die Wettertalbahn heute nur noch von den Eisenbahnfreunden betrieben wird, hätte ein Bahnanschluss im Jahre 1910 den beiden Wettertalgemeinden einen großen Modernisierungsschub vermitteln können - Rödgen, auch in Verkehrsfragen ein Dorf der verpassten Gelegenheiten.« Die WZ druckt Auszüge aus dem lesenswerten Kapitel über die Geschichte des Baus der Wettertalbahn ab, mit zusammenfassenden Einschüben.

Die erste Nachricht zur geplanten Wettertalbahn findet sich in der Bad Nauheimer Zeitung vom 5. März 1904 mit der Feststellung: »Das Wettertalbahnprojekt beschäftigt zur Zeit die beteiligten Gemeinden sehr lebhaft.« Nach einer ersten Besprechung in Friedberg wurde im Juni desselben Jahres eine große Versammlung von Interessenten in Steinfurth geplant. Damit kam Bad Nauheim ins Spiel. Dr. Kayser, erster hauptamtlicher Bürgermeister des aufstrebenden Weltheilbades, sorgte für eine zügige Wahl von Nauheimer Stadtverordneten zum Eisenbahnkomitee, er selbst wurde Vorsteher. Er berief die Versammlung in Steinfurth ein und leitete sie. Die Bad Nauheimer Zeitung machte sich in der Folge mit zahllosen Artikeln zum Sprachrohr Bad Nauheimer Interessen. Das Problem, dem man sich nun stellen musste, wurde in einem Artikel vom 18. Juni 1904 sichtbar: »In den letzten Tagen ist bekanntgeworden, dass am 8. Juni Mitglieder des Bahnkomitees und Vertreter der Eisenbahnfirma Lenz und Co. das Wettertal durchfahren und dabei folgende Linienführung in Aussicht genommen haben: Griedel (an der Bahnlinie Butzbach-Lich) - Rockenberg - Oppershofen - Steinfurth - Wisselsheim - Rödgen - dann (hinter dem Schwalheimer Brunnen) Einmündung zwischen Dorheim und Friedberg. Dieses Projekt hat in weiten Kreisen großes Staunen hervorgerufen. Denn man fragt sich, warum sollen die Bewohner von Wisselsheim und Rödgen, wenn sie nach dem nahen Bad Nauheim wollen, über Friedberg reisen? Aus welchem Grund sollen die Güter von Rockenberg, Oppershofen und Steinfurth, die nach Friedberg bestimmt sind, auf Umwegen bis fast Dorheim gefahren werden? Damit wird doch die Bahnstrecke länger, das Reisen zeitraubender und kostspieliger und die Fracht teurer, als wenn die Linie über Bad Nauheim geführt wird.«

Schwalheimer »nicht sehr entzückt«

Es folgen Gemeindeversammlungen, Stellungnahmen in der Bad Nauheimer Zeitung, Abstimmungen und eine Resolution für die Einmündung der Bahnstrecke nach Bad Nauheim. Auch die finanzielle Beteiligung der Anliegergemeinden wird diskutiert. Die Schwalheimer äußern sich skeptisch über die zu zahlende Summe und den für den Bau der Bahnstrecke abzutretenden Grund und Boden. Im Ort sei man davon »nicht sehr entzückt«, die Mehrzahl der Einwohner halte die Leistungen der kleinen Gemeinde zu hoch gegenüber den Vorteilen, die eine Bahn bringen könne. Im Januar 1905 legt die Eisenbahnfirma Lenz erste Pläne für die Wettertalbahn vor. In der Bad Nauheimer Zeitung vom 10. Januar heißt es: »Vom Bahnhof Rödgen aus gelangt die Bahn in einer mäßigen Kurve und in bequemer Steigung allerdings mit Hilfe eines Einschnittes der stellenweise 7 Meter tief ist, bis zum Bahnhof Bad Nauheim.« Auch der Hessischen Landtag erhebt keine Einwände gegen das Projekt. Allerdings wird in den Folgejahren offenbar, dass auf der Strecke Butzbach-Lich ein Verlust eingefahren wurde, was auch für die neue Strecke befürchtet wird. Pauschardt fährt fort:

Da die Firma Lenz bei der Planung der Wettertalbahn nun auf strengere Maßstäbe der Renditeberechnung achtete, zogen sich die Verhandlungen hin. In den Jahren 1906 und 1907 ging es vor allem um die Abgabe von Verpflichtungsurkunden der Gemeinden zur Übernahme von Obligationen und Aktien. Auf die Gemeinde Rödgen sollten 8 Prozent der Kosten entfallen, das bedeutete nach Abzug des 30-prozentigen Staatszuschusses die Aufbringung von 5000 Mark für den Kauf von Aktien an der Bahn und 20 000 Mark für die Übernahme an Obligationen - Beträge, die aufzubringen der kleinen und finanziell schwachen Gemeinde außerordentlich schwer gefallen wäre.

Aber im Verhältnis zu den Nachbargemeinden waren diese Beträge noch moderat, denn beispielsweise für Wisselsheim lauteten die entsprechenden Zahlen 7000 bzw. 30 000 Mark, für Steinfurth 25 000 bzw. 100 000 Mark und für Bad Nauheim 13 000 bzw. 50 000 Mark. Am 21. August 1907 stimmte der Rödger Gemeinderat darüber ab: Für die Verpflichtung sprachen sich drei Gemeinderäte aus (Hensel II., Truschel, Kreuter) und Beigeordneter Hensel, dagegen votierten vier Gemeinderäte (Storck, Georg Bingel II., Klee und Meister). A. Klee war laut Protokoll abwesend (»wegen Krankheit seiner Frau«), wohl nicht aus taktischen Gründen. Der Rödger Gemeinderat war also in dieser für die Zukunft der Gemeinde so wichtigen Frage tief gespalten. Da keine Mehrheit für den Antrag zur Übernahme der Kostenverpflichtung zustande kam, war der Antrag abgelehnt und die Gemeinde Rödgen hatte sich - verständlich angesichts ihrer katastrophalen Finanzlage - mit diesem Abstimmungsverhalten selbst aus dem Spiel gebracht.

Einen Bürgermeister hatte Rödgen zu diesem Zeitpunkt nicht, also beglaubigte der Beigeordnete Hensel das Ergebnis der Abstimmung. Schon in der Sitzung des Gesamt-Wettertalbahn-Komitees vom 10. April 1907 in Oppershofen war Rödgen, im Unterschied zu allen anderen Gemeinden, nicht durch einen Bürgermeister vertreten gewesen. Dies besorgte Lehrer Fleischhauer. Das Gewicht der Gemeinde Rödgen im Bahnkomitee wurde immer geringer. Gleichwohl wurde Rödgen, wie die anderen Gemeinden, am 16. Oktober noch durch eine Fachkommission bereist, die die Lage des Bahnhofes prüfen wollte.

»Verlängerung wäre ein Fehler«

Mit dem Schreiben der Firma Lenz vom 21. Dezember 1907 trat eine Wende in der Planung der Bahnstrecke ein: Das Unternehmen stellte eine vergleichende Berechnung der Nord- bzw. Süd-Einführung der Bahnlinie im Bahnhof Bad Nauheim an. Demzufolge werde es, wenn man Wisselsheim und Rödgen nicht anschließe, zu einer Kostenersparnis von etwa 130 000 Mark kommen, da die Strecke der Nord-Einmündung um 1,4 Kilometer kürzer sei und die Erdarbeiten pro laufendem Meter wesentlich geringer seien. Es sei also wegen der höheren Kosten ein »wirtschaftlicher Fehler«, die Bahnlinie um 10 Prozent zu verlängern, zumal die Gemeinden Wisselsheim und Rödgen »nur kleine Ortschaften seien, die durch die Staatsbahnstation Bad Nauheim schon heute in geringer Entfernung eine für sie ausreichende Verbindungsstelle mit dem Weltverkehr besitzen...«

Der Einsatz von Bad Nauheims Bürgermeister Dr. Kayser für die Beibehaltung der projektierten Linie mit Berührung von Wisselsheim und Rödgen sowie für die Einfahrt in den Bahnhof Bad Nauheim von Süden her war vergebens. Pauschardt listet genaue Aufstellungen von möglichen Einnahmen aus dem Personen- und Frachtverkehr auf den anvisierten Bahnstationen Wisselsheim und Rödgen auf und zitiert Unterlagen, wonach die Baufirma von den beiden Ortschaften finanzielle Beteiligungen verlangte. Letztlich wurde der Bau eines Güteranschlussgleises nach Wisselsheim erwogen, der etwa 40 000 Mark kosten sollte. Pauschardt fasst dies folgendermaßen zusammen:

Der Ortsvorstand von Wisselsheim jedoch richtete ein Schreiben an die Zweite Kammer der Stände in Darmstadt (zu lesen in der Bad Nauheimer Zeitung vom 23. März 1908), das aber nicht überzeugen konnte. Der Gemeinderat bewies wenig Realitätssinn; er bekundete am Bau des Anschlussgleises nur dann Interesse, wenn der Bau der etwa 600 Meter langen Strecke die Gemeinde Wisselsheim nichts kosten würde. In den entsprechenden Unterlagen des Staatsarchivs Darmstadt findet sich kein Hinweis, dass sich in Rödgen zu dieser Zeit noch Widerstand gegen den Verlust des anfangs sicher geglaubten eigenen Bahnanschlusses regte.

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