29. Dezember 2009, 18:46 Uhr

Mit Flexibilität gegen den Abwärtstrend

Friedberg/Bad Nauheim (buc). »Im Moment ist es ganz schlecht.« So oder ähnlich ist die erste Reaktion auf die Frage an heimische Unternehmer, ob sie Auskunft geben könnten, wie ihre Firma das Krisenjahr 2009 überstanden hat. Was vor zwei Jahren in Amerika mit einer Immobilien- und Finanzkrise begann, ist auch in der Wetterau angekommen.
29. Dezember 2009, 18:46 Uhr
Energiesparen ist sein Thema: Architekt Michael Frielinghaus im Gespräch mit Mitarbeiterinnen.

Friedberg/Bad Nauheim (buc). »Im Moment ist es ganz schlecht.« So oder ähnlich ist die erste Reaktion auf die Frage an heimische Unternehmer, ob sie Auskunft geben könnten, wie ihre Firma das Krisenjahr 2009 überstanden hat. Was vor zwei Jahren in Amerika mit einer Immobilien- und Finanzkrise begann, ist auch in der Wetterau angekommen. Aber nicht alle Branchen sind in gleicher Weise betroffen. Wie eine WZ-Umfrage zeigt, hat die Wirtschaftskrise ähnliche Spuren in der Umgebung von Bad Nauheim und Friedberg hinterlassen wie in Hessen und Deutschland insgesamt. Die relativ wenigen Fertigungsbetriebe in der Wetterau hatten besonders zu kämpfen, während das Geschäft - nach einem verhaltenen Start Anfang 2009 - für Betriebe der Baubranche vergleichsweise gut lief. Aber auch mit dem richtigen Gespür und durch rechtzeitige Anpassung gelang es einigen Geschäftsleuten, dem Abwärtstrend zu trotzen.

Wenn es jetzt mit dem Gespräch nicht klappt - wann ist denn ein besserer Zeitpunkt für einen Anruf? »Am besten im nächsten Jahr«, sagen die einen in einem Tonfall, der eher nach Stress, Hektik und Überarbeitung als nach Langweile klingt. Markus Conrad, Dachdeckermeister und Juniorchef der Firma Egon Roth in Bad Nauheim, ist in solch einer Stimmung. Sie könnten sich derzeit vor Aufträgen nicht retten und müssten potenzielle Kunden sogar auf einen späteren Termin vertrösten, berichtet er.

Viele Entlassungen

Andere zögern aus ganz anderen Gründen, Auskunft über ihre Erfahrungen im Geschäftsjahr 2009 zu geben. »Wir mussten in diesem Jahr viele Leute entlassen«, sagt Holger Wagner. Er ist Leiter des Marketings beim Automobilzulieferer Erich Jaeger GmbH in Friedberg. Zunächst wollte sich Wagner gar nicht gegenüber der Presse äußern - »aus Respekt vor den Mitarbeitern«, wie er sagt. Schließlich berichtet er aber doch davon, wie 2009 die Aufträge von Herstellern wegbröckelten, als die Wirtschaftskrise die Automobilindustrie in den Abwärtssog zog. Konjunkturprogramme wie die Abwrackprämie hätten zwar das Schlimmste verhindert. Um Entlassungen sei die Geschäftsleitung jedoch nicht umhin gekommen. Denn es gab kein Entrinnen: Für einen Spezialisten von Verkabelungen von Anhängerkupplungen sei es nicht möglich, die Produktion von jetzt auf gleich umzustellen oder andere Auftraggeber als die Hersteller von Pkw und Lkw zu gewinnen, erklärt Wagner. Für 2010 hofft er auf den Aufschwung.

Unternehmer in anderen Branchen ist es leichter möglich, sich an die veränderte Situation anpassen. Manchen gelingt es sogar, sich dem allgemeinen Trend zu widersetzen. Dies schaffte in Bad Nauheim beispielsweise Carsten Gelsebach, Inhaber des Restaurants »Zur Krone«. Obwohl die Gastronomie deutschlandweit deutlich spürte, dass die Leute weniger Geld ausgeben wollten, spricht Gelsebach von nahezu vollständiger Auslastung in seinem Restaurant. Die Gäste seien nicht sparsamer geworden. Er habe auch nicht versucht, Gäste mit niedrigeren Preisen zu ködern: »Das ist unglaubwürdig, wenn ich mit den Preisen um zehn oder zwanzig Prozent heruntergehe«, betont Gelsebach. Er biete seinen Gästen Qualität zu angemessenen Preisen - Wirtschaftskrise hin oder her. In diesem Jahr seien allerdings deutlich weniger Veranstaltungen von Unternehmen gebucht worden. Bereits Ende 2008 habe er auf den absehbaren Trend reagiert, indem er die Außer-Haus-Lieferung stärker beworben habe. Die Aussichten für das kommende Jahr sieht der Restaurantchef insgesamt optimistisch.

Manche Industriebranchen entwickelten sich unabhängig von der Wirtschaftskrise positiv. Beispiel Pharma: Fresenius Kabi, das in Friedberg Infusionslösungen produziert, profitiert von der steigenden Nachfrage nach pharmazeutischen Produkten. Nach Angaben von Matthias Link von der Konzernkommunikation wird Fresenius in den kommenden drei Jahren insgesamt 100 Millionen Euro in den Ausbau seines Friedberger Produktionsstandorts investieren. Derzeit sind hier rund 640 Mitarbeiter beschäftigt. Die Investitionen sollten dazu beitragen, diese Arbeitsplätze langfristig zu sichern, so Link.

Keine Abstriche bei Qualität

Als »nicht so schlimm wie befürchtet« bezeichnet Hans-Peter Hinzen, Inhaber des gleichnamigen Herrenmodengeschäfts in der Nauheimer Fußgängerzone seine Erfahrungen in 2009. Da Bad Nauheim von Arbeitslosigkeit nicht so sehr betroffen sei wie andere Städte, sei sein Laden recht glimpflich davongekommen. Wie viele andere der kleineren Geschäfte in der Kurstadt lebe er von den Stammkunden. Die kauften »ein Ideechen weniger«, blieben aber nicht vollständig weg. In wirtschaftlich besseren Zeiten hätten die Kunden beispielsweise drei Hemden zum Anzug gekauft, in diesem Jahr nur eins. Abstriche bei der Qualität würden dagegen nicht gemacht, erzählt Hinzen. Die vergleichsweise gute geschäftliche Lage führt er auch auf seine schnelle Reaktion zurück, als sich die Krise Ende 2008 anbahnte. Beim Einkauf der Kollektionen habe er sich zurückgehalten. Es sei immer sicherer nachzuordern, als auf den Kleidungsstücken sitzen zu bleiben.

Schnelle Reaktion auf veränderte Rahmenbedingungen ist auch das Krisenüberwindungs-Rezept von Michael Frielinghaus, Inhaber und Geschäftsführer des Planungs- und Bauleitungsbüros BLFP Frielinghaus Architekten in Friedberg. Den Oktober 2008 bezeichnet er als Zäsur. Investitionen in Bauprojekte seien von jetzt auf gleich auf Eis gelegt worden. Das Konjunkturprogramm des Bundes half seinem Büro über das Schlimmste hinweg. Öffentliches Bauen wurde zu einem Schwerpunkt von Frielinghaus. Während private Unternehmen mit Finanzierungsschwierigkeiten zu kämpfen hatten und ihre Aufträge zurückstellten, boomten der mit Steuergeldern finanzierte Bau und die Sanierung von Schul- und Sportstätten. Was 2010 komme, sei nicht abzusehen, sagt Frielinghaus. Die Planungen der Projekte aus dem Konjunkturprogramm seien so gut wie ausgelaufen und harrten der Umsetzung. Wie Frielinghaus unterstreicht, müssten sich Architekten vermehrt Themen wie energetische Sanierung und energiesparende Bauweise annehmen. Das seien »ganz spannende Aufgaben« mit einem zunehmend großen Reservoir an Aufträgen für Architekten und Ingenieure.

Ähnliche Erfahrungen wie die Bauplaner bei Frielinghaus machten diejenigen, die handwerklich am Bau tätig sind. Dachdeckermeister Markus Conrad berichtet ebenso wie Frielinghaus von zurückgestellten Aufträgen. Wo kein Haus gebaut werde, könne er kein Dach decken, bringt er es auf den Punkt. Ganz düster habe es zu Jahresbeginn ausgesehen, als ein strenger Winter zu witterungsbedingten Verschiebungen von Bauten führte. »Bis etwa Mitte März lief es nicht so gut«, erzählt Conrad. Im Laufe des Jahre habe sich aber »alles überschlagen«. Ab Mai habe das Geschäft gebrummt. »Wir hatten Glück«, betont Conrad, denn die Handwerksbetriebe in und um Bad Nauheim hätten auch von der Landesgartenschau 2010 profitiert. Sein Glück sei umso größer, als er noch zu Jahresbeginn mit einem Geschäftseinbruch um ein Drittel gerechnet habe. Nun sei der Umsatz ebenso gut wie 2008. Seine Vorausschau für 2010: »Ich tippe, das erste Halbjahr läuft gut. Aber für die Zeit danach wage ich keine Prognose.«

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