08. Januar 2016, 18:13 Uhr

Normgerechter Gitterkäfig

Bad Nauheim (agl). Was kann man Flüchtlingen zumuten und was nicht? Nur wenige Zeilen umfasste die Polizeimeldung über eine Demo von Flüchtlingen in Bad Nauheim. Gegen die Zustände im Sportheim und für eine Unterbringung in Wohnungen hätten sie demonstriert. Wie ist die Lage im Sportheim?
08. Januar 2016, 18:13 Uhr
Das Sportheim in der Bad Nauheimer Hauptstraße. (Fotos: agl/pv)

Alles ist okay in Deutschland – außer dieser Platz.« Der Mann, der seinen Namen nicht nennen möchte, steht vor dem Sportheim in der Bad Nauheimer Hauptstraße. Seit wenigen Tagen ist er dort untergebracht, zusammen mit etwa 60 anderen Flüchtlingen. Es sei absolut in Ordnung, wie mit ihm umgegangen werde, und auch das Essen sei gut, sagt der Syrer. Die Enge aber treibt ihn um. Was er damit meint, zeichnet er auf den Block des WZ-Redakteurs: Ein Quadrat, zehn mal zehn Meter, mehrfach unterteilt, mal zwei Betten zusammen, mal drei, mal vier. »Alles findet in der Öffentlichkeit statt«, beklagt der Mann, der den langen Weg aus Kamishi im Nordosten Syriens nach Deutschland auf sich genommen hat. Zu Fuß, mit Bus und Zug war er unterwegs gewesen. »A lot of terrible things«, viel Schlimmes, habe er erlebt. Am 5. Oktober kam er in München an. Seine Familie ist noch in Syrien.

Am Montag gehörte der Mann zu denjenigen, die bei einer Demonstration auf der Parkstraße die Zustände im Sportheim kritisierten. »Overcrowded«, überfüllt, sei es dort. 25 bis 30 Menschen könnten zusammen im Sportheim wohnen, sagt der Mann aus Syrien, aber nicht um die 60. Die Demonstranten hätten ihren Unmut wegen des Sportheims geäußert und eine Unterbringung in Wohnungen gefordert, hieß es in der Polizeimeldung. »Es ging nicht um die Zustände im Sportheim, sondern darum, dass Neuankömmlinge in Wohnungen wollten«, sagte hingegen Erste Stadträtin Brigitta Nell-Düvel am Freitag. »We are not looking for flats«, stellte der Flüchtling aus Syrien klar – es gehe nicht um Wohnungen. Er komme einzig und allein nicht mit der Enge im Sportheim zurecht, mit der fehlenden Privatsphäre. Gestern habe er nachts bis 3 Uhr wach gelegen, man höre zu viel, finde keine Ruhe.

»Kein Privatleben«

Gerne hätte sich die WZ selbst ein Bild von der Lage im Gebäude gemacht, doch an der Haustür gab es am Freitag die klare Ansage des Sicherheitsdienstes: Zugang nur mit Erlaubnis der Stadt. Die aber gibt es nicht, wie die Erste Stadträtin später telefonisch unterstreichen sollte. Die Flüchtlinge sind derzeit ausschließlich im Erdgeschoss untergebracht. Die erste Etage solle perspektivisch als Wohnung für Flüchtlinge genutzt werden, sagte Nell-Düvel. Das Erdgeschoss sei »normgerecht eingerichtet«. Es gebe auch die Option, sich nicht im Saal aufzuhalten, »eine Spur von Privatsphäre« sei möglich. Derzeit seien bei der Einrichtung des Sportheims keine Änderungen angedacht, die Plätze würden gebraucht.

Rückblende: Mitte Dezember, nachdem die ersten Flüchlinge ins Sportheim gekommen waren, räumte Peter Krank, Leiter des städtischen Sozialamtes, ein, dass es sich um eine Notunterkunft handele. »Wer zieht schon gerne in einen Gitterkäfig ein?«, reagierte Krank damals auf Kritik an der Unterbringung. Es gebe aber leider keine Alternative zum Sportheim.

Wie schwer Flüchtlinge dort anscheinend zurecht kommen, hat sich bei der Demonstration gezeigt. Und am selben Abend, als sich Flüchtlinge zur Aufnahmeeinrichtung in Kirch-/Pohl-Göns aufmachten. Die Unterkunft dort kennt der Englischlehrer aus Syrien. 25 Menschen seien in der Sporthalle in dem Butzbacher Stadtteil untergebracht, die Situation dort sei besser als die im Sportheim. Doch als die Gruppe nach der Demo am Montag dort ankam, sei sie nicht hineingelassen worden. Mehr als zehn Stunden hätten sie im Regen gestanden, dann habe sich der »Head of Butzbach«, der Mann meint vermutlich den Bürgermeister, für sie eingesetzt, dafür gesorgt, dass sie in die Halle dürfen und etwas zu essen bekommen.

Die Polizei habe jedoch gedroht, dass die Flüchtlinge unter Zwang nach Bad Nauheim zurückgebracht würden, sollten sie dies nicht freiwillig tun, sagte der Syrer. Klares Dementi von der Polizei: Zwang habe sie definitiv nicht ausgeübt, nahm Polizei-Pressesprecher Erich Müller Stellung.

Freitagvormittag, ein weiterer Flüchtling, ein junger Mann aus Aleppo, steht vor dem Sportheim und raucht. »No privacy at all«, sagt auch er – Privatleben Fehlanzeige. Bis Mitternacht oder 1 Uhr brenne im Sportheim das Licht. Und die fehlenden Möglichkeiten, sich zu beschäftigen. Man lerne Deutsch, eine Stunde, zwei oder drei. Und dann? »Kein Internet, kein Fernsehen, nichts.« Er selbst habe nicht demonstriert, sagt der Mann. Doch vielleicht wird sein Gespräch mit der WZ als eine Art Demonstration gewertet: Eine resolute Frau, möglicherweise vom Sicherheitsdienst, kommt heraus. Wir hätten nicht mit den Bewohnern zu reden, sagt sie. Eine Forderung, die auf einem Bürgersteig in einem freien Land mit freien Bürgern schlichtweg eine Unverschämtheit ist.

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