05. Februar 2016, 14:03 Uhr

Die Sache mit der Angst

Bad Nauheim/Friedberg (vpf). Kein Thema beherrscht die Medien zurzeit so sehr wie die große Zahl der Flüchtlinge. Dem »Wir schaffen das« steht Angst gegenüber. Was denken die Menschen in der Wetterau? Die WZ hat sich in Bad Nauheim und in Friedberg umgehört.
05. Februar 2016, 14:03 Uhr
Wie wirken sich Straftaten – beispielsweise solche in der Silvesternacht in Köln – auf das Sicherheitsgefühl von Menschen in der Wetterau aus? Eine Umfrage zeigt dass manche Befragten hin- und hergerissen sind. (Fotos: (vpf/4, dpa/1)

Durch Schreckensberichte wie jene über die sexuellen Übergriffe in der Silvesternacht in Köln fühlen sich viele Menschen eingeschüchtert, rechte Gruppierungen wie PEGIDA nutzen dies aus, warnen vor der angeblichen Gefahr durch Migranten. Doch wie sieht es mit dem Sicherheitsgefühl von Bürgern in Bad Nauheim und Friedberg aus? Hat es sich durch den Zuzug von Flüchtlingen verändert? Wie sehr fühlen sie sich von »Schreckensmeldungen« beeinflusst?

»Ich habe überhaupt keine Angst«, sagt Vera Dörr. Sie arbeitet als Altenpflegerin, ist viel in Bad Nauheim und Friedberg unterwegs, aber außer dem »Tratsch« habe sie nichts Negatives gehört: »Manchmal hört man was beim Friseur oder beim Einkaufen, aber das nehme ich nicht so ernst.«

Anders geht es der Friedbergerin Karin Stahlkopf, sie macht sich Gedanken, wenn sie alleine unterwegs ist: »Wenn mir eine Gruppe junger männlicher Flüchtlinge entgegenkommt, dann halte ich meine Tasche fest am Körper.« Viele stammten eben aus armen Gebieten, hätten in der Vergangenheit nicht anders gekonnt, als sich durch Diebstahl etwas dazuzuverdienen. »Deshalb verurteile ich sie auch nicht dafür, ich bin einfach ein wenig wachsamer. « Rolf Phillipi aus Friedberg weiß nicht, wie er sich verhalten, was er denken soll: »Den einen Tag ärgert man sich, macht sich Gedanken, und am nächsten sieht man das wieder ganz anders.« Generell findet er, die Flüchtlinge müssten besser betreut, besser in die Regeln und Gesetze der Bundesrepublik eingeführt werden: »Aber das kriegt die Regierung nicht hin. Es gibt keinen Masterplan.«

Ein 62-jähriger Rosbacher findet, wenn man den Kontakt erst einmal suche, seien die Erfahrungen meist positiv: »Zum Beispiel habe ich letztens einen jungen Syrer im Auto mitgenommen, da er das gleiche Ziel hatte wie ich. Wir haben uns unheimlich gut verstanden.« Eines zeigt sich deutlich bei der Umfrage unter jungen Frauen und Mädchen in der Wetterau: Ja, viele haben Angst. Doch scheint ihre Angst nicht durch eigene schlechte Erfahrungen geprägt zu sein, sondern vor allen Dingen durch die Schreckensmeldungen aus den Medien. »Ich arbeite im Verkauf«, sagt die 17-jährige Julia Müller aus Friedberg, »dort komme ich oft mit Flüchtlingen in Kontakt und alle sind sehr nett. « Sei sie jedoch im Dunklen alleine auf dem Heimweg, müsse sie an Berichte wie solche über die Übergriffe in der Silvesternacht denken. »Und dann habe ich plötzlich Angst.«

Ähnlich geht es der 16-jährigen Lisa Bepperling: »Ich selbst habe keine schlechten Erfahrungen in der Begegnung mit Flüchtlingen gemacht. Aber wenn ich abends alleine am Bahnhof stehe, und mir kommt eine Gruppe junger Männer entgegen, dann fühle ich mich unwohl. Man hört einfach so viel.« Ihrer Freundin Acelya Ucan geht es auch so. Doch sie lebt in der Nähe einer Flüchtlingsunterkunft, dort habe die 16-Jährige nur Positives erlebt: »Die sind alle supernett und freundlich.« Auch Dorothee Schätzle trifft immer wieder geflüchtete Menschen, unterrichtet sie in der deutschen Sprache: »Da ist keiner bedrohlich.«

Und dennoch: Eine gewisse Verunsicherung scheint es zu geben, weiß Marianne Ulrich, Inhaberin des Geschäfts »Steinöckel« auf der Friedberger Kaiserstraße: »Von zehn Leuten, die hier reinkommen, erzählen acht, dass sie große Angst haben.« Der Anstieg der Verteidigungsmittel sei immens: »Während wir früher vielleicht zehn Pfeffersprays in der Woche verkauft haben, verkaufen wir im Moment zwischen 200 und 250 pro Woche.«

»Gefühlte Gefahr«

In der Wetterau sind seit Beginn des vergangenen Jahres insgesamt rund 3000 Flüchtlinge aufgenommen worden, allein in diesem Jahr sind es bereits fast 500, wie der Pressesprecher des Wetteraukreises, Michael Elsaß, erklärt. Ist in der Wetterau die Zahl krimineller Übergriffe durch den Zuzug der Flüchtlinge gestiegen? »Es gibt überhaupt keine Auffälligkeiten«, sagt der Pressesprecher der Polizei Friedberg, Erich Müller. Natürlich gebe es hier und da einzelne Vorfälle, die gebe es aber immer und sie könnten daher nicht auf die Flüchtlinge zurückgeführt werden. »Die Gefahr, von der viele zurzeit sprechen, ist eher gefühlt, aber zumindest in unserem Gebiet nicht belegbar«, erläutert Müller. Gebe es Auffälligkeiten, fühle sich jemand unsicher, werde natürlich jedem Hinweis nachgegangen, versichert er: »Lieber einmal zu viel anrufen, als einmal zu wenig.« (vpf)

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