17. August 2016, 10:23 Uhr

Das Paradies auf Erden im Goldsteinpark

Bad Nauheim (vpf). In einem Meer von Blumen, zwischen Gartenzwergen, Karotten und Auberginen haben Olga und Anatoli Skumski ihren Ort der Ruhe gefunden. In der Kleingartenanlage im Bad Nauheimer Goldsteinpark sind die beiden den Sommer über zu Hause. Auch das Leid, das die Familie zu tragen hat, wird hier ein wenig kleiner.
17. August 2016, 10:23 Uhr
Olga und Anatoli Skumski fühlen sich wie im Paradies. (Foto: Nicole Merz)

Am Anfang war das Vordach der Holzhütte einfach nur ein Vordach aus Holz. »Das geht so nicht«, hat sich Olga Skumski gedacht, schließlich ist der Schrebergarten im Sommer ihr Wohnzimmer. Und in ein Wohnzimmer gehören Gardinen. Also sitzen Olga und Anatoli jetzt jeden Mittag umringt von ihren selbst genähten blassgrünen Vorhängen im Schatten des Vordachs und spielen Karten. Jeder hat seinen festen Platz links und rechts vom Tisch mit geblümter Plastiktischdecke, hinter ihnen hängen Fotos der fünf Kinder, der Enkel und der Urenkel. »Wenn der Papa mal müde wird, schläft er ein bisschen in der Hütte«, sagt seine Frau. In der Mittagspause zwischen 13 und 15 Uhr könne man sowieso nicht viel machen, da ist nämlich Ruhe vor Rasenmähern und Co. angesagt. Und da das Ehepaar, beide 70 Jahre alt, in ihrer Hütte zwei gemütliche Sofas und einen großen Fernseher stehen hat, kann man es sich dort »herrlich gemütlich« machen.

»Der Schrebergarten ist das letzte wahre Paradies auf Erden«, schreibt Wladimir Kaminer in seinem Buch »Mein Leben im Schrebergarten«. Seine Landsleute Olga und Anatoli sehen das genauso. Im Sommer verbringen sie jeden Tag auf ihren 300 Quadratmetern in der Kleingartenanlage. »Was soll ich in der Drei-Zimmer-Wohnung?«, sagt Mama, wie ihr Mann sie nennt, »hier hab ich Blumen, hier hab ich Sonne, mehr brauche ich nicht.« Dass das maßlos untertrieben ist für das Kleinod, das sich das russische Ehepaar hier durch jahrelange harte Arbeit geschaffen hat, erkennt man auf den ersten Blick. Hollywoodschaukel, wuchernde Gemüsebeete, bunt blühende Blumentreppen, aber auch Satellitenschüssel und eine voll ausgestattete Küche – die Skumskis haben in ihrem Garten alles, was sie brauchen. Nicht mal zum Supermarkt müssen sie, wenn Mama Olga etwas kochen will: In ihren Beeten wachsen Auberginen, Zucchinis, Tomaten, Zwiebeln, Gurken noch und nöcher, »und alles bio«.

Dass es immer etwas zu tun gibt, will Olga Skumski gar nicht bestreiten. »Aber für uns ist das keine Arbeit.« Sie kümmert sich um Obst und Gemüse – und ihre Blumen. Ohne die könne sie nicht leben, präsentiert jede einzeln: »Das sind die Rosen, das sind die Geranien, das sind die Hortensien.« Ihr Mann ist für das Handfeste zuständig, er repariert, hämmert, mauert und zimmert, was immer gerade gebraucht wird. »Der Papa macht alles schick«, sagt seine Frau.

Familie Skumski ist vor zwanzig Jahren aus Russland nach Bad Nauheim gekommen. Einen Garten hatten sie auch in ihrer Heimat, »aber in Deutschland ist er schöner«, sagt Olga. Die Kleingartenanlage im Goldsteinpark ist beinahe vollständig in russischer Hand, nur drei der zehn Gärten gehören nicht-russischen Familien: »Eine ist von Serbien, eine von Jugoslawien, eine von Deutschland.« Alle verstehen sich prächtig, versichert Mama Skumski, wenn man mal was braucht, geht man einfach zu den Nachbarn.

Wie dringend das russische Ehepaar ihr persönliches Kleingarten-Idyll braucht, erklärt Olga Skumski: »Unser Sohn hat das Down-Syndrom, zu Hause dreht er durch.« Hier könne er mit dem Papa im Park Fußball spielen, auf der Hollywoodschaukel sitzen und malen oder Mama beim Gärtnern helfen. »Hier draußen sind wir glücklich, hier draußen ist alles okay«, sagt Olga Skumski mit Tränen in den Augen. Wenn ihr Kind glücklich ist, ist sie es auch: »Auch wenn mein Kind 100 Kilo wiegt und 28 Jahre alt ist.«

Am schönsten sei das Wochenende, sagt Olga Skumski, da kommt nämlich die ganze Familie in den Schrebergarten: Mama kocht, Papa grillt, Kinder und Enkel quatschen, der Urenkel krabbelt auf dem Rasen umher. »Da stellen wir einen großen Tisch auf, damit alle Platz haben«, sagt Olga, »dann ist das hier ein echtes Paradies«. Und für die Zeit zwischen den Wochenenden vertreten Platzhalter aus Keramik die gesamte Sippe. Häschen, Zwerge, Entchen und Feen – jede Figur steht für ein Mitglied der Familie Skumski. Die Keramik-Skumskis begrüßen die Besucher gleich am Eingang in den Garten. In der Mitte sitzen Mama und Papa, wie im echten Leben, glücklich nebeneinander. Ein bisschen Gartenzwergromantik gehört eben doch in jeden Schrebergarten.

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