23. März 2016, 18:43 Uhr

Lob trotz Umsatzeinbußen

Bad Nauheim (bk). Mit Skepsis, gar mit Angst blickten Geschäftsleute aus der Bad Nauheimer Stresemannstraße vor einem Jahr auf die bevorstehenden Umbauarbeiten. Heute fällt die Reaktion ganz anders aus: Die Einzelhändler sind voll des Lobes für Baufirma und Stadtverwaltung – trotz Umsatzeinbußen von bis zu 40 Prozent.
23. März 2016, 18:43 Uhr
»Die Jungs geben Vollgas«: Viel Lob gibt es für die Mitarbeiter der Baufirma, die derzeit die Stresemannstraße umgestalten. (Foto: Nici Merz)

Adolf Purper ist in Bad Nauheim nicht nur als Goldschmied bekannt, sondern auch als früherer Vorsitzender des Werberings (heute Erlebnis Bad Nauheim). Wenn etwas schiefläuft in der Stadt, scheut sich der Geschäftsmann nicht, den Missstand offen anzusprechen. »Ich bin sehr kritisch, aber das läuft wirklich gut«, sagt der Goldschmied. Lob aus Purpers Mund, gar für die Stadtverwaltung – das ist selten. Dabei hätte der Schmuckexperte mit Laden in der Stresemannstraße 16 allen Grund zur Klage. Seit Mitte Januar mit Abschnitt zwei der Stresemannstraßenumgestaltung begonnen worden ist, verzeichnet er Umsatzeinbußen von 40 bis 50 Prozent. »Die Laufkundschaft bleibt weg. Das merkt man sehr stark.«

Wer das Geschäft gezielt ansteuere, habe kaum Probleme, auch wenn sich die Absperrungen manchmal stündlich ändern. »Heute früh um 8 Uhr konnte ich ohne Schwierigkeiten in den Laden gehen. Eine Viertelstunde später wurde ein Loch gebuddelt, 30 Minuten später war es wieder zu.« Purper hatte vor dem Projektstart im Sommer 2015 Bedenken. Er befürchtete eine »zweite Hauptstraße«. Dort habe es zu wenig Baufortschritt gegeben: »Oft waren nur drei Leute auf der Baustelle.« In der Fußgängerzone laufe alles viel besser. »Ich kann nichts Nachteiliges sagen. Das gilt auch für die Kommunikation mit Baufirma und Stadt.«

Zu einem ähnlichen Urteil kommt Jochen Rottgardt, Geschäftsführer von Herrenmoden Hinzen (Stresemannstraße 14). »Die Jungs von der Baufirma geben Vollgas. Die Mitarbeiter sind hilfsbereit und jederzeit ansprechbar, wenn es ein Problem gibt.« Glücklicherweise sei der Winter mild ausgefallen, bereits Mitte Januar habe mit dem zweiten Bauabschnitt begonnen werden können. »Bei uns sind Januar und Februar Niedrigfrequenzmonate. Im März geht es normalerweise wieder richtig los«, sagt Rottgardt. Er hat während der Bauphase mit Umsatzverlusten von etwa 20 Prozent gerechnet. Im März werden es wohl 25 bis 30 Prozent. »Wenn das bis Juni so weitergeht, wäre das schon bitter«, betont der Einzelhändler.

Patscha »total zufrieden«

Rottgardt sieht die ausbleibende Laufkundschaft als Hauptursache. Vor Baubeginn hätten die Leute oft am Sonntag einen Schaufensterbummel unternommen und dabei etwas Hübsches entdeckt. »Montags sind sie dann zum Kaufen gekommen. Das war immer ein starker Tag, derzeit nicht mehr.«

Rainer Müssing von Foto Stöber (Stresemannstraße 20) kann den Umsatzverlust nicht genau abschätzen. »Es kommen aber etwa 30 Prozent weniger Kunden als vorher.« Dabei werde ein Fotoladen – im Gegensatz zu Geschäften anderer Branchen – meist gezielt aufgesucht. Noch ein Vorteil für Stöber: Das Geschäft von Foto Hölzel wurde vor nicht allzu langer Zeit geschlossen, was zusätzliche Kundschaft brachte. »Sonst wäre sicherlich ein stärkerer Rückgang zu verzeichnen«, sagt Müssing. Mit der Arbeit des Bauunternehmens ist er sehr zufrieden. Es gehe schneller als gedacht voran. »Die Organisation stimmt offenbar, kein Vergleich zur Hauptstraßensanierung.« Besorgt schaut das Team von Foto Stöber dem Zeitpunkt entgegen, wenn ein neuer Hausanschluss installiert wird. Dann könne es zu größeren Beeinträchtigungen kommen.

»Total zufrieden« mit der Abwicklung des Projekts ist Jürgen Patscha, Fachbereichsleiter Stadtentwicklung im Rathaus. Es sei die richtige Strategie gewesen, in der unteren Fußgängerzone zu beginnen. Dieses Teilstück sei schnell erledigt gewesen. »Die Bürger können sehen, wie die neue Stresemannstraße aussehen wird. Die Resonanz ist durchweg positiv, das Design kommt gut an.« Die Baufirma liege im Zeitplan, auch der Kostenrahmen werde nach dem jetzigen Stand nicht gesprengt. Die Einzelhändler loben die Stadtverwaltung, Patscha gibt das Lob zurück: »Wenn mal was nicht klappt, haben die Anlieger trotzdem ein Lächeln auf dem Gesicht und beschweren sich nicht gleich massiv«, erklärt der Fachbereichsleiter. Noch will er allerdings den Tag nicht vor dem Abend loben. Die schwierigsten Abschnitte stünden noch bevor. »Die Straße wird enger, der Kanal liegt tiefer. Die Arbeiten werden sicher nicht einfacher«, betont Patscha.

Gut zwei Jahre für 350 Meter

Bei Sanierung und Umbau der Fußgängerzone ist die Halbzeit nicht mehr fern. Mitte des Jahres soll Abschnitt zwei abgeschlossen sein. Das dritte Teilstück liegt zwischen Alicestraße und Reinhardstraße, es wird bis Ende November bearbeitet. Spätestens im März 2017 wird der vierte und letzte Abschnitt (Reinhardstraße – Friedrichstraße) in Angriff genommen. Im September soll Einweihung gefeiert werden.

Für die 350 Meter lange Stresemannstraße wird somit eine Bauzeit von gut zwei Jahren benötigt – allerdings mit mehrmonatigen Winterpausen. Investiert werden 3,7 Millionen Euro (inklusive Ausgaben der Stadtwerke).



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