23. Dezember 2016, 19:13 Uhr

Gassi-Führerschein mit Cäsar

Bad Nauheim (agl). »Der will nur spielen« oder »das macht der sonst nie« – wer kennt solche Floskeln nicht? Wer einen Hund ausführen möchte, sollte Regeln beherzigen. Vor allem wenn man ihn sich im Tierheim »ausleiht«. Grund genug für einen Selbstversuch – mit Cäsar, einem dauerschnüffelnden Hunde-Senior.
23. Dezember 2016, 19:13 Uhr
Leinenübergabe: Tierheim-Leiter Reinhard Schulmeier (r.) übergibt mir die Verantwortung für den frierenden Cäsar. (Foto: nic)

Wer vom Tierheim Wetterau mit einem Hund seiner Wahl eine Runde durch die Natur drehen will, hat es nicht weit. Das Feld liegt direkt vor der Zwingertür. Doch erstens ist es so eine Sache mit dem Hund seiner Wahl und zweitens gilt auch hier: Bürokratie muss sein. »Wir haben auch kleine Anfangshunde, die nicht bissig sind und die man mit jedem los schicken kann«, sagt Reinhard Schulmeier von der Tierheim-Leitung. Ehrenamtliche Gassi-Geher, die regelmäßig unterwegs sind, nehmen auch gerne immer einen bestimmten Hund.

Nun kann es aber mit dem praktischen Teil losgehen. Reinhard Schulmeier sucht für mich Cäsar aus, einen Terrier-Mix-Rüden, der schätzungsweise 2004 das Licht der Welt erblickt hat. Seit Mitte November heißt seine Adresse Brunnenweg in Rödgen, wo sich das Tierheim am Rande des Dorfes befindet. Gemeinsam mit Beagle-Dame Biene tollt er im Auslauf herum. Schulmeier öffnet die Tür und lässt Cäsar hinaus. Der Hund mit dem majestätischen Namen ist ordentlich am Zittern, kein Wunder bei der Kälte. Schulmeier übergibt mir die Leine und erklärt mir einiges über den richtigen Umgang mit dem Hund, während wir uns auf Cäsars nicht allzu enorme Höhe hinunter begeben und ich den kleinen Racker ein bisschen graule. Dabei kann man schon den ersten Fehler machen, denn sich von oben herab über den Hund zu beugen, ist keine gute Idee. Besser ist es, sich von der Seite zu nähern. Einfache Erklärung: »Zwei Hunde begegnen sich auch immer seitlich.«

Wichtig ist zudem, welche Leine man benutzt. »Flex-Leinen sind generell für die Ausbildung nicht geeignet, weil man damit keine Kontrolle über den Hund hat, um ihm was beizubringen«, sagt Schulmeier. Besser seien die klassische Kurzleine oder die locker zehn Meter lange Schleppleine, mit der man Übungen machen könne, auch in Kombination mit Leckerli. »Ziel sollte es sein, dass der Hund Freilauf hat, aber nur, wenn er zuverlässig und gehorsam ist«, sagt Schulmeier. Und jagen dürfe er natürlich auch nicht.

Als wir unsere kleine Gassi-Runde starten, beginnt Cäsar sofort mit dem Schnüffeln. Seiner Nase wird er während des Spaziergangs nur für ganz kurze Momente eine Pause gönnen. »Er soll sich draußen auch ein bisschen hundetypisch bewegen dürfen, also schnuppern und Beinchen heben«, sagt der Experte an meiner Seite. Das gelte aber nicht während einer Übung, die man mit dem Hund machen möchte. Während Cäsar eifrig an der Leine zieht, weist mich Reinhard Schulmeier auf den Tütenspender hin, falls der Terrier-Mix ein Häufchen fabrizieren sollte. Insgeheim hoffe ich, dass es mir erspart bleibt, aber Hunde sind nunmal nicht nur goldig und treu, sie machen auch Dreck. Dass Cäsar an der Leine zieht wie ein Weltmeister, liegt laut Einschätzung des Terheim-Leiters übrigens an zwei Dingen: Erstens habe es Cäsar vermutlich nie richtig gelernt, an der Leine zu laufen. Zweitens wolle er einfach mal raus.

Dann ergibt sich eine echte Bewährungsprobe: Eine Frau mit Hund kommt uns entgegen. Cäsar richtet sich auf, streckt sich. Die Körperspannung zeigt an, was in ihm vorgeht. In gebührendem Abstand gehen Frauchen und Hund an uns Wartenden vorbei. Kein Bellen, kein Knurren, kein übermäßiges Zerren an der Leine. Brav Cäsar, so ist’s recht. »Optimal wäre es jetzt, wenn er zu mir schauen würde und sich nicht vom anderen Hund beeindrucken lassen würde«, sagt Schulmeier.

Es geht zurück Richtung Tierheim-Pforte, Cäsar bleibt seinem Hobby, dem Schnüffeln, treu. Ab und zu hebt er das Beinchen, doch den Hundehaufen erspart mir der Terrier-Mix. Alles in allem eine runde Sache der Spaziergang, da freut man sich über den braven vierbeinigen Begleiter. Auch die junge Beagle-Dame Biene freut sich mächtig, als der betagte Rüde zurück in den Auslauf gelassen wird, hüpft quirlig um ihn rum. Cäsar hat einen tollen Job gemacht und auch mir einen schönen Spaziergang beschert. Ehrenamtlich mit Tierheim-Hunden Gassi zu gehen, ist ein wichtiger Job, doch wer sich dauerhaft für einen Hund entscheidet, der sollte einen Satz des Tierheim-Leiters beherzigen: »Wir können einen Hund nicht fix und fertig ausbilden. Die Besitzer bekommen keinen fertigen Hund.«

Regeln für die Hunderunde

Möchte man ehrenamtlich mit einem Hund aus dem Tierheim Wetterau Gassi gehen, dann sollte man volljährig und Mitglied im gleichnamigen Verein sein. Der Jahresbeitrag liegt bei 15 Euro, gerne darf aber auch mehr Geld gegeben werden. Bevor man mit dem Tier das Gelände verlässt, muss man eine Erklärung unterschreiben, die einige Regeln enthält. So dürfen Hunde nur einzeln und an der Leine ausgeführt werden. Kontakt mit anderen Hunden ist zu vermeiden. Hund und Herrchen oder Frauchen dürfen nur öffentliche Wege benutzen.

Die Unterschrift unter dem Ausdruck ist wichtig, Denn: »Wenn es zur Reiberei kommt, haben wir die Probleme«, spielt Tierheim-Leiter Reinhard Schulmeier auf mögliche Konflikte zwischen einem Tierheim-Hund und einem anderen Hund an. Neben den Vorschriften ist auch die Rückmeldung nach dem Spaziergang von Bedeutung, denn es geht darum, wie sich der Hund außerhalb des Tierheims verhält.

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