26. Juni 2009, 18:10 Uhr

»Der Wunsch nach Freiheit« treibt sie um

Friedberg/Bad Nauheim. Seit fast zwei Wochen protestiert im Iran die Opposition gegen den Ausgang der Präsidentenwahl, vorwiegend jungen Leute sind es, die auf die Straße gehen und die Konfrontation mit der herrschenden Macht suchen. Wie beurteilen Iraner, die in Deutschland leben, die Situation in ihrem Geburtsland, was empfinden sie angesichts der Unruhen dort?
26. Juni 2009, 18:10 Uhr
Anita Moradi (links) und ihre Tochter Bahareh versuchen von Deutschland aus, die Protestbewegung im Iran zu unterstützen. (Foto: Ahlers)

Friedberg/Bad Nauheim. Seit fast zwei Wochen protestiert im Iran die Opposition gegen den Ausgang der Präsidentenwahl, vorwiegend jungen Leute sind es, die auf die Straße gehen und die Konfrontation mit der herrschenden Macht suchen. Wie beurteilen Iraner, die in Deutschland leben, die Situation in ihrem Geburtsland, was empfinden sie angesichts der Unruhen dort?

Anita Moradi, die mit ihrer Familie in Friedberg wohnt, hält trotzt schwieriger Bedingungen den Kontakt mit den Widerständlern im Iran, berichtet von der Schwierigkeit, per Handy oder Telefon miteinander zu sprechen und der Flut von E-Mails, die jeden Morgen bei ihr eingehen, damit sie der Welt jenseits des Iran Informationen weitergeben kann. Berichtet von der Gewalt des Staates, der seine Schergen in Privatwohnungen eindringen lässt, damit diese Computer und Satellitenempfänger durchs Fenster auf die Straße befördern, um die Verbindung zur Außenwelt zu kappen. Und während im Ausland dennoch Informationen kursieren, weil die Menschen immer wieder Wege finden, die Hindernisse zu umschiffen, schweigen die iranischen Medien über das, was sich vor der eigenen Haustür abspielt.

Erinnerungen an eine Zeit vor rund 30 Jahren steigen in Anita Moradi auf, als der Schah vom Pfauenthron gestoßen wurde. Danach stand sie in den Reihen der Demonstranten gegen die Regierung, erlebte hautnah mit, wie es ist, wenn die Staatsmacht Druck ausübt und tätlich wird. Eine Reihe nahe stehender Menschen hat sie in den vergangenen Jahren aufgrund der Zustände im Iran verloren, aber die Vision von einem Iran als demokratisches Land hat sie nicht aufgegeben. Mit 22 Jahren gelangten sie und ihr Mann als politische Flüchtlinge nach Deutschland, haben seit langem die deutsche Staatsbürgerschaft. Ihre Tochter Bahareh hat nur noch vage Erinnerungen an den Iran, doch möchte sie die Protestbewegung ebenfalls unterstützen, indem sie in Deutschland mit ihrer Mutter Demonstrationen besucht: »Ich denke und träume auf Deutsch, aber meine Wurzeln sind im Iran.«

»Bewusster Schachzug des Regimes«

Mit einem »komischen Gefühl« habe sie das Wahlergebnis zur Kenntnis genommen, erzählt Mahtab L. (Name von der Redaktion geändert), die ebenfalls die Zeit des Schahumsturzes als Demonstrantin miterlebt hat und hochschwanger mitgelaufen ist. Die unerwartet deutliche Bestätigung für Amtsinhaber Mahmud Ahmadinedschad hält sie für einen bewussten Schachzug des Regimes, Demonstrationen zu provozieren, um die Protestler dabei umso besser abgreifen zu können. Mit ihrem Mann, der heute als Arzt arbeitet, im Iran sein Studium aber nicht beenden durfte, gelangte sie - offiziell als Studienreisende unterwegs - nach Deutschland, nach Berlin, nach Gießen und zuletzt in den Wetteraukreis, wo sie sich ein neues Leben aufbauten. Ein Leben mit Familie, Berufstätigkeit und vor allem mit persönlicher Freiheit, die so im Iran nicht gegeben ist. Sie weiß, ebenso wie Anita Moradi, um die körperliche und seelische Folter, die diejenigen erleiden, die von der Staatsmacht aufgegriffen und festgehalten werden, weiß, dass gerade die jungen Menschen nach solchen Erfahrungen traumatisiert sind.

All die Jahre gab es Proteste, sagt sie, aber nie in dem Ausmaß wie derzeit. Dass es jetzt zum massiven Aufbegehren kommt, ist ihrer Meinung nach ein Beweis für all die unterdrückte Wut und Verzweiflung, die in den letzten 30 Jahren kein Ventil fanden. »Die jungen Leute sehen, was in der Welt los ist«, sagt sie. Sie schauen ins Internet, erkennen Benachteiligungen und Ungerechtigkeiten, sind ihrer Einschätzung nach »wach« und möchten brennend Veränderung. Nicht der Wunsch nach einem neuen Helden, wie damals, als Ayatollah Chomeini aufs Schild gehoben wurde, treibe die Menschen diesmal um, sondern der »Wunsch nach Freiheit«. Viele Frauen seien an den Demonstrationen beteiligt, ein Beweis, dass diese trotz aller öffentlichen Repressalien ein Selbstbewusstsein entwickelt hätten.

»Die jungen Leute sehen im Internet, was Demokratie bedeutet«, sagt auch Anita Moradi, der unterlegene Präsidentschaftskandidat Mir Hussein Mussawi werde von den Demonstranten als »Brücke zur Regierung« betrachtet. »Mussawis Aussagen treffen am ehesten das, was die Leute möchten«, meint ihre Tochter. Nicht um spezielle politische Standpunkte gehe es, sondern um den Wunsch nach Demokratie und persönlicher Freiheit, die man »Schritt für Schritt« erreichen wolle.

Auch in Deutschland formieren sich Demonstrationen: Verhüllt zumeist laufen die Protestler mit ihren Bannern, tragen Sonnenbrillen, damit man ihre Gesichter nicht erkennt. Eine unnötige Vorsichtsmaßnahme? Nein, meint Mahtab L., sie hat von Exil-Iranern gehört, die verhaftet worden sind, sobald sie in ihrem Heimatland den Fuß auf den Boden setzten, die beobachtet worden sein müssen in der Zeit ihrer Abwesenheit. Die deutsche Staatsbürgerschaft schützt Iraner in ihrem Heimatland nicht: Der Staat entlässt seine Bürger nicht, wenn sie dort Schwierigkeiten bekommen, sind sie der Macht ausgeliefert. Wie Mahtab L. erzählt, vermutet ihre Tochter hinter einer iranischen Kommilitonin, die mit Schleier in den Vorlesungen erscheint, einen Spitzel; der Verdacht kommt nicht von ungefähr, ist ihr die junge Frau mit ihrem familiären Hintergrund doch noch aus ihrer früheren Schule bekannt.

Anita Moradi sagt, »ich habe mich nie versteckt«, und deshalb geht sie unverhüllt auf Demonstrationen, hat auch nichts dagegen, dass ein Foto von ihr und ihrer Tochter gemacht wird und ihr Name genannt.

Wie die Lage sich entwickeln wird im Iran, vermögen die Gesprächspartnerinnen nicht einzuschätzen, doch sieht Mahtab L. die Zukunft eher in düsteren Farben. Damals, als sie noch zu den jungen Demonstranten gehörte, liefen auf einmal Bilder im Fernsehen von inhaftierten Oppositionellen, die sich von ihrer bis dato vertretenen Meinung distanzierten, Abbitte beim Regime leisteten und eine fehlerhafte Einschätzung eingestanden. Wie enttäuscht sie und ihre Mitstreiter gewesen seien, weiß sie noch heute. Solche Bilder erwartet sie auch in den nächsten Wochen, wagt kaum zu hoffen, dass es diesmal anders sein wird.

Geplant war, mit der Familie Mitte Juli nach vier Jahren Abwesenheit wieder in den Iran zu fahren, doch ob diese Reise stattfinden wird, steht jetzt in den Sternen. Frauke Ahlers

Angst, plötzlich

Es ist diese Angst, die plötzlich aufsteigt, weil bei dem Versuch, einen Gesprächspartner im Iran zu erreichen, ungewohnte Musik ins Ohr dudelt, die Verbindung eine Zeitlang stumm gehalten wird und schließlich eine fremde Stimme gebrochen auf Englisch sagt, dies sei nicht die richtige Nummer. Angst, ein ungutes Gefühl in der Magengegend, weil Du genau weißt, es ist die richtige Nummer, und weil Du Dich fragst, was mit dem Menschen passiert sein könnte, der vor knapp zwei Wochen zum Verwandtenbesuch in den Iran aufbrach, die Unruhen, die im Zuge der Präsidentschaftswahl aufkamen, nicht vorausahnend. Seit 25 Jahren wohnt er in Deutschland, hat die deutsche Staatsbürgerschaft, doch das interessiert die iranische Staatsmacht nicht, wenn sie zugreift.

Angst auch vor sich selbst und dem eigenen Verhalten. Nach dem missglückten Handyanruf lange überlegt, ob man noch einen zweiten Versuch starten soll. Sich gefragt, ob derjenige, den man erreichen möchte, dann vielleicht Schwierigkeiten bekommt, in denen er aber eventuell ohnehin schon steckt.

Angst, weil die Überzeugung von der eigenen starken demokratischen Haltung und Handlungsweise auf einmal ins Wanken gebracht wird. Wie oft hat man sich gefragt, wie die Zeit der Hitlerdiktatur in Deutschland überhaupt möglich war, wieso nur ein Bruchteil der Bevölkerung den Mund dagegen aufgemacht hat. Die eigene Meinung zu sagen, ist leicht, wenn man in Sicherheit ist. Hut ab vor den Gesprächspartnerinnen, die dazu raten, den Anruf erneut zu probieren, derlei Vorgänge hätten sie auch schon erlebt. Sie habe nur ein Leben, sagt Anita Moradi, aber sie kämpfe »mit offenen Augen«. Sie ficht für eine Demokratie, die sie ihren Landsleuten brennend wünscht und die mich in Sicherheit wiegt.

Frauke Ahlers

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