01. Juli 2016, 19:23 Uhr

Ende einer langen Leidenszeit

Bad Nauheim (bk). In der Gründerzeit-Villa in der Luisenstraße könnte Christian Soll geruhsam leben. Könnte – doch ein psychisch Kranker aus dem Pflegeheim Haus Elvira sorgt für ständige Lärmbelästigung und schmeißt ab und an mit Möbeln um sich. Soll ist stinksauer: nicht auf den Kranken, aber auf Heimleitung und Behörden.
01. Juli 2016, 19:23 Uhr
Wenn der psychisch kranke Bewohner des Hauses Elvira ausgerastet ist, dann hat er Stühle zertrümmert und sein Zimmerinventar aufs Nachbargrundstück geworfen. (Foto: pv)

Wenn sich Christian Soll im Hof des schönen Hauses aufhält, das sich im Familienbesitz befindet, schaut er oft besorgt nach oben. Von dort könnte es Stühle, Spiegel oder ähnliche Gegenstände auf sein Grundstück regnen. Hinter der Villa in der Luisenstraße 11 steht nämlich das Haus Elvira (Lindenstraße 9), eine Pflegeeinrichtung für psychisch Kranke, die auch eine geschlossene Abteilung hat. Im oberen Stockwerk des Heims hat bis vor Kurzem ein Mann gelebt, der auf Solls Grundstück blicken konnte. »Die Belästigungen durch diesen Bewohner reichen von dauerhafter Beschallung durch Musik zu sämtlichen Tages- und Nachtzeiten, mitunter stundenlang, über lautstarke Ausraster und Beschimpfungen bis hin zu extrem gefährlichen Eskalationen«, berichtet der Selbstständige, der seit Mai 2015 wieder in der Villa wohnt. Mieter und Nachbarn hätten schon viel länger unter diesen Zuständen zu leiden.

Der Kranke habe mehrfach sein gesamtes Zimmerinventar durchs offene oder geschlossene Fenster und durch die Balkontür geworfen. Die Sachen landeten in Solls Hof oder auf dem Garagendach. »Im November wäre ein Besucher beinahe erschlagen worden. Nur durch einen Sprung in Deckung konnte er sich vor schwersten Verletzungen retten.« In der letzten Woche kam es erneut zu einem heftigen nächtlichen Zwischenfall. »Das dauerte durchgehend von 2 bis 6.30 Uhr. Die zwei Nachtschwestern hatten nichts unter Kontrolle und selber große Angst.«

Seit Monaten ist der 42-jährige Soll in Kontakt mit der Heimleitung, dem Ordnungsamt und der Polizei. Lange sei nichts unternommen worden. Die Polizei verweise auf die Zuständigkeit der Stadt, die sich ebenfalls nicht kümmere.

In einem Schreiben des Ordnungsamts an Soll, das der WZ vorliegt, heißt es: »Das Ordnungsrecht bietet keine Möglichkeit des behördlichen Einschreitens, da eine akute Gefahr für die öffentliche Sicherheit und Ordnung nicht besteht.« Angesichts solcher und ähnlicher Äußerungen kann der 42-Jährige nur mit dem Kopf schütteln. Die Leitung des Hauses Elvira werde der Lage nicht Herr, Christian Soll bezeichnet sie als »macht- und ratlos«.

Umzug in geschlossene Psychiatrie

Erste Stadträtin Brigitta Nell-Düvel und Rolf Köhnen, Geschäftsführer des Pflegeheims, weisen diese harsche Kritik zurück. »Der Fall beschäftigt uns seit Langem. Der Mann wurde immer wieder auffällig, hat auch mehrfach Feueralarm ausgelöst. Aber der Stadt sind aufgrund der Rechtslage die Hände gebunden«, erklärt Nell-Düvel. In enger Kooperation mit dem Betreuer des Kranken, der Hausleitung und anderen Beteiligten sei jetzt eine Lösung erzielt worden. Ein Richter habe entschieden, den aggressiven Kranken in die geschlossene Psychiatrie einzuweisen.

»Ich gehe davon aus, dass der Mann nicht nach Bad Nauheim zurückkehrt«, sagt Haus-Elvira-Geschäftsführer Köhnen. Das Pflegeheim werde nämlich Ende Juli oder Anfang August in einen Neubau in Butzbach umziehen (siehe weiteren Artikel). Der jetzige Standort in der Lindenstraße sei nicht mehr geeignet, weil sich das Viertel zum reinen Wohngebiet entwickelt habe.

Wie Köhnen bestätigt, war der Kranke in der geschlossenen Abteilung untergebracht. »Das heißt aber nur, dass er nicht ohne Begleitung rausdarf. Wir sind ein Pflegeheim, kein Gefängnis.« So sei es etwa gesetzlich nicht erlaubt, die Fenster zu vergittern. Eine Verlegung des Störenfrieds innerhalb des Gebäudes sei nicht möglich gewesen. Köhnen: »Das scheiterte an innerbetrieblichen Strukturen. Zudem muss der Betroffene oder sein Betreuer zustimmen.« Nur dank der »großen Bemühungen« des Ordnungsamtes und wegen der Vorfälle in der vergangenen Woche seien der richterliche Beschluss und die Einweisung des Patienten in eine psychiatrische Klinik schließlich erfolgt.

Christian Soll und seine Leidensgenossen können endlich aufatmen.

In vier Wochen nach Butzbach

Seit gut zehn Jahren hört Christian Soll Gerüchte vom baldigen Umzug des Hauses Elvira. »Das glaube ich erst, wenn der letzte Bewohner weg ist.« Doch diesmal scheint wirklich was dran zu sein. Der Villenbesitzer aus der Luisenstraße ist selbst nach Butzbach gefahren und hat sich den fast fertigen Neubau angesehen. Die WZ hatte vor drei Jahren über den Wechsel des Heims mit seinen etwa 55 Beschäftigten und 66 Pflegeplätzen berichtet. Damals war von der Geschäftsführung des Hauses, das zur Curatus-Pflegeeinrichtungen Lindenpark GmbH gehört, 2015 als Termin genannt worden. Ende Juli oder Anfang August 2016 soll der Umzug tatsächlich erfolgen.

Die Geschäftsführung wäre gerne in der Kurstadt geblieben. Ein neuer Standort, der wie in Butzbach auch in einem Gewerbegebiet hätte liegen dürfen, wurde aber nicht gefunden. Laut Heimleitung hat die Stadtverwaltung kein Interesse gezeigt, das Haus zu halten. Für die Versorgung psychisch Kranker im Kreis spielt Elvira eine zentrale Rolle, weil es das einzige Pflegeheim mit geschlossener Abteilung ist.

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